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Der Wert der Daten Digitale Überwachung: Bei uns passiert das nicht. Oder?

Brille mit Whatsapp-Symbol
Unser digitaler Schatten wird immer größer, andere können ihn besser sehen als wir selbst
© Christoph Hardt/Geisler-Fotopres/picture alliance
Wäre ein digitales Überwachungssystem wie in China auch in Deutschland möglich? Der Netzaktivist Malte Spitz antwortet und verrät, was der Staat schon über uns weiß: ob wir im Flugzeug vegetarisch gegessen haben, zum Beispiel.

In China landen sehr viele Daten von jedem Einzelnen schon seit Langem bei der Regierung. In der vergangenen NEON-Ausgabe berichteten wir, wie der Einparteienstaat jetzt versucht, alle Bürger nach einem „Citizen Score“ zu bewerten. „Gute Bürger“, die sich in sozialen Netzwerken nicht kritisch äußern und immer pünktlich ihre Rechnungen bezahlen, sollen belohnt, andere bestraft werden.
Gruselig, aber was hat das mit uns zu tun? Vielleicht mehr, als wir uns vorstellen, sagt Malte Spitz, Netzaktivist und Grünen-Politiker. In seinem neuen Buch „Daten das Öl des 20. Jahrhunderts?“ kritisiert er, dass bei uns Datenschutzfragen häufig in Hinterzimmern entschieden werden (erscheint am 5. Oktober bei Hoffmann und Campe, 16 Euro). Was Innenministerium, BKA und Verfassungsschutz aushandeln, bekämen wir oft gar nicht mit. Spitz will, dass wir besser informiert werden und selbst besser auf unsere Daten aufpassen.

NEON: Herr Spitz, wie realistisch ist es, dass bei uns ein System wie „Citizen Score“ eingeführt wird?

Spitz: Wir leben zum Glück in einem demokratischen System. Es gibt Gesetze, die verhindern, dass alle Daten vom Staat zusammengetragen und ausgewertet werden. Wirklich beruhigend ist das allerdings nicht. Wenn es um die Frage geht, ob so etwas bei uns praktisch möglich wäre, lautet die Antwort nämlich: Ja. Die Datengrundlage dafür ist im Wesentlichen da. Sie lagert nur nicht an einem Ort und ist nicht in der Hand eines Staates oder Unternehmens.

Haben Sie ernsthaft Angst, dass sich das ändern könnte?

Nicht auf kurze Sicht, aber eine gesunde Sorge habe ich schon. Wir sehen ja gerade in Ländern wie der Türkei oder Russland, wie schnell sich Systeme, die verhältnismäßig demokratisch waren, so wandeln, dass eine massive Überwachung realistisch wird. Außerdem erleben wir im privatwirtschaftlichen Umfeld schon, wie Daten unseren Alltag beeinflussen, wie aus ihnen nicht mehr nur hilfreiche Instrumente entstehen, sondern sie zu sozialer Ausgrenzung führen.

Wo denn genau?

Meist da, wo es um Geld geht. Es gibt neben der Schufa einige andere Unternehmen, die anhand von Daten bewerten, ob uns finanziell zu vertrauen ist. Ihr Angebot nutzen zum Beispiel Onlinehändler oder Mobilfunkanbieter. Nachdem wir bei ihnen unseren Warenkorb gefüllt und unsere Adresse eingegeben haben, wird sie an diese Dienstleister übermittelt. Innerhalb von Millisekunden erhalten sie eine Einschätzung, wir kriegen davon gar nichts mit.

Was daran soll ausgrenzend sein?

Danach kann man möglicherweise nicht mehr „Kauf auf Rechnung“ anklicken, sondern nur noch die Option „Sofortüberweisung“ , oder es kann kein Handyvertrag abgeschlossen werden. Einzig und allein weil wir zufällig in einer eher sozial schwachen Gegend leben. Uns wird etwas verwehrt, weil sich aus Datensätzen eine gewisse Wahrscheinlichkeit ergibt, dass wir etwas bestellen und es dann nicht bezahlen können. Das ist diskriminierend. Es gibt sogar einige Internethändler, die an bestimmte Postleitzahlen gar nichts mehr verschicken, weil ihnen das Risiko zu hoch ist, auf ihrer Forderung sitzen zu bleiben.

