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Bulimie und Magersucht: Meine Freundin, die Essstörung und ich

Die Freundin unserer Autorin leidet an einer Essstörung. Dadurch hat sie sich intensiv mit Krankheiten wie Bulimie und Magersucht beschäftigt – und sieht sie plötzlich überall. Für NEON hat sie mit einer Expertin gesprochen und gibt Tipps für Angehörige.

Von Dana Weise

Magersucht und Bulimie: So erkennen Sie die wichtigsten Anzeichen

Ich lernte Elisa über gemeinsame Freunde kennen. Sie war mir sofort sympathisch, sie war herzlich, süß, offen und dankbar. Dankbar für jede Nachricht, die ich ihr schrieb, überschwänglich glücklich, wenn ich ihr eine Whatsapp schickte und immer ganz aufgeregt, wenn sie freitagabends zu mir kam, hübsch gemacht und froh, gleich mit mir, ihrer Freundin, auszugehen. Denn diese Art von Aufmerksamkeit, die Zuneigung und das Vertrauen einer richtigen Freundin, hatte ihr lange niemand mehr geschenkt.

Nachdem wir uns einige Wochen kannten, erzählte Elisa mir, dass sie als Teenager gemobbt worden war. Und dass das der Anfang ihrer Essstörung war. Sowas kannte ich bis dahin nur von anderen Leuten, weit weg von mir, von Magermodel-Skandalen und von Promis aus dem Fernsehen und der Zeitung. Heute weiß ich, wie viele Menschen tatsächlich von Essstörungen betroffen sind.

Die Dunkelziffer bei Essstörungen ist groß

Dr. YooJeong Lee von der Christoph-Dornier-Klinik in Münster ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie leitet Essstörungsgruppen mit maximal acht Patienten, manche bleiben drei Wochen, manche sechs Monate. Ihre jüngste Patientin war 14 Jahre alt, die älteste 52 und nicht zum ersten Mal in einer Klinik. Leere Plätze gibt es nie. Im Gegenteil, für die Gruppe gibt es sogar eine Warteliste. Studien belegen, dass zwei bis drei Prozent der Deutschen an Bulimia nervosa leiden. Der Fachbegriff für Ess-Brech-Sucht, also Essattacken, die in Erbrechen enden. Und 0,5 bis ein Prozent an Anorexia nervosa, Magersucht. Immer weniger essen. 95 Prozent der Erkrankten sind Frauen. Die Dunkelziffer der erkrankten Menschen ist laut Dr. Lee hoch; vor allem bei essgestörten Männern, die trotz chronischen Untergewichts ihr Leben lang keinen Arzt aufsuchen werden. 

Meine Freundin, die Essstörung und ich

Die Dunkelziffer bei Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht ist sehr hoch

Getty Images

Gemobbt werden und als Folge an einer Essstörung erkranken, wie bei Elisa – das sieht aus wie eine einfache Gleichung. Der Mensch will Aufmerksamkeit, fühlt sich von anderen ausgeschlossen; magert er ab, schauen alle wieder hin. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Der essgestörte Patient merkt und weiß, da es uns die Gesellschaft vorlebt: Schlank ist beliebt, Abnehmen ist lobenswert. Doch warum magert dann ein essgestörter Mensch immer weiter ab, bis ins Extreme, wird krankhaft dünn, und steckt sich den Finger in den Hals?

Es geht um Kontrolle

Es gibt ihnen das Gefühl, über etwas die Kontrolle zu haben. Sie wollen nicht die Sorge der anderen, sie wollen auf etwas stolz sein können. Die Hilflosigkeit in den anderen Bereichen ihres Lebens rückt in den Hintergrund. Und es geht ihnen nicht nur um den Zuspruch von anderen Menschen, sondern auch um den Stolz auf sich selbst, wenn sie es den ganzen Tag ohne Essen ausgehalten haben und sich selbst im Spiegel betrachten, das Gewicht gehalten oder sogar wieder etwas mehr abgenommen. Sie sind endlich gut in etwas. Aber blenden dabei aus, dass sie Sterben können, wenn sie zu gut darin sind.

Manche von Dr. Lees Patienten waren schon kurz davor. Vor dem Sterben. Sie nimmt in ihrer Klinik manchmal Erkrankte auf, die einen BMI von nur zwölf aufweisen – in den meisten Einrichtungen werden solche Patienten weggeschickt, ins Krankenhaus. Stichworte: Ernährung über eine Sonde und Astronautennahrung. Eine Tortur für einen essgestörten Menschen, weshalb Dr. Lee den Ansatz vermeidet. Sie nimmt diese Patienten in ihre Essgruppe auf, um sie langsam wieder an ein normales Essverhalten heranzuführen. Doch bei einem BMI von zwölf ist das Krankenhaus manchmal der einzige Weg, um das Leben des Menschen zu retten. Zum Vergleich: In Europa liegt der BMI eines gesunden Menschen zwischen 22 und 26.

