HOME

"Generation Y": Wer bin ich? Auf der Suche nach meiner Generation

Es gibt viele Schlagwörter und Zustandsbeschreibungen, aber mehr Fragen als Antworten: Wer oder was ist diese "Generation Y"? Ich wurde in sie hineingeboren. Und bin ratlos. Meine Sinn- und Spurensuche.

"Generation Y": Wer bin ich? Auf der Suche nach meiner Generation

Die "Generation Y" sei eine Generation, die "mit Krisen aufgewachsen ist", sagt mir ein Soziologe. Sind wir deswegen so vorsichtig?

Meiner Generation wurde schon so mancher Stempel aufgedrückt. Von "Generation Y" über "Generation McJob" bis zu "Generation Single". Auch ein "Millenial" und "Digital Native" soll ich sein. Es sind Schlagworte und Zustandsbeschreibungen, die mich und meine Altersgenossen kollektiv greifbar machen sollen. Und mit denen ich nichts anfangen kann.

Meine Generation (etwa im Zeitraum von 1985 bis 2000 geboren) sei in Zeiten von Dating-Apps etwa "zu blöd für die Liebe" ("FAZ"). Ja, sogar "verwöhnt, faul und unfähig" ("Welt") und "überfordert, gierig und überschätzt" ("Manager Magazin") sollen wir sein. Allein: Wer ist überhaupt "wir"? Zumindest in einem Aspekt scheine ich also auf die charakteristische Definition der "Generation Y" (der Buchstabe "Y" wird im englischen wie "why", also: warum, ausgesprochen) zu passen: Ich hinterfrage. In diesem Fall: meine Generation. 

Wir sind irgendwie alles - aber was sind wir wirklich?

Ich bin 23 Jahre alt, habe eine Ausbildung abgeschlossen, einen Job und bin seit zweieinhalb Jahren mit meiner Freundin zusammen. Seit Kurzem teilen wir uns eine gemeinsame Wohnung. Vielleicht mag mein Lebensweg im Vergleich zu dem meiner Altersgenossen ungewöhnlich gewöhnlich sein. Dennoch würde ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis niemanden als "verwöhnt, faul und unfähig" bezeichnen und schon gar nicht spöttisch abkanzeln, weil er oder sie bereits in jungen Jahren ein Sabbatical eingelegt oder im Ausland studiert hat. Denn auch dafür soll meine Generation stehen: Für den Druck der Leistungsgesellschaft, den wir (je nach Auslegung) irgendwie mit zu verantworten hätten oder ohne Protest mitmachen würden.   

Manche Umfragen erwecken sogar den Eindruck, dass wir eine "Generation Biedermeier" (laut Kölner Rheingold-Institut in seiner Jugendstudie von 2010) seien. So sei laut einer "Bento"-Umfrage (2015) unter 1000 Teilnehmern im Alter von 18 bis 30 Jahren für 80 Prozent die Gesundheit am wichtigsten, danach folgen die finanzielle Unabhängigkeit (77 Prozent) und eine eigene Familie (65 Prozent) - für ausufernde Feierei und Drogenkonsum hätten dagegen nur die allerwenigsten etwas übrig. Dafür für Retro-Möbel und gemütlichen Oma-Chic. Immerhin: Meine Generation hat ja auch den "Hipster" hervorgebracht. 

Also: Meine Generation ist faul und verwöhnt, aber auch (über-)ambitioniert, irgendwie von vorgestern und scheinbar recht konservativ. Was denn nun?

Das sagt die "Generation Y" ...

Ich starte eine eigene Umfrage, die zumindest für mich repräsentativer als alle anderen scheint: unter meinen Freunden. Via WhatsApp möchte ich in Erfahrung bringen, wofür "wir" stehen und was "uns" auszeichnet.

Mein Kumpel Wladi lässt ein paar Schlagworte in den virtuellen Raum fallen. "Generation Biedermeier", "zielstrebig", "Backpacking", "Work & Travel", "Retro".

"Ich weiß nicht, ob ich zielstrebiger sagen würde. Vielleicht sogar eher das Gegenteil.", antwortet Paco auf Wladis Nachricht. "Durch den technologischen Fortschritt und die gesellschaftliche Entwicklung sucht unsere Generation eher nach einem Ziel; nach einem Sinn. Manchmal auch auf Teufel komm raus."

Wladi fügt hinzu: "Wer heutzutage ein Lebens- oder Berufsziel hat, ist mehr als glücklich. Wer noch eins sucht, hat gleich Angst vor dem sozialen Absturz."

Robby sieht das ähnlich: "Unsere Generation denkt hauptsächlich darüber nach, wo ihr Platz im Universum ist. Auch deswegen will sie eben nicht mehr die klassische Ausbildung und ihr ganzes Leben lang den gleichen Job machen. Unsere Generation will frei sein." 

Ich kann die Gedanken meiner Freunde gut nachvollziehen. In Teilen gebe ich ihnen auch Recht. Aber als Bilderbuch-Vertreter der "Generation Y" können wir darüber womöglich nicht unbedingt objektiv urteilen. Also frage ich einen weiteren Zeitzeugen, im Zweifel sogar einen Verantwortlichen, der das Heranwachsen der "Generation Y" unmittelbar miterlebt hat: meinen Vater.

... und das sagen ihre Verantwortlichen

Auch ihm schicke ich per WhatsApp meine Fragen. Der vermeintlich naheliegenderen SMS hat auch er vor Jahren abgeschworen - der technische Fortschritt ist keine Frage des Alters, sondern vor allem der Überzeugung und Bereitschaft dazu.

