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Hype im Netz Wenn Selbstoptimierung funktionieren würde, hätten wir 2070 den Weltfrieden

Küchenweisheiten aus der Selbstoptimierer-Fraktion - unsere Autorin kann nicht mehr
Und jetzt auch noch die Krankenkasse. Unsere Autorin ist verwirrt: Täglich wird sie in ihrer Timeline mit neuen Küchenweisheiten aus der Selbstoptimierer-Fraktion bombardiert. Ist das ernst gemeint?
© AOK PLUS Sachsen/Thüringen/Screenshot Facebook
Unsere Autorin ist verwirrt: Täglich wird sie in ihrer Timeline mit neuen Küchenweisheiten aus der Selbstoptimierer-Fraktion bombardiert – sie soll an sich arbeiten und immer besser werden, bis sie ganz bei sich ankommt. Ist das ernst gemeint oder bloß ein kurzer profitabler Hype?
Von Nora Stankewitz

Ein Tag wie viele andere Tage auch. Ich scrolle mal wieder durch meine Timeline: "Am schönsten sind wir, wenn wir niemandem gefallen wollen." Videosequenz: "Wie meditieren mein Leben verändert hat." "Hundefutter in Bio-Qualität." "Sag nicht vielleicht, wenn du nein sagen möchtest." "Du lebst nicht, um es anderen recht zu machen." "Vollmotiviertes Video für einen After-Summer-Body." "Ganz einfach innere Blockaden lösen." "SEI GLÜCKLICH!"

Okay, also Google und Facebook haben gemeinsam den Schluss gezogen, dass meine Surfhistorie eindeutig darauf hinweist, dass ich mich irgendwohin entwickeln will, meine Person pimpen will, zur besten Version meiner selbst werden will. Dabei wünsche ich mich in Zeiten zurück, in denen eine Frau mit Kleidergröße 36 durchs Bild läuft, eine Salami-Stulle isst, grinst und eine liebliche Stimme säuselt: Ich will so bleiben wie ich bin. Das habe ich gut verstehen können. War danach aber immer noch so klar im Kopf, mir keine Salami für zwei Mark kaufen zu müssen, um mein Körpergewicht nicht zu verändern. Heute, ein paar Jahre später, finde ich dieses Klarbleiben bedeutend schwieriger.

Selbstoptimierung: Bin ich vielleicht doch schon gut so?

Wenn ich Social Media "Adieu" sagen würde, würde mich der Hype auch ganz real treffen. In der Buchhandlung steht der Gabentisch für Selbstoptimierer, die endlich total bei sich ankommen wollen, gleich im Eingangsbereich bereit. Die Buchrücken studiert, weiß ich: Bei mir geht noch einiges. Oder bin ich vielleicht doch schon gut so? Geht der Weg am Arsch vorbei? Oder muss mein Kind erst noch Heimat finden? Jedenfalls könnte ich noch so einiges. Zeit also für Veränderung. Denn nur ich kann meine Einstellung zu den Dingen verändern, nicht die Dinge selbst. Gefällt mir. Nicht. Die andere Seite des Tisches nehmen übrigens die neuesten Publikationen rund ums Thema Sexy-Body ein.

Wieder im Netz google ich mich durch die Welt des Selbstoptimierens. Besser werden und doch ganz ich selbst bleiben. Perfekt werden ohne Perfektionismus. Ganz bei mir ankommen. 7-Tage-Mental-Kur. Mind-Detoxing. An nur einem Wochenende. Spitzenpreis. Hecheln. Hecheln. Hecheln. Ich kann nicht mehr. Sogar eine Krankenkasse hat ein fancy Social-Video gedreht, dass zeigt, wie gefährlich unsere selbsterschaffene Welt, in der alles immer schneller wird, sein kann.

Psychisch krank kann man da werden. Erzählen sie. Natürlich in hoch emotionalen Bildern, die zeigen, dass es aber auch ganz schön sexy ist, einen total verschwitzten Traumbody zu haben und nachts noch im geilen Anzug im Büro zu sitzen und sich die Designer-Brille erschöpft abzusetzen. Full-Epic-Filter drübergelegt. Aber hey, das alles ist nicht gut für dich.

... dann wäre in ein paar Jahren jeder mit sich zufrieden

Was soll das alles? Was wollt ihr uns mit alldem sagen? Diese zweideutigen Botschaften sind genauso unehrlich wie früher die Kuchenrezepte neben der Kohldiät in der "Bild der Frau". Sich von diesen ganzen scheinbar lebensverbessernden Möglichkeiten und super Weisheiten nicht beeinflussen zu lassen, schafft wohl nur jemand der zen-mäßig in sich ruht und weder Internetanschluss hat, noch überhaupt sich in der zivilisierten Welt herumtreibt. Ach ja, da gibt es ja auch die, die uns Normalos dann ein Buch darüber vorlegen, wie sie diese Welt verlassen haben und jetzt im Wald leben, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Und wir sollen uns das dann reinziehen und sehen wie scheiße das "normale" Leben ist. Herrschaftszeiten. Ich fühle mich jetzt so richtig von Hysterie umgeben. Oder bin ich hysterisch? Wäre das ein Video, würde man mich jetzt schreien sehen. Mit Filter, versteht sich. Ein bisschen hot muss auch das sein.

Dabei geht es nicht darum, dass wirklich jeder so sein soll wie er eben ist. Es geht auch nicht darum, dass jeder ganz für sich bestimmen kann, was die beste Version von sich selbst denn wäre. Denn wenn all das wirklich zu mehr führen würde, als tausende von Likes und einen guten Absatz auf dem Markt für Bücher und Produkte noch und nöcher, wäre in ein paar Jahren jeder - aber wirklich jeder - mit sich zufrieden. Dann hätten wir in weniger als einem halben Jahrhundert den Weltfrieden. Und den kann doch wirklich keiner wollen. Wo bleibt denn sonst der Profit für die wenigen Großen? Sonst hätten am Ende noch so abgedrehte Eso-Spinner recht gehabt.


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