Ich sah die Krankheit plötzlich überall

Elisa war auch sehr dünn, aber nicht so, dass ich sofort Verdacht geschöpft hätte. Ich wusste nicht, dass sie vor ihrem ersten Aufenthalt in einer Klinik noch dünner gewesen und gerade auf dem Weg zur Besserung war. Ich beneidete sie für ihre langen Beine, ihre schlanken Arme, ihre hohen Wangenknochen. Ich machte mir um ihre Figur ansonsten keine Gedanken. Sie ging mit ihrer Krankheit auch nicht hausieren, erzählte es nicht rum. Ich erinnere mich nicht mal mehr an den genauen Moment, in dem sie es mir sagte. Seitdem ich es jedoch wusste, sah ich die Krankheit plötzlich überall. Ich wurde sensibler für die Anzeichen.

Ich weiß jetzt, dass die Entwicklung in der Gesellschaft meinen Eindruck verstärkte: Laut Dr. Lee sei die Zahl der Essstörungen in den vergangenen zehn Jahren zwar fast gleichgeblieben, doch die Aufmerksamkeit dafür gestiegen. Eine Anti-Stigmatisierung, eine Enttabuisierung hat stattgefunden. Die Zahl der Diagnosestellungen und Behandlungen ist gestiegen, weil wir offener mit der Krankheit umgehen. Und in Zeiten von Social Media und Whatsapp, in denen wir alles miteinander teilen, mit dem Wischen eines Fingers und einem Klicken auf den Bildschirm, ist ein Geheimnis auch nicht mehr das, was es mal war.

Gibt es zu wenig Therapieplätze?

Elisa hatte in unserer Stadt noch keinen Therapeuten gefunden. Sie hatte an manchen Tagen Mühe, sich aufzuraffen und sich in die Warteschleifen der Psychologen zu hängen, sie hatte die Telefonsprechzeiten genau notiert, denn sie wusste, freie Plätze waren rar. Und selbst wenn sie einen Termin zum ersten Gespräch bekam, würde sie nochmal mindestens einen Monat auf den Tag warten müssen.

Einen Mangel an Therapieplätzen und Therapeuten gibt es nicht, sagt Dr. Lee. Vor allem in Deutschland ist das Angebot gut und groß, es gibt jedoch regionale Unterschiede. Und wie bei einem normalen Arzt gibt es auch hier Wartezeiten. Überhaupt an den Punkt zu gelangen, sich aktiv Hilfe zu suchen, ist ein harter Weg. Nicht nur für den Patienten selbst, auch für die Außenstehenden. Denn die erleben, wie der geliebte Mensch immer kränker wird, drängen zu einer Therapie.

Eine Körperschemastörung kommt bei vielen hinzu

Teil der Erkrankung ist eine Körperschemastörung. Deshalb denkt ein abgemagerter Mensch immer noch, seine Oberschenkel seien zu dick und das Gesicht zu rund. Er sieht seine Krankheit einfach nicht. Und wenn der Erkrankte nichts ändern will, ändert sich auch nichts. Er muss erst motiviert werden. Das ist schwer. Widerstand ist normal. Lässt der Erkrankte sich auf eine Behandlung ein, sind die Heilungsaussichten allerdings gut.

Elisa und ich trafen uns, um den Tag gemeinsam zu verbringen. Ich brachte mir was vom Bäcker mit, sie wollte nichts. In ihren Kaffee tat sie Kaffeeweißer, ich trank meinen mit Vollmilch. Als ich mir zum Mittagessen etwas vom Imbiss um die Ecke holte, wollte Elisa wieder nichts. Während ich an ihrem Küchentisch saß und aß, setzte sie Wasser auf, goss es in eine Tasse und mischte einen Esslöffel Kräuterpulver hinein. Das war ihr Mittagessen.

Jahrelanger Hunger

Essgestörte Menschen ignorieren ihr Hungergefühl monate- oder sogar jahrelang. Der Magen schrumpft, die Gefühle von Sättigung und Hunger sind irgendwann völlig gestört. Sie haben Angst vor dem Essen, aber manchmal gleichzeitig wahnsinnigen Hunger. Dann brennt schon mal eine Sicherung durch. Elisa erzählte mir von ihren Essanfällen. Wo sie alles, was sie zwischen die Finger bekam, in sich hineinstopfte. Einmal hatte sie während eines Essanfalls alle vier Schokoweihnachtsmänner ihrer Eltern und Geschwister aufgegessen – auf ein Mal. Und sich danach übergeben. Ich dachte darüber nach: ich schaffte es nicht einmal mir den Finger in den Hals zu stecken, wenn mir speiübel war, um das, was mir schlecht im Magen lag, wieder auszuspucken.

