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Zwangserkrankung: Skin Picking - Kratzen, bis das Blut fließt

Skin Picking wird von vielen Menschen als "knibbeln" abgetan. Das harmlose Verb verspricht, dass man diese Gewohnheit einfach so lassen kann. Jedoch ist Skin Picking eine Krankheit, die den Betroffenen das Leben zur Hölle macht.

Von Nada Assaad

Skin Picking wird als Zwangsstörung gehandelt

Skin Picking – das übermäßige Knibbeln und Kratzen an der Haut – ist eine Zwangserkrankung, die medizinisch behandelt werden muss

Getty Images

Laila* steht in der Mitte des Wohnzimmers, umringt von Verwandten. Auf dem Sessel neben ihr liegen haufenweise aufgetragene Klamotten ihrer Cousinen. Ihre Mutter reicht ihr Shorts, die sie anprobieren soll. Als Laila sich im Kinderzimmer umzieht, entdeckt sie etwas auf ihrem Bein, das dort nicht hingehört: einen Mückenstich.

Bevor sie begreift, was sie tut, ist Lailas Hand bereits dabei, den Mückenstich zu "bearbeiten". Sie kratzt und kratzt, bis sich ein Stück Haut von ihrem Bein löst. Es dauert ein paar Sekunden, bis ein dunkelroter Tropf erscheint. Als sie das Blut sieht, erschrickt Laila. Im Wohnzimmer stellt sie sich mit dem Gesicht zur Schrankwand, sie schämt sich für ihre Wunde. "Dreh dich doch mal, wir sehen ja nichts!", sagt ihre Mutter. Als sie sich umdreht, spürt sie, wie etwas Warmes an ihrem Bein entlang rinnt. "Ach, Laila", sagt ihre Mutter und guckt traurig. Lailas Blick ist starr auf den Boden gerichtet.

Damals war Laila sieben Jahre alt, heute ist sie Ende zwanzig – und tut es immer noch: Sie zupft, reißt und verletzt ihre Haut mit den Händen oder einer Pinzette. Manchmal benutzt sie auch eine Nagelschere. Lailas Familie liegt ihr seit Jahren in den Ohren, das zu lassen. Dabei ist "das" nicht so einfach. Denn Laila leidet unter der Krankheit "Skin-Picking-Disorder", welche in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten unter dem Code F.63. – für "Abnormale Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle" geführt wird. In dem aktuelleren, psychiatrischen Klassifikationssystem der USA, dem Diagnostic and Statical Manual of Disorders, wird die Krankheit seit 2013 unter "Excoriation Disorder" geführt.

Skin Picking ist eine Zwangsstörung

Das harmlos klingende Wort "Gewohnheit" in der deutschen Krankheitsbezeichnung deutet bereits darauf hin, warum die Krankheit erst 2013 offiziell in das Register aufgenommen wurde. Denn wie Lailas Familie halten viele Skin Picking für eine lästige Gewohnheit, die man einfach mit genügend Willenskraft beseitigen kann. Dabei ist das übermäßige Knibbeln und Kratzen an der Haut eine Zwangserkrankung, die medizinisch behandelt werden muss: "Zwangserkrankungen wie Skin Picking sind noch relativ unerforscht, mit aktuell zwölf Studien hält sich das Fachwissen sehr im Rahmen", sagt Prof. Dr. med. Uwe Gieler, leitender klinischer Oberarzt an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Giessen und Marburg.

2015 führte Gielers Institut eine Repräsentativstudie zu Skin Picking mit 2513 Teilnehmern durch. Aus der Studie geht hervor, dass 0,7 Prozent der Befragten "sehr schweres" Skin Picking betreiben. 3,4 Prozent gaben an, im moderaten Umfang an ihrer Haut zu kratzen und zu knibbeln. Mit 55,5 Prozent sind weibliche Skin Picker leicht in der Überzahl. Laut Prof. Gieler ist die Wahrscheinlichkeit, an Skin Picking zu erkranken, höher, wenn jemand aus der Familie bereits daran erkrankt ist. "Skin Picker verspüren eine innere Unruhe, die erst dann verschwindet, wenn sie an ihrer Haut kratzen. Daran sind neuronale Prozesse im Gehirn beteiligt", erklärt Gieler. Kurz gesagt: Das Gehirn verlangt bei Unruhe nach sofortiger Entspannung, die im Kopf mit Kratzen an der Haut verankert ist.

Manche Skin Picker wie Laila werden erst dann unruhig, wenn sie unebene Stellen wie einen Pickel oder eine Schürfwunde in ihrem Gesicht, Rücken oder an den Beinen entdecken. Weil sie die Unebenheit schnell loswerden wollen, drücken oder kratzen sie daran und treten damit einen schier endlosen Teufelskreis los: "Dadurch, dass man Entzündungsherde beim Kratzen tiefer in die Haut drückt, breitet sich die Entzündung aus", sagt Prof. Gieler. Die Wunde verheilt langsamer, als gewünscht und der Leidensdruck für Erkrankte erhöht sich. Auf diese Anspannung folgt unweigerlich ein neues Kratzen an der Haut. Aus dem Teufelskreis können Betroffene nur schwer alleine ausbrechen. Sie berichten außerdem, dass sie manchmal gar nicht mitkriegen, wie sie ihre Haut verletzen. Viele der Situationen, in denen Menschen Skin Picking betreiben, kennen auch Nicht-Erkrankte: im Bad vor dem Spiegel oder vor dem Fernseher.

Es gibt Hilfe

Der Wegfall der Anspannung und die neue "ebene" Haut bringen Laila immer einen kurzen Moment der Freude. Auf diesen Moment folgt jedoch schnell die Scham. Oft wird sie gefragt, ob sie hingefallen ist, wenn die frischen Wunden unter dem dicken Make-up noch durchscheinen.

Prof. Gieler rät zu einer Verhaltenstherapie, damit Situationen, in denen Skin Picker an ihrer Haut kratzen, erkannt und durch neue Handlungen ersetzt werden können. Mit dem sogenannten Habit-Reversal-Training, wie Gielers Ansatz genannt wird, arbeitet auch die Seite "Knibbelstopp" der Abteilung für Psychologie an der Universität zu Köln.

Die Studie zu "Knibbelstopp" wird gerade erst ausgewertet, Studienleiterin Linda Mehrmann spricht aber bereits von ersten Erfolgen des vierteiligen Programms. Das Projekt stellt damit ein Novum in der Behandlung von Skin Picking dar, weil man sich selbst anonym helfen kann.

Die Kölnerin Ingrid Bäumer, Betreiberin der Seite "skin-picking.de" und Gründerin der "damals ersten Selbsthilfegruppe für Skin-Picking europaweit" kennt dieses Gefühl sehr gut. Sie erkrankte bereits in ihrer Kindheit. Bis sie vor acht Jahren ihre Selbsthilfegruppe in Köln gründete, gab es noch wenige Angebote zur Selbsthilfe für Skin Picker. Bäumer plant einen bundesweit tätigen Verein zu gründen, der Selbsthilfegruppen unterstützt, die Forschung zu Skin Picking fördert und Ärzte und Therapeuten zum Thema informiert.

Laila ist es leid, dass Menschen sie ständig fragen, wieso sie das Kratzen nicht einfach sein lassen kann. Sie hofft, irgendwann nicht mehr erzählen zu müssen, dass Skin Picking eine Krankheit ist, die man nicht einfach sein lassen kann.

 *Name ist der Redaktion bekannt.

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