Es zwingt uns doch niemand, im Internet einzukaufen.

Das nicht, aber es geht um einen Verlust an Teilhabe. Diese Praktiken, mit unseren Daten Profile anzulegen und uns zu bewerten, verlagern sich immer mehr in alle Bereiche unseres Lebens. Viele Firmen versuchen etwa gerade, auf unsere Smartphones zu gelangen. Es gibt Krankenversicherungen, die ihren Kunden eine App anbieten, über die sie erkennen können, wann diese Sport machen. Es entstehen dadurch erst mal nur Vorteile, ein Bonussystem wird aufgebaut. Wenn man zweimal pro Woche ins Fitnessstudio geht, kriegt man vielleicht am Ende des Jahres einen Gutschein für neue Sportschuhe.

Die Teilnahme ist aber doch freiwillig.

Derzeit ja. Langfristig wollen die Versicherungen natürlich auch herausfinden, welche Kunden unsportlich und damit vermutlich krankheitsanfälliger sind. Sie werden sie anstoßen, sportlicher zu werden, oder eben auch sanktionieren. Für bestimmte Versicherungstarife kann es auch verbindlich werden, eine App zu installieren. Unser Alltag wird verdatet, unser digitaler Schatten wird immer größer.

Die Situation in China wirkt ja vor allem so bedrohlich, weil Firmen Daten an die Regierung weitergeben. Müssen wir uns in Deutschland auch davor fürchten?

Leider ja. Der deutsche Staat ist vor einer Weile zu der Erkenntnis gekommen, dass es politisch zu umstritten und technisch viel zu aufwendig ist, selbst Daten zu sammeln und zu speichern. Er hat stattdessen geregelt, wann Unternehmen sie an ihn weitergeben müssen. Mittlerweile bekommt er sie in manchen Fällen sogar automatisch übermittelt. Das hat den großen Vorteil, dass der Staat sich immer schön hinstellen und behaupten kann, er hätte damit nichts zu tun.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wo so etwas zuletzt beschlossen wurde?

Bei der Erhebung von Fluggastdaten. Die Fluglinien müssen zukünftig für jeden Gast über 60 Informationen an das BKA übermitteln. Von welcher IP-Adresse wurde der Flug gebucht? Was hat der Passagier gegessen? Wie viele Gepäckstücke hatte er dabei? Mit diesen Daten kann man eine Menge anfangen. Der Staat ist in der Lage, ein ziemlich präzises Bild von den Passagieren zu bekommen. Auf einer solchen automatischen Datenübermittlung an den Staat soll auch das Social Scoring in China basieren. Dort könnten eben nur viel mehr Bereiche davon betroffen sein.

Vom Staat heißt es, das werde alles nur gemacht, um die Sicherheit der Einwohner zu schützen. Warum vertrauen Sie ihm so wenig?

Weil Akteure wie der Innenminister oder der Chef des Verfassungsschutzes in letzter Zeit jegliche Hemmungen verloren haben. Es wurden in jüngster Zeit einige Sicherheitsgesetze verabschiedet, die rechtsstaatlichen Grundsätzen eindeutig widersprechen. Ich beobachte Auswüchse, die ich abartig finde. Es ist nicht hinnehmbar, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge standardisiert von allen Asylbewerbern die Handydaten speichert: Fotos, SMS, Mails, alles. Es kann auf sie zurückgreifen, wenn es an den Angaben zur Herkunft zweifelt. Ich frage mich: Gilt für Flüchtlinge der Datenschutz etwa nicht mehr? Und wo führt das hin? Muss ich bald auch mein Handy vorzeigen, wenn ich mit dem Auto in eine Polizeikontrolle gerate? Science-Fiction, hätte ich vor zehn Jahren gesagt, heute nicht mehr.

Warum regt sich kaum jemand auf?

Das hängt ganz einfach mit der Komplexität der Prozesse zusammen. Sie lassen sich eben nicht in einem 30-sekündigen Videoclip erklären. Zudem sind viele Menschen ängstlicher geworden und nehmen Einschränkungen deshalb eher in Kauf. Eine große Rolle spielt auch die weit verbreitete Haltung „Ich habe ja nichts zu verbergen“. Eine völlig falsche Aussage, jeder hat Geheimnisse und will seine Privatsphäre schützen.

