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Enzephalitis: "Ich bin eine völlig andere Person": 25-Jährige verliert nach Hirnentzündung das Gedächtnis

Stell dir vor, du hast alles, was du dir wünscht. Traumjob, Traumpartner – und dann wachst du eines Morgens auf und kannst dich an nichts mehr erinnern. Genau das passierte der jungen Frances Geall aus England. 

Frances Geall und ihre Verlobte Stacey

Frances (r.) und Stacey sind seit 2014 ein Paar – seit Dezember 2017 sind sie verlobt. 

Frances Geall ist 25 und kommt aus Falmouth in Cornwall. Eigentlich hatte sie einen Master, einen tollen Job und eine Verlobte – bis sie eines Morgens ohne Erinnerung an ihr vorheriges Leben aufwachte. Eine Autoimmunerkrankung namens Enzephalitis hatte dazu geführt, dass ihr Körper ihre eigenen Gehirnzellen angriff und somit fast sämtliche Erinnerung an ihre schulische Bildung aus ihrem Gedächtnis wischte. Und nicht nur das: Auch Familie und Freunde – beispielsweise ihre Nichte oder die Familie ihrer Partnerin – seien ihr eine Zeit lang vollkommen fremd vorgekommen, beschreibt Frances die Zeit nach der Erkrankung: "Ich treffe Menschen zum ersten Mal, die ich angeblich schon seit Jahren kenne – das macht mich schon sehr traurig."

Sie sei auf einmal "eine völlig andere Person" gewesen. "Ich habe auch das Gefühl, mich selbst zum ersten Mal kennenzulernen und habe absolut keine Ahnung, wer ich vor der Erkrankung war. Menschen sagen, dass es jetzt eine neue Fran gäbe und dass sie das akzeptieren müssen. Ich bin mir aber nicht mal sicher, ob ich die neue Fran mag. Ich will einfach mein altes Ich zurück – die Fran, die schon so viel erreicht und so viele wichtige Beziehungen in ihrem Leben aufgebaut hatte."

Traumjob, Traumfrau – vor der Erkrankung hatte Fran alles, was sie sich wünschte

Die "alte Fran" hatte einen Bachelor in Marinebiologie gemacht, bevor sie von der Universität in Plymouth einen Master of Science in nachhaltiger Landwirtschaft verliehen bekam und im Januar 2018 einen Job als Geschäftsentwicklerin in einer Austern-Firma in England antrat – ihr "Traumjob", wie Fran sagt.

Im Dezember 2015 hatte sie sich außerdem mit der Liebe ihres Lebens, Stacey Tonkins, verlobt, die sie 2014 an der Uni kennengelernt hatte.

Doch im März dieses Jahres wurde all dieses Glück auf eine harte Probe gestellt, als sie auf einmal mit schlimmen Migränekopfschmerzen im Bett bleiben musste. Ein Besuch beim Hausarzt und ein Trip in die Notaufnahme brachten wenig Aufschluss. Ärzte gingen davon aus, dass sie sich einen Muskel im oberen Rücken gezerrt hatte, da sie das Kinn nicht mehr auf der Brust ablegen konnte. 

Alles änderte sich, als sie eines Morgens im Bett einen Krampfanfall hatte und mit einem Mal klar war, dass hier irgendetwas mächtig schief lief. Der Krankenwagen, den Stacey gerufen hatte, brachte sie direkt ins Krankenhaus, wo sie sofort in ein künstliches Koma versetzt wurde. Als sie eine Woche später wieder aufwachte, schien sie eine komplett andere Person zu sein.

Emotionale Verbindungen bestehen

Die junge Frau, die sich zuvor mit akademischen Auszeichnungen schmücken konnte, musste auf einmal simple Fertigkeiten wie lesen, laufen oder sprechen neu erlernen.

"Die einfachsten Dinge, wie einen Computer zu benutzen oder mich im Supermarkt zurechtzufinden, sind auf einmal nur noch schwer zu bewältigen", erzählt Fran. "Aber was mir am meisten das Herz bricht, ist die Tatsache, dass mein Intellekt, der vorher wie meine Superkraft war, auf einmal wie weggewischt ist. Wie Kreide von einer Tafel. Ich habe Jahre damit verbracht, die Natur und all ihre Fakten zu studieren."

Obwohl sie nur noch wenige Erinnerungen an ihr Leben vor der Erkrankung hat, kann Fran glücklicherweise eine starke emotionale Verbindung zu den Menschen spüren, die ihr am nächsten stehen – wie ihre Eltern, ihre Geschwister und Stacey.