"Ich soll dir sagen, was 'euch' ausmacht? Mir fällt nur ein, was 'euch' nicht ausmacht", schreibt mein Vater, 53, zurück. "Das Leben genießen ohne Smartphone, Internet und Computerspiele. Verabredungen im wirklichen Leben. Auch mal einfach nix tun." Ich glaube zu verstehen, was er meint: In Zeiten des Internets - ich als "Digital Native" bin damit bereits aufgewachsen - sind wir nahezu immer und überall erreichbar. Eine Gesellschaft in Dauererregung, auch zu diesem Zustand haben wir beigetragen. "Und dann die Dinge, die 'ihr' leider nicht habt", schreibt er weiter. "Echte Idole und Vorbilder, an denen man sich orientieren kann; einen Beruf, den man bis zur Rente ausübt; ankommen statt auf der Suche sein (mein Haus, mein Garten, mein Hund...)." Aber es seien nun mal "andere Zeiten, mit anderen Werten und Rahmenbedingungen".

Geht es uns einfach zu gut? Ich denke darüber nach, was meine (Groß-)Eltern alles für "uns" durchgeboxt haben. Welche Kämpfe sie geführt haben, etwa für die Gleichberechtigung und Chancengleichheit, die wir heute wohl als Selbstverständlichkeiten bezeichnen. Ich schäme mich, vor allem für mich selbst - weil ich nicht oft darüber nachdenke. Es sind tatsächlich Selbstverständlichkeiten für mich.   

Wer bin ich, Herr Professor?

"Letztendlich ist Ihre Generation Definitionssache", sagt mir Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Er ist Sozial-, Gesundheits- und Bildungswissenschaftler und arbeitet in Berlin. Sein Fachgebiet: Generationen. Als Vertreter der "Generation Y" sehe ich es als meine Aufgabe an, "überfordert" und "unfähig" nachzufragen: Was ist das überhaupt, eine Generation? "Der Begriff wurde in den 1920er-Jahren geprägt und ist bis heute ein methodisches Instrument", erklärt Hurrelmann. Es decke in der Wissenschaft ein Zeitfenster von ungefähr 15 Jahren ab und sei sozusagen ein gedankliches Konstrukt, das versuche, eine Personengruppe zu generalisieren. Dabei würden sowohl historische Ereignisse als auch aktuelle Zeitströme eine Rolle spielen - das erkläre auch die Masse an Definitionen, die oftmals tagesaktuelle Beobachtungen aufgreifen würden. Aber, wie gesagt: Definitionssache.

Geradezu unumstritten sei es hingegen, welche einschneidenden Ereignisse die "Generation Y" erlebt habe. Kurz: "Sie sind eine Generation, die mit Krisen aufgewachsen ist." Von Wirtschaftskrisen, den daraus resultierenden Krisen am Arbeitsmarkt, über die Ereignisse von 9/11 und vielen weiteren Terroranschlägen, bis hin zu politischen Krisen. "Und sie konnten diesen nie ausweichen. Durch den digitalen Fortschritt und das Internet, mit dem ein Großteil Ihrer Generation aufgewachsen ist, sind Sie eigentlich immer auf Sendung." Noch so eine Art Krise. Und ich mittendrin. Mir war das bisher nicht unbedingt bewusst. Aber vor dem Hintergrund beginne ich langsam zu verstehen, warum "wir" offenbar besonders den Sicherheiten im Leben hinterherhecheln.

"Im Vergleich zu den Generationen vor Ihnen, sind Sie relativ unpolitisch", so Hurrelmann weiter. "Ihre Generation ist mit dem Gefühl aufgewachsen, dass die Politik ein schwankender Boden ist und die eigene Zukunft gesichert werden muss." Etwa durch eine gute Ausbildung und Auslandsaufenthalte, um nicht einmal Gefahr zu laufen, auf der Strecke zu bleiben. "Da bleibt kein Platz für Politik. Die nächste Generation, die diesen Gedanken ablegen wird, wird dafür wieder deutlich politischer."

Denn die Youngster der Weltpolitik, der französische Präsident Emmanuel Macron und Österreichs potenzieller Kanzler Sebastian Kurz, seien nur der Anfang. Denn die Anhänger der "Generation Y" seien "Die heimlichen Revolutionäre", wie Hurrelmann in einem Buch festgehalten hat. Wir würden in der Digitalisierung eine Chance und keine Gefahr sehen, für flache Hierarchien und gutes Betriebsklima stehen. Wir werden den Arbeitsmarkt reformieren, so Hurrelmann - aber eben ohne Demo-Charakter. Auch in der Politik, die momentan zu großen Teilen noch in den Händen von Ü-60-Abgeordneten liege. Der Wandel wird kommen. Weil wir auch irgendwann in die Politik müssen. 

Scheiß drauf!

Am Ende meiner Spurensuche steht vor allem eine Erkenntnis: Die "Generation Y" hat ebenfalls ihre Kämpfe auszutragen - und dadurch ein unheimlich großes Potenzial. Uns geht es nicht großartig anders als den Generationen vor uns. Wie mein Vater schon sagte: Es sind "andere Zeiten, mit anderen Werten und Rahmenbedingungen". Eine klare Definition der "Generation Y", und Antworten auf ihre Fragen, gibt es nicht.

Aber vielleicht steht meine Generation auch dafür, nicht mehr in Begriffen wie "Generation" zu denken; sich nicht in Schubladen stecken zu lassen. Einfach zu leben, im Hier und Jetzt. Auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Dem Leben und all seinen Fallstricken auch hin und wieder ein simples aber bestimmendes "Scheiß drauf!" entgegenzusetzen. Aber auch das ist Definitionssache.

Themen in diesem Artikel