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Phänomen "Plazentophagie" "Ich habe meine Plazenta gegessen und rate allen davon ab!"

Plazenta essen? "Ich habe es probiert und rate allen davon ab"
"Mit der Plazenta könne ich tun, was ich will, sagten meine Ärzte, da es nun mal meine eigene sei."
© David Brandon Geeting
Die Plazenta nach der Geburt zu verspeisen, ist bei vielen Säugetieren üblich. Aber gibt es auch Menschen, die das ausprobiert haben? Ja! Im Interview erfahren wir, wie sich das anfühlte.
Von Refinery29-Autorin Amelia Harnish

Die menschliche Plazenta ist ein wundersames Organ. Sie wächst, wenn ein Kind in uns wächst, und verschwindet, wenn das Kleine zur Welt kommt. Ein Organ, das den wachsenden Organismus im eigenen Organismus mit allen Nährstoffen versorgt, die er benötigt. Es ist zur Hälfte Mutter und zur Hälfte Kind. Weshalb der wachsende Trend, die Plazenta nach der Geburt auf unterschiedlichste Arten zu verarbeiten und zu verspeisen, doch etwas merkwürdig erscheint.

Während die meisten Säugetiere nach der Geburt einen Urinstinkt verspüren, die Plazenta zu essen, ist dieser Trieb beim Menschen nicht vorhanden. Ganz im Gegenteil: Die meisten Frauen stößt der Gedanke ab. "Das wird schon seinen Grund haben", so Dr. Mark Kristal von der Universität Buffalo in den USA. Er forscht zum Phänomen der Plazentophagie, also dem Akt des Verspeisens der Plazenta.

"Frauen verspüren nicht von sich aus das Verlangen, ihre Plazenta zu essen"

Es stimmt zwar, dass minimale Mengen menschlicher Plazenta in der alten chinesischen Medizin Anwendung fanden, bis auf einige wenige Anhänger der Hippie-Bewegung der späten 1960er Jahre gibt es jedoch keine sonstigen Hinweise darauf, dass dieses Ritual sich in der menschlichen Zivilisation weiter durchgesetzt habe.

Heutige Befürworter, die gegen Anfang der 2000er Jahre hervortraten, behaupten, dass sich das Essen der Plazenta positiv auf postnatale Depressionen auswirke, die Milchproduktion der Mutter ankurbele, beim Hormonausgleich nach der Schwangerschaft hielfe und schlaflosen Nächten mit der nötigen Energie für frisch gebackene Mütter entgegenwirke. Sie argumentieren außerdem mit der Tatsache, dass es andere Säugetiere ja auch tun würden und es somit nur natürlich, und deshalb auch gesund, sei. Ärzte und Wissenschaftler widersprechen dem.

Bis auf eine viel kritisierte Forschungsarbeit von 1954 gibt es keine weiteren Studien, die besagen, dass das Essen der Plazenta die Muttermilchproduktion anregen würde. Auch das Argument der Natürlichkeit passe nicht, so Dr. Kristal. "Frauen verspüren nicht von sich aus das Verlangen, ihre Plazenta zu essen, nachdem sie gebären – im Gegensatz zu anderen Säugetieren, die einen unmittelbaren Drang dazu aufweisen. Menschen finden das erst einmal abstoßend, also ist es per se eine andere Ausgangslage."

Trotzdem hört man in den vergangenen Jahren immer wieder von unterschiedlichen Praktiken, die Plazenta nach der Entbindung in den Speiseplan der Mutter zu integrieren. Die Ideen reichen vom Untermischen in Lasagne oder Spaghettisoßen, über Smoothies bis hin zur populärsten Variation der Kapsel, wobei die Plazenta schockgefroren, gemahlen und in Kapselform verarbeitet wird, wie es beispielsweise zuletzt auch Kim Kardashian tat.

Dr. Kristal zum Hype um den Mutterkuchen: "Menschen legen heutzutage sehr großen Wert auf populärwissenschaftliche, anekdotenhafte Daten, die sich in ihrem Kern nicht wesentlich von urbanen Mythen unterscheiden. Und Menschen, egal wie gebildet oder ungebildet, tendieren dazu, etwas zu glauben, wenn sie es immer und immer wieder, etwa im Internet, lesen."

Ist die (Nicht-) Wirkung relevant, wenn es der Person gut tut?

"Zusätzlich wirkt der Placeboeffekt sehr stark", argumentiert Dr. Kristal, der weiterhin ausführt, dass Menschen mit Stimmungsschwankungen oder Depressionen besonders empfänglich für jegliche Linderungsversprechen sind. Auf die Frage, ob er finde, der bloße Placeboeffekt würde als Argument einer befürwortung ausreichen, erwidert er: "Das ist eine der großen ethischen Fragen aller Placebos. Ist die (Nicht-) Wirkung relevant, wenn es der Person gut tut, ohne ihr oder dem Umfeld zu schaden?"

Das eigentliche Problem liege doch eher darin, dass man genau das nicht wisse. Beim Verarbeiten der Plazenta besteht ein großes Risiko der Kontamination, die durch falsche Handhabung jederzeit eintreten kann. Es kann zu langfristigen Folgen kommen, die sich erst Jahre später oder bei einer Folgeschwangerschaft bemerkbar machen.

