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Feminismus-Slogans: CONTRA: Man kauft sich auch kein NPD-Shirt, weil die Frakturschrift so geil aussieht

Feminismus-Slogans auf Kleidung sind gerade in. Das ist der Ausverkauf einer politischen Idee, klagen Kritiker. Das ist der Beginn des weltweiten Siegeszugs, jubeln Befürworter. Unsere Autorinnen sind sich uneins. Nora Reinhardt sieht eine wichtige Message in Gefahr.

(Un-)Tragbar? NEON-Autorinnen streiten über Feminismus-Slogans auf Kleidung 

(Un-)Tragbar? NEON-Autorinnen streiten über Feminismus-Slogans auf Kleidung 

Am Anfang, als die "Feminist"-Shirts aufkamen, habe ich mich jedes Mal gefreut. Mit jeder Trägerin eines "Female Revolution"-, "Support the girls"-, "We should all be feminists"- oder "Female is the future"-Shirts fühlte ich mich verbunden. Ich freute mich, dass das Wort "Feministin" seinen Bäh-Faktor und seine Verbissenheit verloren hatte: Hey, ich bin Modebloggerin, hübsch und liebe mein -Shirt! Wie schön.

Mit dem Einzug ins H&M-Sortiment begann mich aber etwas zu stören. Nur was?

Sinnentleerung des Wortes "Feminismus"

Offenbar gab es in den vergangenen Jahren eine Bedeutungserweiterung und Sinnentleerung des Wortes "Feminismus". Früher bezeichneten sich jene als Feministen, die sich für den Feminismus einsetzten und etwas dafür taten. Feministen, das waren diejenigen, die auf Demos gingen und Plakate bastelten und in Frauenhäusern ehrenamtlich anpackten.

Heute sind Feministen all jene, die die Idee des Feminismus gut finden. Das schließt die Aktivistinnen ein, aber auch die Normalos. Natürlich kennt Angela Merkel, 63, noch die ernst gemeinte Bedeutung des Wortes "Feministin". Das merkte man, als sie auf dem Women-20-Gipfel im April gefragt wurde, ob sie sich als Feministin sehe: "Also, die Geschichte des Feminismus ist eine, bei der gibt es Gemeinsamkeiten mit mir", aber auch "Unterschiede. Und ich möchte mich auch nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe. Denn, ich sage mal, oder so, die haben ganz schwere Kämpfe gekämpft, und jetzt komme ich und setze mich auf die Erfolge und sage: Ah, ich bin jetzt eine Feministin, das ist aber toll... Ich möchte mich nicht mit der Feder schmücken."


Es wäre weniger reflektiert, aber populärer gewesen, einfach mit "Ja" zu antworten. Das tat direkt im Anschluss Ivanka Trump, die ja nun weiß Gott gute Kontakte zu Anti-Feministen unterhält, und Ivanka entging vermutlich der Witz, dass sie genau eine der Frauen ist, die meinte: Jene Frauen, die 550 Euro für ein Dior-Shirt ausgeben und sich einbilden, sie hätten einen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.

Wer eins trägt, muss die fünf wichtigsten Songs des Feminismus mitsingen können

Natürlich kann jeder einen Daft-Punk-Pulli anziehen, man sollte allerdings damit rechnen, dass man nach seinem Lieblingssong gefragt wird. Genauso verhält es sich mit den Feminismus-Shirts. Wer eins trägt, muss die fünf wichtigsten Songs des Feminismus mitsingen können: first wave, second wave, third wave, Judith Butler und Alice Schwarzer. Sonst ist man der Blamage recht nahe oder dem Missverständnis. Sonst kann es sein, dass zwei die gleiche Band gut finden, aber der eine kennt nur einen Song aus der Frühphase und der andere nur einen aus der Spätphase. Und die klingen ziemlich unterschiedlich. Man kauft sich ja auch kein NPD-Shirt, weil die Fraktur-Typo so geil aussieht. Da kennen die meisten die "Greatest Hits" von Ausländerhass bis Zigeuner.

Gut, ein T-Shirt ist keine Doktorarbeit, aber wenn man akzeptiert, dass "Feminist" heute nur noch bedeutet, dass man für Frauenrechte, also die Einhaltung der Menschenrechte, ist, dann stellt sich mir die Frage: Wer könnte da dagegen sein? Und sollten nicht die vielleicht lieber ein Shirt tragen? Das wäre radikal, provozierend und originell. Ansonsten könnte auf den Shirts auch stehen: "Ich habe heute geduscht." Eine Message, die keine Message ist, denn das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Dass man dafür ist, dass und Frauen gleiche Rechte haben, ist in etwa so inspiriert wie ein "Save the world"-, "Drink water"- oder "Breathe"-Shirt. Oder eins mit "Schwarze sind auch Menschen" drauf. Das ist natürlich nicht falsch, aber provozierend, weil das niemand extra bekräftigen muss, da es selbstverständlich und die Grundlage unseres Zusammenlebens ist.

Fashionshow statt Überzeugung

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man für die Gleichberechtigung per se ist oder ob man dafür ist, dass sie auch durch konkrete Maßnahmen durchgesetzt wird. Ist man allgemein dafür, dass Männer und Frauen zu gleichen Teilen in Aufsichtsräten sind, oder ist man dafür, dass das durch eine bindende Quote erreicht wird? Eben. Nur "Feminismus" zu blöken bringt einen da nicht weiter. Wer so ein Shirt trägt, stellt nur zur Schau, dass er die letzte Fashionshow gesehen hat, mehr nicht. Wie jedes Kleidungsstück entfaltet auch dieses seine Wirkung dem Anlass entsprechend. Respekt, wer sein "Feminist"-Shirt im Saudi-Arabien-Urlaub oder auf der Bartweltmeisterschaft trägt. Viele Rechte wurden erstritten, weil Aktivisten mutig und unbequem waren. Ich habe noch nie davon gehört, dass Rechte erstritten wurden, weil jemand einen süßen Pulli trug. Wer seine Weltsicht durch Motto-Shirts ausdrücken möchte, dem bleiben ja Alternativen. Vorzuziehen wären Shirts wie: "I love Alice Schwarzer", "Judith Butler is a heroine" oder "Equal play, equal pay".

Solche gibt es ja auch.

Feminismus-Slogans auf Kleidung sind gerade ins. Ausverkauf oder Siegeszug? NEON-Autorin Nora Reinhardt ist dagegen

Nora Reinhardt mag ebenfalls Sweatshirts mit Schrift. Sie hat einen Hang zum französischen Fatalismus: "C'est la vie, mon ami" oder "Au revoir, mon amour".


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