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Feminismus-Slogans: PRO: Nur für zertifizierte Feministinnen? Vergesst euer Ego-Problem!

Feminismus-Slogans auf Kleidung sind gerade in. Das ist der Ausverkauf einer politischen Idee, klagen Kritiker. Das ist der Beginn des weltweiten Siegeszugs, jubeln Befürworter. Unsere Autorinnen sind sich uneins. Lena Steeg hält die Kritik für überzogen.

(Un-)Tragbar? NEON-Autorinnen streiten über Feminismus-Slogans auf Kleidung

(Un-)Tragbar? NEON-Autorinnen streiten über Feminismus-Slogans auf Kleidung

"We should all be feminists"-Flockdruck, Rundhalsausschnitt, 86 Prozent Baumwolle, 14 Prozent Leinen, 550 Euro. Es gibt sicherlich eine Menge gegen dieses mittlerweile legendäre T-Shirt einzuwenden, sein Aufdruck aber liefert keinen Grund.

Kleine Modekunde vorab: 2016 hatte sich die damals neue -Designerin Maria Grazia Chiuri mit dieser Kreation auf einen gleichnamigen TED-Talk der nigerianischen Schriftstellerin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie bezogen der Slogan hatte also durchaus einen gedanklichen Überbau. Ein bisschen geborgt war die Idee trotzdem; schon zwei Jahre zuvor hatte Karl Lagerfeld bei einer Show seine Models als feministische Aktivistinnen inszeniert. Aber sei’s drum, bei Chanel abzukupfern ist keine Schande. Das Dior-Shirt jedenfalls wurde nach seiner Catwalk-Premiere von fast allen High-Streetund Chinashops der Modeindustrie mehr oder weniger facettenreich kopiert, erlangte also Weltruhm, was für ein T-Shirt schon eine Leistung ist. Doch weil Mode nach den gleichen Prinzipien funktioniert wie Popmusik, ist Mega-Erfolg immer auch schnell verbunden mit Mega-Kritik. Und die geht nun so: In Wahrheit seien die Protest-Leibchen gar kein Ausdruck echter feministischer Geisteshaltung, würden diese durch das unreflektierte Dauerzitat im Gegenteil sogar weichspülen und am Ende also die Frauenrechtsbewegung als Ganze auf perfideste Weise von innen aushöhlen. Ach je.

Text-Hirn-Schere? Ist doch vollkommen egal!

Aber gut, denken wir das mal mit. Was natürlich stimmt: Mode ist, zumindest in der Erstversion, eine zwar von Anbeginn kommerzialisierte, trotzdem aber anerkannte Kunstform. Sobald sie getragen wird, auch das stimmt, kann sie zudem individualisierter Ausdruck sein: einer Laune, einer Geisteshaltung, einer politischen Ideologie. Im Regelfall und dazu gehört ein Produkt, das derart flächendeckend feilgeboten wird ist Mode aber bloß die Metapher einer fast schon subversiven ästhetischen Ignoranz. Die der meisten Menschen in deutschen Fußgängerzonen sagt lediglich: Draußen ist Wetter, dies hier ist mein Gegenangebot zum Frieren/Schwitzen/Nacktsein.

Im Fall der -Shirts scheint genau das aber nun nicht mehr okay zu sein. Sonst als oberflächliches Konsumgut verschrien, soll Mode hier auf einmal Tiefe haben. Größter Kritikpunkt: die Text-Hirn-Schere. Denn natürlich glaubt man nicht allen Frauen und Mädchen, die auf ihren Brüsten Alice-Schwarzer-Fürbitten wie "The future is female", "Feminist forever" oder den Spice-Girls-Gedenk-Slogan "Girl Power" durch die Gegend tragen, dass es bei ihnen mit den feministischen Grundprinzipien so weit her ist. Bloß: Das ist doch auch vollkommen egal.

Ein urdeutsches Phänomen

Wer eine Kritik hat, sollte sich immer fragen, was das Gegenteil seiner Forderung ist. Wäre in diesem Fall: Nur zertifizierte Feministinnen dürfen sich mit Frauenpower-Slogans litfaßsäulisieren. Wer auf Brusthöhe A für Aufschrei gegen Unterdrückung des weiblichen Geschlechts sagt, muss mit seinem Kopf auch B, also Boykott von allem antifeministischen Alltagsbrei, sagen. Die Forderung ist dieselbe, die beleidigte Joan-Jett-Fans formulieren, wenn sie Trägerinnen von H&M-Band-Shirts über den Weg laufen, deren Verbindung zu ihrer Musik einzig in der "I love Rock ’n’ Roll"-Version von Britney Spears vermuten. Versteht man ja. Der, der er es ernst meint mit einer Sache, ist immer verärgert, wenn sie andere unverdient vereinnahmen.

Das aber ist ein Ego-Problem desjenigen, der eine Parole für sich und seinen kleinen Kreis reklamieren will. Also am Ende das Gleiche urdeutsche Phänomen der Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur. E hat Anspruch, Tiefe und Ernsthaftigkeit, U will bloß ihren Spaß.

Feminismus soll weltumklammernd zum Slogan werden

Und genau dort liegt der Denkfehler. Feminismus soll doch U sein! Feminismus soll weltumklammernd zum Slogan werden, auf den sich alle einigen können auch wenn das erst mal nur passiert, weil er hübsch aussieht. Muss jeder Wähler, der sich bei der Bundestagswahl nicht für eine radikale Partei entscheidet, bis ins Kleinste aufdröseln können, weshalb er für die politische Mitte stimmt? Schön wäre es, klar. Trotzdem ist in derart großen Richtungsfragen schon der kleinste gemeinsame Nenner ein Grund, sich zu freuen.

Und überhaupt: Love, Peace, Freedom alles Worte, die seit Jahren auf Kleidungsstücken, Flaggen, Autoaufklebern prangen. Haben sie dadurch an Bedeutung verloren? Wohl kaum. Je flächendeckender sich eine Botschaft wie "We should all be feminists" in unserer Gesellschaft etabliert, je normaler dieser Satz wird, weil er wieder und wieder und wieder gelesen wird, desto selbstverständlicher wird die Aussage dahinter.

In Fragen der Freiheit und Gleichberechtigung können wir dankbar sein für jeden, der mit uns auf der richtigen Seite steht. Auch wenn er sich dorthin über den Umweg einer H&M-Kasse oder Dior verlaufen hat.

Feminismus-Slogans auf Kleidung sind gerade ins. Ausverkauf oder Siegeszug? NEON-Autorin Lena Steeg ist dafür

Lena Steeg mag Sweatshirts mit Schrift. Auf ihrem liebsten stehen die klassischen Rap-Lyrics: "Biggie, Biggie, can't you see?"

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