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Fragen zur Gegenwart, im Bett ein Brett u.v.m.: Das steht in unserer Juli-Ausgabe

Wo wir stehen - 73 Fragen zur Gegenwart: So denken junge Deutsche über Politik, ihren Kob und die Liebe | Plötzlich in Tüll: Feministin und Braut sein - geht das? | Achtung Würstchenfalle! Bevor du im Job etwas forderst, hab einen Plan | Im Bett ein Brett: Warum manche Frauen leichter kommen, wenn sie steif daliegen u.v.m.

EDITORIAL

Eine Generation? Gibt es höchstens auf dem Papier. Wir sind untereinander und in uns selbst herrlich unstimmig.

Vor vielen, also wirklich sehr vielen Jahren habe ich mal ein paar Semester Soziologie studiert. Ich erinnere noch den Auftakt: Gerade war ich aus Erste-Liebe-Gründen überstürzt nach München gezogen, als ich in der Eingangshalle der Ludwig-Maximilians-Uni plötzlich Panik bekam. Mit seinen Säulen und dem ganzen Marmor-Theater machte das Gebäude einen so erhabenen Eindruck, dass ich sicher war, hier niemals eine Prüfung zu bestehen. Statt zur Vorlesung ging ich lieber wieder vor die Tür und blätterte in einem Studienführer.

Darin das Georg-Simmel-Zitat: "Die Jugend ist in dem Augenblick vorbei, in dem das Geheimnis unseres Lebens definiert wird." Beim Aufbereiten der knapp 390-seitigen NEON-Umfrageergebnisse kam mir dieser Satz wieder in den Sinn. Auch weil es für die Jugend ja dauernd neue Etiketten gibt. Aktuelles Packungsbeilagen-Fazit: Spießig sind wir und ängstlich, aber auch fordernd im Job und festgelegt, was wir von Beziehungen erwarten.


Unsere Umfrage nun sagt: Stimmt. Und stimmt gleichzeitig überhaupt nicht. Wir sind – untereinander, aber auch in uns selbst – auf manchmal absurde Weise zerrissen. Während wir für die Zukunft unseres Landes mindestens dunkelgrau sehen, erscheint uns unsere persönliche immerhin elfenbeinweiß.

Angst vor Krieg und gleichzeitig Vorfreude auf die nächste Staffel "House of Cards" – warum nicht? Ein paar Antworten fand ich persönlich allerdings unmöglich. 57 Prozent wünschen sich eine Obergrenze für Flüchtlinge. Ah ja? Mal so aus Neugier: Wo setzt man die? Und: Wie setzt man die dann um? Aber das ist ja schon wieder gut: dass wir uns uneins sein können.

Weil es bedeutet, dass wir denkende, fühlende, mündige Menschen sind. Und vielleicht ist es auch das, was Simmel mit dem undefinierten Geheimnis meinte. Solange wir jung sind, mindestens im Kopf, können wir jederzeit noch einmal ganz neu losdefinieren.

wue
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