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Inkompetente Vorgesetzte: Hilfe, mein Chef kann nix!

Inkompetente Vorgesetzte gab es schon immer. Heute wechseln sie nur viel schneller, und es gibt viele Sorten der Dummheit. Ein Annäherungsversuch an eine unberechenbare Spezies.

Ein Mann im Anzug telefoniert während er die Füße auf den Tisch legt

"Dunning-Kruger-Effekt": Inkompetente Menschen sind zu inkompetent, um ihre eigene Inkompetenz zu erkennen. Sie halten sich sogar für kompetenter als andere. (Symbolfoto)

Es gibt sehr wenige Sätze, für die man weltweit Zustimmung erntet. Einer lautet: "Sjefen min er en idiot!; Il mio capo è un idiota!; Mon patron est un crétin!; Mein Chef ist ein Depp!" "Meiner auch" wird die Antwort sein, egal, ob man gerade in einem Café in Seoul, in einem mittelständischen Unternehmen in Stuttgart oder an einem Fließband in Surrey ist. Einfach weil so gut wie jeder einen Chef hat, der ihn nervt. Die negative Note klingt bei dem deutschen Wort "Vorgesetzter" schon lakonisch mit: Der Boss, ach, das ist nur der, der mir vorgesetzt wurde. Wie ein Kantinenessen: Es wird einem vorgesetzt, und man schluckt es, auch wenn es einem nicht schmeckt. 2014 sagten 62 Prozent der Mitarbeiter in einer "Persorama"-Umfrage, sie hätten schon einmal wegen des Chefs gekündigt.

Klar, es gab schon immer unfähige, selbstherrliche, fiese und inkompetente Chefs (und Chefinnen natürlich auch!). Nur scheint das Problem tatsächlich schlimmer zu sein als noch in unserer Elterngeneration. Chefs sind heute im Schnitt weniger erfahren als damals. Früher stiegen Mitarbeiter mit 50 Jahren mit Berufs- und Lebenserfahrung zum Chef auf. Heute werden häufig Mitarbeiter befördert, die erst Mitte 20 oder Anfang 30 sind.

Das sind einerseits natürlich gute Nachrichten weil man Mitarbeitern schon früh zutraut, mehr Verantwortung zu übernehmen. Andererseits leiden die Kollegen oft unter den neuen Chefs, weil die schlechtere Arbeitsbedingungen haben: Budgets werden knapper, die Belastung nimmt zu all das stresst die Vorgesetzten. Junge Chefs werden oft nicht annähernd so fürstlich bezahlt wie ihre Vorgänger, sie verdienen, unabhängig von der Branche, laut Experten häufig "erstaunlich wenig" . Und wer will schon Chefs, die gefrustet sind, weil sie Verantwortung bekommen und Überstunden machen müssen, aber kaum mehr verdienen als der Untergebene, der um sechs Uhr den Hammer fallen lassen kann? Eben. Chefs, die mehr Druck spüren, gestresster sind und auch noch weniger Erfahrung haben na super. Und der Chef merkt oft gar nicht, wie doof er sich anstellt.

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Der "Dunning-Kruger-Effekt"

Dieses Phänomen ist auch der Wissenschaft bekannt; als "Dunning-Kruger-Effekt": Inkompetente Menschen sind zu inkompetent, um ihre eigene Inkompetenz zu erkennen. Sie halten sich sogar für kompetenter als andere. Das arbeiteten die Psychologen David Dunning und Justin Kruger von der Cornell University heraus in ihrer Untersuchung mit dem schönen Titel "Unskilled and Unaware of It" . Gerade die, deren Leistungen im unteren Viertel lagen, waren besonders oft davon überzeugt, besser als andere Teilnehmer der Studie zu sein. (Alle, die wiederum zu inkompetent sind, um die Wahnsinnskompetenz ihres Chefs zu erkennen, können mit diesem Artikel übrigens zu richtigen Chefverstehern werden.) Wie man mit einem blöden Vorgesetzten umgeht, ist noch schwieriger geworden, weil sich in der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren etwas gravierend verändert hat: Früher wurde der Chefposten praktisch auf Lebenszeit vergeben. Der Boss war bis zur Rente am Drücker. War der inkompetent oder cholerisch, gab es keine Hoffnung. Entweder man konnte sich mit ihm arrangieren oder musste kündigen. Heute bekommen Führungskräfte meist nur noch Verträge für zwei bis fünf Jahre. Man ist also weniger ausgeliefert, es heißt aber auch: Selbst wenn einen ein netter Chef einstellt, kann man sich nicht darauf verlassen, dass er nicht schon bald durch einen fiesen ersetzt wird. Wer mit seinem Vorgesetzten nicht auskommt, kann dafür besser auf Zeit spielen und die Sache aussitzen. Man spekuliert darauf, dass der Choleriker sich in einem Jahr eh einen neuen Job suchen muss. Oder eben man selbst. Deshalb stellt sich heute wesentlich häufiger die Frage: aussitzen oder abhauen?

