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Leben mit Bulimie: "Meine Essstörung ist meine beste Freundin"

Kira Siefert litt rund zehn Jahre an Bulimie. Dass sie geheilt ist, würde die 27-Jährige so nie sagen. Trotzdem führt sie heute ein selbstbestimmtes Leben und arbeitet mit Menschen, die an ihrer Essstörung leiden. Unsere Autorin hat sie getroffen.

Von Nora Stankewitz

Kira Seifert

Kira Seifert: "Es lohnt sich, sich selbst kennenzulernen"

Seit Kira Siefert sich auf "SoulFood Journey" befindet, hat sich ihr Leben verändert. Für ihr Projekt gibt sie Interviews, taucht bei Events auf, spricht jede Woche zu ihren Followern über ihren Podcast und gibt Workshops auf internationalen Kongressen für Essstörungen. Was die Leute am meisten interessiert: "Sie wollen den Veränderungsprozess darstellen, nachvollziehen – beruflich, aber natürlich auch in Bezug auf die Essstörung."

Und der ist bei Kira Siefert erstaunlich. Heute ist sie eine gesunde junge Frau. Vor drei Jahren, sagt sie, habe sie sich auf ihren Weg gemacht, indem sie sich selbst in die Schön Klinik in Bad Arolsen eingewiesen hat. Ihre Diagnose: Bulimie und Depression. Schon seit zehn Jahren litt sie zu diesem Zeitpunkt unter der Ess-Brech-Sucht. 

Kira Siefert und ihr Glaubenssatz: "Ich bin nichts"

Gründe für eine Essstörung gibt es so viele wie Menschen, die an einer leiden. Oftmals sind extrem hohe Leistungsansprüche, empfundener Liebesmangel, traumatische Ereignisse oder auch das Einsetzen der Pubertät und die damit eintretende Veränderung des Körpers Teil der Ursachen. Nach ihren Ursachen gefragt, fällt es Kira schwer, die passenden Worte zu finden. Sie erzählt von ihrem tiefsitzenden sogenannten Glaubenssatz: "Ich bin nichts", lautet er.

Sie erklärt, dass dieser Satz ganz tief in ihr verankert sei. Typisch für das Krankheitsbild ist, was Kira dann beschreibt: "Ich habe diesen Satz zu meiner Realität gemacht. Immer wenn etwas um mich herum passiert ist, habe ich das in Bezug zu 'Ich bin nichts' gebracht." Das konnte ein Gespräch mit ihren Eltern sein, das Verhalten einer bestimmten Person oder auch ein bestimmtes Thema. Sie habe genau solche Dinge aber auch oft provoziert, um ihren Glaubenssatz bestätigt zu bekommen. "Ich war oft launisch", gibt sie zu, "ich habe Menschen um mich herum oft die Schuld für etwas gegeben, wofür sie nichts konnten. Ich habe provoziert, verlassen zu werden." Obwohl das das Schlimmste ist, was Menschen mit Essstörungen passieren kann. Denn den Wunsch, von allen gemocht zu werden, ist fast allen Betroffenen gemein: "Weil die Identifikation mit so einer Krankheit sehr stark im Außen liegt und wir von der Anerkennung der anderen fast am Leben gehalten werden - einen Selbstwert gibt es ja praktisch nicht." Die Spirale Essstörung ist aktiviert. "Ich konnte es zum Beispiel nicht aushalten, alleine zu sein", erinnert sich Kira. "Mein Terminkalender war durchgehend gefüllt, um ja nicht alleine zu sein."

"Ich möchte wissen, wovor ich Angst habe"

Kira schämt sich nicht, und sie empfindet auch keinen Schmerz über ihre Vergangenheit. Sie hat es geschafft, ihre Essstörung als Teil von sich zu akzeptieren. "Für mich geht es darum, den Menschen, der ich bin, kennenzulernen. Ich möchte wissen, was ich fühle, wovor ich Angst habe, was andere in mir auslösen."

