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Sieg bei der Tennis-WM: Alexander Zverev: Dieser Typ hat das Zeug zum Idol seiner Generation

Alexander Zverev gilt schon länger als größtes Nachwuchstalent des Tennis und als legitimer Nachfolger der immer noch sehr aktiven Legenden Federer, Nadal und Djokovic. Jetzt hat er als erster Deutscher seit Boris Becker die ATP-Finals gewonnen. Und das soll erst der Anfang sein.

Alexander Zverev: Dieser Typ hat das Zeug zum Idol seiner Generation

"Ein Star ist angekommen!" So kommentiert Boris Becker in seiner Funktion als Fernsehexperte der BBC den Triumph von Alexander Zverev bei den ATP-Finals in London. Mit seinem überraschend souveränen Finalsieg über Novak Djokovic ist er der erste Deutsche seit Becker höchstpersönlich im Jahr 1995, der das prestigeträchtige Jahresabschlussturnier gewinnen konnte.

Und dieser Erfolg hat deutlich mehr Gewicht, als es zunächst den Anschein macht. Auf den ersten Blick ist es bloß der nächste Schritt in der Karriere des größten Nachwuchstalentes des Tennis, als das Zverev schon seit längerer Zeit gilt. Bei genauerer Betrachtung hat er in der o2-Arena der britischen Hauptstadt bewiesen, was manche schon bezweifelt hatten: dass er sowohl mit der Erwartungshaltung der Kritiker als auch mit dem Druck, den er sich selbst macht, umgehen kann.

Alexander Zverev, der nächste Superstar

Sportlich ist dieser Triumph mit den Siegen über Djokovic und zuvor Roger Federer im Halbfinale ein Quantensprung: "Novak und Roger nacheinander in einem der größten Turniere der Welt zu bezwingen, beweist ihm und der ganzen Welt, dass er der nächste Superstar wird", so Becker.

Zverev ist mit seinen 21 Jahren der jüngste ATP-Weltmeister seit Djokovic 2008. Er gilt schon länger als legitimer Nachfolger der immer noch sehr aktiven Legenden Federer, Nadal und Djokovic. Doch bisher versagten ihm gerade bei den großen Turnieren immer mal wieder im entscheidenden Moment die Nerven, sodass sogar Federer selbst ein paar warme Worte an Zverev richtete, nachdem dieser Anfang des Jahres bei den Australian Open in Melbourne gescheitert war.

Zverevs Zeit werde schon kommen, so der Maestro, er dürfe sich bloß nicht zu stark unter Druck setzen. Es bringe nichts, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Federer weiß, wovon er spricht, auch er gewann nach Jahren der Vorschußlorbeeren einst "erst" mit 21 Jahren sein erstes Grand-Slam-Turnier – und auf dem Weg zu diesem Triumph waren ähnlich wie heute bei Zverev einige Schläger des damals noch recht heißblütigen Schweizers zu Bruch gegangen.

Was Zverev aber besonders interessant macht: Er ist ein Typ. Abgesehen davon, dass der technisch beschlagene Schlaks bei der Umfrage eines Dating-Portals mit 24 Prozent der Stimmen zum heißesten Spieler der ATP-Finals gewählt wurde, ist er für Boris Becker noch mehr: "Ein Deutscher mit Humor, der reden und über sich selbst lachen kann", so der dreimalige Wimbledon-Champion auch mit Blick auf Zverevs launige Rede bei der Siegerehrung.

Für das Fachblatt "Tennis Magazin" sei der Jungstar deshalb auf dem Weg zur Identifikationsfigur: "Für Zehntausende von Talenten, die ihm nacheifern, wird er zum Vorbild." Dass der Fußball als Sportart Nummer eins zurzeit ein wenig schwächelt, sei die große Chance fürs Tennis: "Was Angelique Kerber mit ihrem Wimbledonsieg ausgelöst hat, geht weiter", so das Fachblatt. "Momente wie London 2018 sind die, die nicht nur die Hardcore-Fans miterleben, sondern alle, die Tennis längst nicht mehr auf dem Schirm hatten."

Das große Erbe des deutschen Tennis

Um die Ära Becker/Graf/Stich der 80er und 90er ranken sich bis heute die Mythen, zu deren Erzählung auch Zverev eines Tages ohne Frage in der Lage sein könnte. Wem, wenn nicht ihm, ist die Renaissance des seit zwei Jahrzehnten kriselnden Tennissports in Deutschland zuzutrauen? Dieser Typ bringt alles mit, um zum Sport-Idol seiner Generation zu werden. Und das schreiben wir nicht, um ihn mit unnötigem Erwartungsdruck zu überfrachten. Sondern weil er sich dessen ohnehin bewusst ist und in London zum ersten Mal gezeigt hat, dass er für dieses Erbe inzwischen auch bereit fühlt. Genau hier, genau jetzt.

Die ewigen Vergleiche mit Becker interessieren ihn zumindest so lange nicht, "bis ich als erster Deutscher nach ihm Wimbledon gewinne", hat Zverev vor dem Endspiel gegen Djokovic gesagt. Nach der Reifeprüfung von London möchten wir erwidern: Es wäre keine Überraschung mehr, wenn dieses Interesse schon im Juli 2019 geweckt werden würde.