Eine einfache Lösung für dieses Dilemma gibt es eigentlich nur in einem Fall: wenn einen der Job richtig unglücklich macht. Wer seelisch leidet, braucht Hilfe. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Arbeitnehmer, die psychische Probleme haben, laut dem Wido-Institut enorm gestiegen. Aber meistens ist das Chef-Mitarbeiter-Verhältnis dann doch harmloser: Man rollt mit den Augen, man möchte in die Tischkante beißen und lacht mit den Kollegen darüber, was der Chef dieses Mal wieder vergeigt hat.

Fünf typische Probleme

Viele, die unschlüssig sind, ob sie kündigen oder die Sache aussitzen sollen, kommen zu Attila Albert. Der Karriere- und Lifecoach berät seit Jahren Menschen, die Probleme mit ihren Vorgesetzten haben. Sein Job ist also, anderen zu erklären, wie deren Chefs ticken. Denn wer das versteht, macht es sich selbst leichter. Die Konfliktsituationen seien ähnlich, sagt Albert, ob man nun Floristin, Maschinenbauer oder Key Account Managerin sei. Er hat uns fünf typische Probleme verraten und wie man mit ihnen umgeht.

Der Klassiker ist, dass der Chef ständig vergisst, was er angeordnet hat. Oder er leugnet es sogar bewusst, um seine Fehler zu vertuschen. "Die Gründe dafür können Vergesslichkeit, Überlastung oder Verantwortungslosigkeit sein" , sagt Albert. Am besten schreibe man nach jedem Gespräch eine kurze Mail, in der man das Besprochene zusammenfasst und fragt: "Haben wir uns da richtig verstanden?" Einen Kleinkrieg gewinnt man so zwar nicht, aber es hilft, sich abzusichern.

Und was kann man machen, wenn der Vorgesetzte tatsächlich inkompetent ist? Vorsicht, bevor man sein Urteil fällt. Albert sagt: "Der Chef ist eine Führungskraft und keine Fachkraft. Chef zu sein bedeutet nicht, den Job des Mitarbeiters auf Steroiden auszuüben." Den Job, den man selbst macht, muss der Chef also nicht besser können, er soll ja führen. Oft hätten das allerdings weder der Mitarbeiter noch der Chef verinnerlicht, so Albert. Das liege daran, dass viele den Posten annehmen, obwohl sie ihn im Grunde gar nicht wollen. "Sie möchten mehr Geld und Prestige, aber eigentlich achten sie nicht gerne darauf, dass Budgets eingehalten werden und solche Dinge." Als Mitarbeiter könne man dem Chef sein Fachwissen anbieten und ihm die Sicherheit geben, dass er sich auf einen verlassen kann.

Und was, wenn der Falsche aufgestiegen ist? Also man sich selbst schon auf dem Chefsessel gesehen hatte? Tja. Dass man nicht Chef geworden ist, kann an einem selbst liegen muss es aber nicht. Beispielsweise wenn das Unternehmen gerade explizit internationale oder weibliche Mitarbeiter fördert. Das kann man unfair finden, aber das hilft nicht weiter. "Man sollte sich schnell entscheiden: Kann ich die Kröte schlucken? Wenn nicht, sollte man sich beruflich verändern. Zu sticheln und immer mehr zu verbittern ist schlecht" , sagt Albert. Spätestens nach drei Jahren solle man intern oder extern wechseln, wenn man noch nicht aufgestiegen ist, obwohl man das will.

"Manche klagen, der Chef sei ein Nervenbündel und es sei schon vorgekommen, dass er weinend aus der Konferenz gerannt ist" , so Albert. In diesem Fall solle man gelassen reagieren. Wichtig sei, eine Grenze zu ziehen. "Es ist nicht der Job des Mitarbeiters, dem Chef beizustehen. " Albert empfiehlt, einfach abzuwarten. So ein Chef halte in der Regel nicht lange durch.

Risiko Jobwechsel

Und was, wenn der Chef permanent ausgewechselt wird und man keinen Sinn mehr darin sieht, sich auf den nächsten Boss einzulassen? Wenn Chefs oft rotieren, sei das ein Indiz dafür, dass keines der Konzepte funktioniere, sagt Albert. Er rät, trotzdem jeden neuen Chef erst mal zu unterstützen. Nur wer gar nicht mit den Wechseln umgehen kann, müsse irgendwann wohl doch selbst gehen.

Ein Jobwechsel ist immer ein Risiko. Am besten sorgt man vor, indem man Geld für den Übergang spart. Albert warnt davor, erst zu kündigen und sich dann zu bewerben: "Dann tickt die Uhr, und man hat schlechtere Chancen, ein gleich hohes Gehalt zu bekommen. Das Netzwerk schrumpft an jedem Tag, an dem man nicht arbeitet. " Mutige können sich auch an dem Masterplan des Astronauten Chris Hadfield, 57, orientieren. Er verriet NEON mal in einem Interview seine Strategie: Sobald er an zwei aufeinanderfolgenden Tagen keine Lust hat, zur Arbeit zu gehen, kündigt er. Er tat es nie. Vielleicht das Erfolgsgeheimnis: innere Unabhängigkeit.

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