Doch die Beziehung zu Verwandten wie ihren Schwägerinnen oder Nichten müssen komplett neu aufgebaut werden, da sie sich schlicht nicht an sie erinnern kann. "Als Stacey und meine Familie mich im Krankenhaus besuchten, wusste ich, dass das Menschen waren, die ich liebe. Aber ich konnte mich nur an sehr kleine Details über sie erinnern. Sie zeigten mir Bilder von uns und es regte sich überhaupt nichts. Das ist, als würde mir jemand Bilder aus dem Leben einer fremden Person zeigen. Ich konnte nicht sprechen, nicht laufen und hatte keine Ahnung, wer all die Menschen um mich herum waren oder was überhaupt mit mir passiert war."

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"Als erstes schrieb ich die Telefonnummer meiner Mutter auf"

Langsam seien dann ihre Fähigkeiten zurückgekommen, wobei sie beispielsweise habe schreiben können, bevor sie sprechen konnte: "Ich habe keine Ahnung wieso, aber das erste, was ich aufgeschrieben habe, war die Telefonnummer meiner Mutter. Ich konnte mich an nichts erinnern, aber daran irgendwie schon."

Als zweites habe sie "Alles ist durcheinander" geschrieben. "Meine Familie und Freunde versuchten mit mir zu kommunizieren, indem sie auch Dinge für mich aufschrieben, aber ich konnte nichts verstehen." Erst nach einem Plasmaaustausch zehn Tage später hätten sich die Dinge langsam entspannt, da hier die weißen Blutzellen ausgetauscht wurden, die zuvor ihr Gehirn angegriffen hatten. Danach habe sie auch wieder schreiben können, erzählt Fran und habe sogar angefangen, ein tägliches Tagebuch zu schreiben. Ihrem Gedächtnis habe das jedoch leider auch nicht geholfen. 

Als Fran fünf Wochen später aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe sie um jeden Preis versucht, wieder in ihr altes Leben zurückzukehren und sei daher auch wieder zur Arbeit gegangen. Doch dieser Traum wurde jäh zerstört, nachdem sie bei der Arbeit einen schlimmen Krampfanfall hatte. "In diesem Moment realisierte ich, dass meine Heilung noch eine ganze Weile dauern würde", erzählt Fran. "Die Ärzte haben keine Ahnung, ob meine Erinnerung jemals zurückkommen wird. Das heißt, es kann sein, dass ich alles, was ich früher wusste, komplett neu erlernen muss."

Manchmal tut Fran einfach, als würde sie Menschen erkennen

Das junge Paar wohnt nun in der Nähe von Staceys Eltern, die sie sehr unterstützen. Dort kann Fran ihre ganze Energie in ihre Gesundheit stecken. "Ich habe früher bereits einmal in dieser Gegend gewohnt und manchmal kommen Menschen auf mich zu und grüßen, die ich wohl noch aus der Zeit kenne. Die haben natürlich keine Ahnung, was passiert ist und ich habe keine Ahnung, wer sie sind – also lächle ich freundlich und tue einfach so. Wir unterhalten uns kurz und meistens merken sie nichts. Wenn die Unterhaltung länger andauert, werden sie irgendwann misstrauisch und ich muss ihnen erzählen, was passiert ist.'"

Ihr Interesse an der Natur hat Fran zum Glück nicht verloren und versucht nun, mit viel Lesen ihr altes Wissen zurückzubekommen – allerdings in sehr kleinen Portionen, da mentale Überanstrengung zu Krampfanfällen führen kann. Enzephalitis – auch Gehirnentzündung genannt – ist für Ärzte zu großen Teilen noch immer ein Mysterium, weshalb auch nicht klar zu sagen ist, wieso Fran erkrankte. Daher macht sie sich häufig selber für die Geschehnisse verantwortlich.

"Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles meine Schuld ist. Ich weiß selbst, dass das keinen Sinn ergibt. Aber zu denken, dass es einfach nur Pech ist oder unfair, macht mich depressiv. Der Gedanke, dass es einen Grund dafür gab, lässt mich glauben, dass es möglich ist, gesund zu werden und all das hinter mir zu lassen – auch wenn niemand weiß, ob meine Erinnerung jemals zurückkommen wird."

Das Schönste, sagt Fran, sei übrigens, wenn Menschen in ihr einen Funken ihrer alten Persönlichkeit erkennen. "Mir wurde gesagt, dass ich früher viele Witze gerissen habe und so langsam fange ich an, das wieder zu tun. Aber andererseits: Was will man in meiner Situation auch anderes machen?"

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Tom Ball/Press Association/ Übersetzung: Jule Schulte