VG-Wort Pixel

Egoismus oder Eifersucht? Warum ich keine offene Beziehung will

Sex mit mehreren Partnern klingt erst mal super. Aber was ist, wenn das Bauchgefühl nicht stimmt?

Als mein Freund mich fragte, ob wir es nicht mal mit einer offenen Beziehung probieren wollen, lachte ich ihn zuerst schallend aus. Der Vorschlag schien mir einfach zu absurd - vor allem aus seinem Mund. Dann bemerkte ich, dass er die Frage durchaus ernst gemeint hatte - und war verwirrt.

Wir kannten uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu lange, seit dem Sommer trafen wir uns, jetzt war es kalt geworden. Ich fragte mich, ob auch seine Gefühle für mich schon so weit abgekühlt waren, dass er wieder Ausschau nach anderen Partnerinnen hielt. Ich fragte das auch ihn und ich hasste, wie unsicher ich dabei klang. 

Brauche ich ein Beziehungs-Update?

Eigentlich finde ich die Idee einer offenen Beziehung gar nicht so schlecht. In der Theorie. Ein Paar gibt sich dabei gegenseitig die Freiheit und Erlaubnis, auch außerhalb der Beziehung mit anderen Menschen zu knutschen, Sex zu haben etc., ohne dies als Betrug zu werten. Immer öfter tauchen in meinen Newsfeeds, Timelines und Feeds Überschriften wie "Treue - ein überholtes Konzept?", "Die Monogamie-Lüge" und "Warum mehrere Partner mehr Spaß bedeuten" auf und ich klicke sie an, weil sie mich verunsichern an einem Punkt, den ich eigentlich für ziemlich sicher hielt. Der Gedanke, der Mensch sei nicht zu ewiger Liebe und Treue gemacht, rüttelt ganz ungeniert an allem, wovon ich dank Disney und den Gebrüdern Grimm überzeugt zu sein glaubte. 

Beziehung 2.0

Es erscheint so logisch, die lebenslange Treue zu hinterfragen, ein Konzept, das so eng an die Vorstellung der heiligen, nicht scheidungsfähigen Ehe gebunden ist, dass es in Zeiten von Scheidungskindern und Patchworkfamilien doch zu Recht etwas veraltet wirkt. Eine offene Beziehung wirkt wie die perfekte Vorbeugung von Langeweile im Bett und der Beziehung, wie das goldene Ticket, das Sicherheit und Sich-Ausleben gleichzeitig möglich macht - wenn man denn nur offen genug kommuniziert.
Ich glaube, Menschen in offenen Beziehungen sind die Veganer der Liebe: Moralisch überlegen, mit sich und der Welt im Reinen und Teil einer Welt- und Wertvorstellung, die für viele so fremd ist, dass sie oft missverstanden und als bedrohlich empfunden wird. Der Gedanke "Ich könnte das nie!" dominiert Diskussionen zum Thema, viele Argumente laufen mehr auf emotionaler als auf argumentativer Ebene ab.

Warum eigentlich nicht?

So konnte auch ich nicht wirklich stichfest begründen, warum eine Öffnung meiner Beziehung mir nicht in den Kram passte. Mein Freund würde ein Auslandssemester machen, wir würden uns selten sehen, es würde garantiert Situationen geben, in denen eine anonyme Nacht mit einem beliebigen Menschen verlockend erscheinen würde, wie das Nächstbeste nach der fehlenden Zweisamkeit und Geborgenheit.

Es würde unser Vertrauen ineinander stärken, zumindest sagten das alle Menschen in den Artikeln die ich las, und ja, natürlich vertraute ich meinem Freund. Schließlich sei es doch auch nur eine Frage der Offenheit und Kommunikation, das konnten wir doch, reden und ehrlich sein. Eigentlich. Und trotzdem hatte ich ein unangenehmes Bauchgefühl, als ich darüber nachdachte. 

Gute Idee, schlechtes Gefühl

Sobald er bemerkte, dass mich das Thema weniger begeisterte, als er erwartet hatte, begann mein Freund zurückzurudern. Sein bester Freund habe ihm erzählt, dass er mit seiner Freundin eine teilweise offene Beziehung ausprobieren wolle und im ersten Moment der Begeisterung hatte er sich gedacht: "Warum eigentlich nicht?" Genau wie ich, wenn ich mal wieder einen Artikel zum Thema las. "Aber eigentlich will ich das gar nicht!", versicherte er mir - und ich glaubte ihm, weil ich genau wusste, wie dieser Gedankenprozess sich anfühlt. Ja, in der Theorie halte ich offene Beziehungen für eine großartige Idee und glaube daran, dass sie für manche Paare genau das Richtige sind. Allerdings nicht für mich. Nicht in der gegebenen Situation. 

Beziehungen gibt's nicht in Einheitsgröße

Obwohl sie rational gesehen nämlich viele Vorteile birgt, ist die offene Beziehung nicht für Jedermann. Nur, weil sie vermehrt öffentlich thematisiert wird, muss sie deshalb nicht alles bisher Dagewesene ablösen. Beziehungen sind wohl einer der persönlichsten und individuellsten Aspekte des Lebens, darum existiert kein "One Size fits all"-Modell. Vielmehr muss jedes Paar immer wieder für sich herausfinden, welcher Weg der Richtige ist. Ob man etwas neues ausprobieren oder bei Altbewährtem bleiben möchte, ist jeder und jedem selbst überlassen. Alleine, darüber zu reden ist ein Schritt in die richtige Richtung: Die gemeinsame Entscheidung "Das passt nicht zu uns!" ist für mich persönlich verbindender, als auf Biegen und Brechen zu versuchen, etwas zu leben, das man nicht zu hundert Prozent fühlt.

Letztendlich gibt es auf die Frage "Sollte ich es mit einer offenen Beziehung versuchen?" nur eine Antwort: Hauptsache, das Bauchgefühl stimmt.

Stern Logo

Mehr zum Thema