Bisher gibt es allerdings auch keine Berichte von Frauen, die anschließend stärkere körperliche Probleme zeitigten. Trotzdem betont Dr. Kristal: "Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass Menschen mir von ihren negativen Erfahrungen berichteten. 'Ich habe es versucht und mir ist davon schlecht geworden', oder 'Ich habe es gemacht und es hat nichts gebracht'".

In unserer Redaktion sind wir dann zufällig auf eine Kollegin gestoßen, die aus eigener Erfahrung zu diesem Thema berichten kann. Sie hat ihre Plazenta zu Kapseln verarbeiten lassen, diese jeden Tag genommen und ist aber inzwischen fest entschlossen, diese Prozedur bei möglichen weiteren Schwangerschaften nicht zu wiederholen. Glücklich, dass sie es ausprobiert hat, ist sie trotzdem.

Zu allererst: Wie kam es zu der Entscheidung?

Ich hatte so viel darüber gehört, aus so vielen Ecken, von so vielen Menschen, ganz egal ob Superstar oder Nachbarin. Ich gebe zu, dass ich anfangs sehr zögerlich war, aber ich habe immer mit Depressionen zu kämpfen gehabt. Also befragten wir während meiner ersten Schwangerschaft in einem der Vorbereitungskurse die Kursleiterin dazu und fassten daraufhin den Entschluss. Ich hatte das eigenartige, aber dringende Bedürfnis, das auszuprobieren.

Wie haben die Ärzte reagiert?

Ich fragte sie, ob es sicher sei und ob ich meine Plazenta behalten könnte. Sie erklärten mir, dass die Erzählungen über die gesundheitlichen Vorteile nicht belegt seien. Dass es mir jedoch zustehe, mit der Plazenta zu tun, was ich will, da es meine eigene ist. Im Krankenhaus musste ich dann nochmal extra nachfragen. Sie sagten, dass ich sie behalten könne, dass sie jedoch keine Möglichkeit hätten, sie direkt einzufrieren, was eigentlich notwendig wäre. Ich musste also einen anderen Weg finden.

Kam dir also jemand zur Hilfe, der die Plazenta mitnahm und einfrieren ließ?

Ja, ich hatte meine beste Freundin engagiert. In dem Moment, in dem ich entbunden hatte, war sie zur Stelle und brachte die Plazenta sofort zu uns nach Hause.

Wie wurden dann daraus die Kapseln?

Das habe ich selbst erledigt. Zuerst Recherche im Netz – wieder und wieder, bis ich eine Step-by-step-Anleitung fand, an die ich mich halten konnte. Das kostete mich einige Nachtschichten.

Wie hat die Familie reagiert?

Mein Mann und ich leben in New York. Wie viele New Yorker sind wir eher skeptisch, wenn es um wissenschaftlich nicht belegbare Vorhaben, wie dieses hier, geht. Die Entscheidung war also eher untypisch für uns. Meine Eltern sagten: "Ekelhaft. Hör auf damit." Sie sind als Einwanderer aus Vietnam in die USA gekommen und hatten gar kein Verständnis dafür.

Du hast von einem "eigenartigen, dringenden Bedürfnis" gesprochen. Was genau ist damit gemeint?

Ich war einfach neugierig, ob es wirklich gesundheitliche Vorteile haben wird. Ich fand, dass die Idee tatsächlich etwas Schönes hat, einen Teil des Lebens, das ich geboren habe, wieder einzunehmen. Klingt vielleicht etwas hippie-esk, aber so war es.

Wie war es dann, die Pillen tatsächlich einzunehmen?

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich das Blut schmecken konnte, wenn ich sie geschluckt habe. Das war wirklich nicht schön. Als die Pillen fertig hergestellt waren, habe ich auch nicht direkt mit der Einnahme begonnen. Erst als ich wirklich Probleme beim Stillen bekam, habe ich mich schließlich überwinden können und es ausprobiert.

Danach habe ich meine Tochter sofort gestillt. Sie war wirklich gierig. Ich versuchte, sie so oft wie möglich zu stillen, was schnell zu einer Brustwarzenentzündung und wiederholtem Milchstau führte. Außerdem waren meine Brüste innerhalb kürzester Zeit um zwei Körbchengrößen gewachsen und schmerzten unsäglich stark. Ich kann mich jetzt nicht mehr an den genauen Moment erinnern, an dem ich die Pilleneinnahme begann. Es hat jedenfalls sehr lange gedauert, bis ich realisiert habe, dass sie schlicht nicht helfen. Kein bisschen.

Wie lange hat es dann gedauert, bis du den Entschluss fassen konntest, sie abzusetzen?

Ich glaube, insgesamt habe ich sie zwei Monate lang genommen und es brachte nichts. Der Milchstau kam immer wieder, meine Stimmung wurde nicht besser. Irgendwann fühlte es sich nur noch so an, als hätte ich ein Seifenstück im vorderen Bereich meiner Brust.

Vom gesundheitlichen Aspekt her war es also Zeitverschwendung. Bereust du es?

Nein, ich bereue es nicht. Ich musste es selbst ausprobieren, um mich zu überzeugen. Ich bin stolz darauf, dass ich es zumindest versucht habe. Inzwischen bin ich allerdings zum zweiten Mal schwanger und werde es garantiert nicht noch einmal tun. Vielleicht werde ich die Plazenta wieder mit nach Hause nehmen – aber dann vergrabe ich sie und pflanze einen Baum an diesem Ort.


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