Kira ist überzeugt, dass dieses Kennenlernen ein Prozess ist, der sie ihr ganzes Leben lang begleiten wird. Deshalb würde sie auch nie von Heilung sprechen, wenn es um ihre Essstörung geht. "Du kannst einen gebrochenen Arm heilen", meint Kira. Der Umgang mit der Essstörung sei dagegen ein Prozess. Das Kämpfen gegen die Essstörung, so hat sie begriffen, hat ihren Leidensdruck nur erhöht. Ihre Essstörung werde immer ein Teil von ihr bleiben: "Und ich bin dankbar dafür." Sie geht sogar so weit, ihre Essstörung als ihre beste Freundin zu bezeichnen: "Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, mit allem, was ich bin und kann."

Kira Siefert hat ihr Leid in Berufung umgekehrt. Hat sie früher unter anderem als Speditionskauffrau und Flugbegleiterin gearbeitet, hat sie sich heute mit der "SoulFood Journey" selbstständig gemacht. Dahinter steht der primäre Wunsch, sich mit anderen zu verbinden. Sie wollte das ganze Thema Essstörung in die Öffentlichkeit holen, in den Alltag: "Ich will den Menschen sagen: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Essstörung lohnt sich. Es lohnt sich, mit anderen darüber zu sprechen. Es lohnt sich, sich selbst kennenzulernen."

Wertfrei gegenüber dem eigenen Körper

Auch wenn Essstörungen, wie oftmals fälschlicherweise angenommen, in der Tiefe nichts mit dem Wunsch zu tun hat, dünn zu sein, so liegt die Vermutung doch nahe, dass die abertausenden visuellen Reize, die uns jeden Tag über Instagram und Co. erreichen, es Betroffenen nicht gerade einfacher machen, ihr kontrolliertes Essverhalten loszulassen. Kira Siefert ist ihr "äußeres Erscheinungsbild", wie sie es nennt, nicht mehr wichtig. "Ich glaube, wenn wir unser Ich mit unseren inneren Werten identifizieren können, ist unser Körperbild egal. Mein Wunsch ist es, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, in den Spiegel schauen und nicht das, was sie sehen von ihrer Körperform abhängig machen, sondern ihr wahres Ich erkennen. Ihr Leben. Ihre Geschichte."

Und was sieht sie, wenn sie in den Spiegel schaut? "Ich sehe ein Leben mit so vielen Erlebnissen und Erfahrungen. Ich sehe mich. Ich denke: echt krasses Leben." Kira lacht, als sie das sagt. Nicht belustigt oder verschämt. Sie lacht, als sei sie der glücklichste Mensch der Welt. "Ich wünschte, alle Menschen könnten wertfrei gegenüber ihrem Körper sein."

Kira Siefert weiß, dass ihre Arbeit mit Menschen mit Essstörung auch zu ihrem eigenen Prozess dazugehört. Natürlich sei es für Betroffene nicht notwendig sich im Netz ständig öffentlich zur eigenen Essstörung zu bekennen, um ein freies Leben führen zu können. Dennoch wünscht sich Kira für andere Betroffene, dass sie sich trauen, sich jemandem anzuvertrauen. Einer engen Freundin, Ärzten oder der Familie vielleicht. "Unsere Gedanken in Worte zu fassen, ist ein ganz wichtiger Schritt auch sich selbst näher zu kommen." Deshalb kämen bei sehr vielen Betroffenen, die das erste Mal über ihre Essstörung sprechen erst einmal sehr viel Schmerz und Tränen ans Tageslicht. Das sei wie ein Outing. Was für Betroffene erstmal wie eine riesige Hürde scheint, sieht Kira heute als eine einzigartige Chance: "Dein Leben ist die einmalige Möglichkeit, dein wahres Ich kennenzulernen und dieses Stück für Stück für dich selbst und für andere Menschen sichtbar zu machen."

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