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Corona-Krise Eine Pandemie ist keine Bodychallenge: Eure Selbstoptimierung in der Isolation stresst mich

Eine Frau liegt mit einem Smartphone, das ihr aus den Händen auf das Gesicht gefallen ist, im Bett
Das Handy rutscht vor Langeweile aus den Händen und landet im Gesicht: Kann beim Anschauen von Instagram-Workouts schon mal vorkommen.
© Nattakorn Maneerat/iStock / Getty Images
Yoga, backen, Sprachen lernen: Auf Instagram scheinen die meisten Menschen die Corona-Krise zu nutzen, um das Beste aus sich zu machen. Unsere Autorin ist genervt und empfiehlt etwas ganz anderes: das Nichtstun. 

Ich war gerade dabei, mir Instagram-Storys von Sport treibenden, Auberginen-Auflauf backenden und endlich mal ordentlich ausmistenden Menschen anzusehen, als ich eine Nachricht erhielt, die den Green Smoothie zum Überlaufen brachte: Ob ich nicht Lust auf "eine Bodychallenge" hätte, schrieb mir ein Fremder. Um die Zeit zu nutzen, "gesundheitlich und körperlich was zu verändern". Ich fühlte mich ertappt. Denn ich saß da, wo ich die meiste Zeit meiner Isolation verbringe: auf dem Sofa. Damit bin ich in der Scheinwelt Instagram eine der wenigen. Demnach sitzen die meisten jungen Frauen zu Hause nicht auf dem Sofa, sondern auf der Yogamatte. Wobei, das stimmt nicht ganz. Die meisten von ihnen sitzen nicht. Sie stehen, kopfüber. Immer wieder tauchen in meinen Storys im Zeitraffer aufgenommene Videos dieser kopfüber stehenden Frauen auf – gerne versehen mit dem Hashtag "We're all in this together". Also, ich weiß ja nicht, aber auf der Yogamatte sind wir schon mal nicht together

Bevor mich jemand falsch versteht: Ich finde es beeindruckend, dass so viele Menschen ihr Homeoffice auf dem Kopf stehend verbringen. Ein gesundes Leben zu führen und zu versuchen, das Beste aus dieser Isolation zu schöpfen, ist wichtig. Aber man kann's auch übertreiben. Wir befinden uns gerade in einer Situation, die die meisten von uns noch nie erlebt haben. Unser Leben hat sich innerhalb weniger Tage von ganz alleine auf den Kopf gestellt. Wir dürfen nicht mehr als eine Person, am besten sogar niemanden außerhalb unseres Haushalts treffen. Wir können nicht mehr in ein Restaurant oder in eine Bar gehen. Wir fahren nicht mehr ins Büro, sondern arbeiten aus dem Homeoffice, jedenfalls sehr viele von uns. Auf einmal müssen wir uns selbst organisieren. Das alles zu verarbeiten, braucht Zeit. 

Zumindest ich brauche Zeit. Andere haben währenddessen schon ihre innere Mitte gefunden, ein Rezept für veganes Bananen-Haferflocken-Karotten-Chiasamen-Nussbrot entwickelt und sich selbst Japanisch auf A1-Level beigebracht. Selbst wenn sie entspannen, sind andere Menschen noch produktiv: Sie sticken bunte Mandalas auf Decken, puzzlen 1000-Teile-Puzzles oder porträtieren ihren Hund. Ich beginne zu hinterfragen, warum ich die neu gewonnene Freizeit nicht dafür nutze, meinen Italienischkurs in Eigenregie anzugehen, meinen Körper zu stählen oder diesen kostenlosen Human-Rights-Kurs online zu belegen, den eine Bekannte empfiehlt. Scrolle ich durch Instagram, fühle ich mich, als würden wir uns nicht in einer weltweiten Pandemie, sondern in einem Selbstoptimierungswettbewerb befinden. Wem gelingt es, mit seinen Instagram-Workouts die meisten Follower zu generieren? Wer geht als Influencer aus dieser Pandemie hervor? Wer kommt als schönster, gesündester und gebildetster Mensch aus seiner Isolation? (Spoiler: Ich nicht.) 

Vielleicht sollten wir mal einen Gang auf dem Hometrainer runterschalten 

Vielleicht sollten die ganz Privilegierten mal einen Gang auf dem Hometrainer runterschalten. Eine Pandemie ist keine Bodychallenge. Als wären wir im Normalzustand ständig produktiv und würden zu Hause nicht auch mal nur vor Netflix oder dem Smartphone rumhängen, ohne im Geiste schon die nächste Jogging-Route zu posten. Manche scheinen bei all ihrer Selbstoptimierung das Wichtigste aus den Augen zu verlieren: Gerade geht es vor allem darum, gesund zu bleiben. Darum, dass unsere Liebsten gesund bleiben.

Kurz habe ich darüber nachgedacht, dem übermotivierten Sportler auf seine Bodychallenge-Anfrage mit einem Foto in meiner Story zu antworten: Wie ich auf dem Sofa liege und Schokolade esse. Dann habe ich mich dagegen entschieden. Nichtstun auf Instagram darzustellen, finde ich genauso seltsam wie die täglich absolvierte Laufstrecke. Wir können es auch einfach sein lassen, das Handy weglegen – und tatsächlich mal nichts tun. Wer weiß, wofür wir unsere Kräfte noch brauchen werden. 


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