Besonders stark äußert sich diese Haltung gegenüber großen Konzernen: Bei einer Datenschutzerklärung von Apple etwa klicken die meisten weiter, ohne sie gelesen zu haben. Warum sind wir gerade da so leichtsinnig?

Wenn ich das wüsste! Ein Stück weit liegt es an unserer Neugier: Kommt etwas Neues auf den Markt, wollen wir es unbedingt haben. Dass uns die Daten, die damit erhoben werden, in zehn oder 15 Jahren auf die Füße fallen können, ist uns egal. Ich bin überhaupt nicht gegen neue Technik oder Verdatung, im Gegenteil: Ich bin ein Nerd und kaufe mir auch vieles, neue Smartphones, Gadgets oder Saugroboter. Aber wir sollten besser darin werden, die Risiken abzuschätzen. Wir müssen als Gesellschaft an bestimmten Stellen „Stopp“ sagen und festlegen, wie eine möglichst selbstbestimmte Verarbeitung der Daten aussieht.

Sind Sie bei Facebook?

Ich habe ein Profil, nutze es aber nur ungefähr einmal im Monat.

Deutlich unter dem Durchschnitt. Warum so selten?

Ich finde anderes interessanter. Zur direkten Kommunikation mit Freunden nutze ich Messenger wie Signal. Anders als Whatsapp gehört der nicht Facebook und ist dementsprechend auch nicht mit dem Konzern verknüpft. Auch bei Twitter bin ich viel. An Facebook stört mich, wie viel Macht es über uns bekommt, indem es extrem viele Daten zu uns zusammenträgt. Und dass der Konzern sie für eigene Zwecke nutzt oder diese Macht für Werbezwecke an andere weiterverkauft.

Es gab Stimmen, die behaupteten, dass Facebook die US-Wahl mitentschieden habe, indem ausgewählten Nutzern über einen längeren Zeitraum systematisch Informationen zugespielt worden seien, die politisch in eine konservative bis radikale Richtung gingen. Sind wir so leicht manipulierbar?

Ich halte diese Theorien für fraglich, weil es nicht erforscht ist, welchen Einfluss Microtargeting auf unsere Psyche hat. Aber dass Facebook in der Lage ist, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte zu lenken, ist unbestritten. Es weiß, wann wir online sind, welche Videos oder Fotos wir mögen, ob wir Sport treiben. Dadurch kann es uns sehr gezielt ansprechen. Es macht aus einem Flüchtlingsfreund vermutlich keinen Flüchtlingsfeind, aber wenn wir für etwas ohnehin empfänglich sind, kann es uns darin bestärken.

Es wirkt ziemlich pessimistisch, wie Sie auf Daten blicken. Freuen Sie sich eigentlich auch mal, wenn Amazon Ihnen etwas empfiehlt, was haargenau zu Ihnen passt?

Klar, das kommt vor. Ich halte aber die momentane Verdatung unseres Lebens für einen verdammt schlechten Deal. Bessere Werbung und vorgegaukelte Sicherheit für den Eingriff in unsere Freiheitsrechte? Ich will, dass die Menschen die Selbstbestimmung über ihre Daten und ihre digitale Zukunft zurückerhalten.

Es geht doch auch schon jetzt nicht nur um schöne Werbung. Daten können auch für gute Zwecke dienen, in der Forschung zum Beispiel.

Das stimmt. Dafür habe ich einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir zukünftig Daten von uns spenden können? Wie bei einem Organspendeausweis, klar gesetzlich geregelt und mit entsprechenden Informationspflichten. Wir könnten festlegen, wofür unsere Daten genutzt werden dürfen, etwa für die medizinische Forschung. Dafür verfügen wir oft über einen Datenschatz. Röntgenbilder oder Blutdaten könnten für viele Studien genutzt werden. Nach dem Tod oder auch schon davor, je nachdem wie man es gerne hätte.

Malte Spitz, 33, ist Netzaktivist und Grünen-Politiker. In seinem ersten Buch „Was macht ihr mit meinen Daten?“ erkundete er, wer was über ihn weiß.

Interview: Johan Deoust

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