Dr. Lee spricht in unserem Interview von "pathologischem Verhalten", auch in diesem Zusammenhang. Das bedeutet nichts anderes als "krankhaft". Elisa war nicht dumm, nicht eitel, oder schönheitsbesessen. Sie war krank. War sie am Anfang noch die fröhliche Elisa gewesen, überall mit dabei, auf dem Weg zur Besserung, holte die Krankheit sie mit der Zeit wieder ein. Sie isolierte sich, erfand Ausreden, um nicht zum Feiern zu gehen, um nicht beim gemeinsamen Kochen dabei zu sein. Typisch für Essgestörte. In ihrem Kopf lief mehr und mehr ihr eigener Film, alles dreht sich nur ums Essen und Nicht-Essen.

Mehrmals ließ Elisa mich einfach hängen, ohne abzusagen. Sie war dann nicht sie selber. Es war nie ihre Schuld. Es war die Krankheit, die uns beide hängen ließ. Die ihr Gehirn verpestet hatte mit Selbstzweifeln, mit Depressionen, so schlimm, dass ihr Geist und Körper an manchen Tagen einfach abschalteten. Manchmal wochenlang. So lange hörte ich nichts von Elisa. Als ich sie endlich erreichte, versprach sie, bald wieder zu kommen. Ich redete ihr gut zu, sagte ihr, gemeinsam würden wir das schaffen und ich sei immer für sie da, und legte auf.

Wie kann man helfen?

Aber wie hilft man jemandem, der den ganzen Tag nur über sein Gewicht nachdenkt? Dessen Selbstwahrnehmung so verquer ist, dass man einfach nicht dagegen ankommt, auch wenn man noch so viele liebe und ermutigende Worte produziert, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte? Ich machte einen Fehler, ich wusste es nicht besser. Ich plante unsere Treffen so, dass sie sich nicht ums Essen drehten. Ins Restaurant ging ich mit anderen Freunden.

Heute weiß ich: Normalität ist der Schlüssel. Möchte ich mit Elisa ins Kino gehen und Popcorn in mich reinstopfen? Ja. Einfach machen. Höre ich ihr zu, wenn sie übers Essen redet? Natürlich. Aber am wichtigsten ist für essgestörte Menschen, dass man ihnen die Bereiche ihres Lebens aufzeigt, die Spaß machen. Freunde treffen. In der Natur sein. Tanzen. Musik hören. Und wenn ich mir dabei eine Tafel Schokolade reinziehe, mache ich das auch vor Elisas Nase. Du hast nicht nur diese Störung. Du hast ein normales Leben.

Ich frage mich, ob die Krankheit auch mich verändert hat. Ich bin sensibel geworden. Manchmal bilde ich mir ein, ich hätte ein Gespür dafür entwickelt, ob jemand ein Problem mit dem Essen hat. Oft habe ich Recht. Und ich selbst? Ich denke über alles, was ich esse, genau nach. Ärgere mich über die Süßigkeiten, die ich gerade in mich hineingestopft habe. Fühle mich manchmal wie eine fette Kuh und sehe in meinen Mitmenschen nur schlanke Gazellen. Ich esse keine Butter mehr, kaufe nie Schokolade für Zuhause ein, esse nur einmal am Tag warm. Ich bin nicht superdünn und auch nicht dick. Ich bin ganz normal. Sind das die typischen Probleme einer Frau Mitte 20? Oder hat die Krankheit auf mich abgefärbt?

"Der Mensch lernt immer"

Dr. Lee sagt, der Mensch lernt immer. Wenn von allen Seiten auf mich einprasselt, dass dünn gleich gut ist und dass Essen schlecht ist, dann denke ich das irgendwann auch. 75 Prozent aller Frauen machen irgendwann im Leben mal eine Diät. Habe ich auch schon. Ich gehöre also zur Mehrheit und versuche mir deshalb keine Sorgen zu machen, dass ich erkrankt bin. Doch es ärgert mich, wie schnell ich mich verunsichern lasse.

Vor einer Weile bin ich allen Bloggerinnen bei Instagram entfolgt, da ihre perfekten Fotos mich runtergezogen haben. Sehe ich mich im Spiegel oder auf Fotos neben meiner schlanken Kollegin, fühle ich mich den Rest der Woche elend und dick. Obwohl ich weiß, dass ich das nicht bin. Und selbst wenn? Was würde das bedeuten? Wäre ich dann weniger liebenswürdig und weniger wert? Manchmal wäre es wirklich nicht so schlecht, wenn wir unser Gegenüber nur nach ihren Gedanken und Worten beurteilen könnten anstatt nach ihrem Aussehen. Dann hätte Elisa nie so gelitten.  

Ich wohne jetzt in einer anderen Stadt, bin nicht mehr ständig an Elisas Seite. Wenn wir sprechen, sagt sie meistens, ja, es ist alles beim Alten eigentlich. Ohne darüber zu sprechen, wissen wir beide, dass sie noch immer mit der Essstörung kämpft. Es ist eine Achterbahnfahrt ihrer Gefühle. Doch sie sieht heute wieder gesünder aus, hat zugenommen. Ich habe das Gefühl, es geht ihr tausendmal besser als früher. Und sie sieht wunderschön aus. Auch wenn sie das selbst oft nicht sehen kann.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(