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Meinung

Verbessern statt Bashen: Das Bildungssystem ist ungerecht – aber es nützt nichts, darüber zu jammern

Studien belegen eindeutig: Es gibt keine Objektivität in der Notengebung. Doch statt darüber zu Jammern, sollten wir aktiv werden und unsere Strategien ändern.

Ein Gastbeitrag von Daniel Hunold

Bildungssystem Schülerin Laptop

(K)Ein Grund zur Aufregung!? Das Bildungssystem steht in Deutschland immer wieder zur Debatte

Eine Note kann niemals einen Menschen als Ganzes beurteilen.

Akademikerkinder schneiden besser ab als Arbeiterkinder.

Menschen mit Migrationshintergrund haben einen riesigen Nachteil.

Sogar Kinder mit hohem BMI werden schlechter benotet als mit einem Niedrigen.

Jede von mir gelesene Studie belegt eindeutig: Es gibt keine Objektivität in der Notengebung. Also sind Noten ungerecht und das Bildungssystem erst recht!?

Ich will die andere Seite zeigen - motivieren statt kritisieren

Wenn alle auf dem Bildungssystem herumhacken, wer verteidigt dann noch die guten Aspekte? Nur die Bildungsminister, die jetzt das verteidigen müssen, was sie zuvor in der Opposition harsch kritisiert haben. Ich möchte mich diesen Wenigen mit den Worten Martin Luthers anschließen: Hier stehe ich und kann nicht anders! Mein Ziel ist es, Schüler und Studenten zu motivieren, und zu zeigen, warum ich das Lernen liebe! Dieser Artikel ist für diejenigen da draußen, welche die ganze, wenig konstruktive Kritik und das Schlechtreden ebenfalls satthaben. Ich möchte mit meinem Artikel die andere Seite zeigen.

Der Jammer-Hammer 

Ja, es stimmt zwar: Beschäftigt man sich immer tiefer mit dem Thema Bildungssystem und Notengebung, kann man erst einmal nur nach dem Abriss des gesamten Systems schreien. Nachdem ich den Anfang dieses Artikels das erste Mal schrieb und ihn anschließend las, war ich zutiefst schockiert und traurig. Wie konnte ich als Motivations- und Lerncoach so etwas Negatives schreiben? Die Antwort war einfach und plausibel: Weil es alle tun und jeder einem auf den Rücken klopfen und zustimmen wird. Es ist im Trend, das Bildungssystem zu verteufeln, und macht einen schnell bekannt. Als Coach und Trainer kann man dann seine teuren Lernangebote verkaufen, um anderen zu zeigen, wie man außerhalb des Systems erfolgreich wird. Mein YouTube-Kanal würde wahrscheinlich aufgrund der großen Zustimmungsbekundungen explodieren.

Das perfekte Bildungssystem gibt es leider nicht

Aber mal angenommen, du und ich, wir könnten das System komplett neu ausgestalten. So wie du hätte ich ganz genaue Vorstellungen davon, wie ich mir ein neues Bildungssystem basteln würde. Allerdings überschneiden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere Vorstellungen nicht. Wenn wir bereits Schwierigkeiten haben, unser Bild eines optimalen Bildungssystems auf einen Nenner zu bringen, wie soll das für ganz Deutschland klappen?! Sogar Bildungsforscher sind sich absolut uneins, wie eine optimale Schule gestaltet sein sollte.

Lasst uns das Beste daraus machen!

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Angenommen, wir schaffen das perfekte Bildungssystem mit gezielte Betreuung, individuellen Noten, einem wertschätzenden Umfeld, keinem Mobbing und alles, was wir uns sonst noch wünschen. Danach kommt trotzdem die Realität des Lebens, der Arbeitswelt, die unfair sein kann. In der Leistung vor allem anderen zählt, du mit Stress umgehen musst und für etwas verantwortlich gemacht wirst, das du vielleicht gar nicht getan hast. Kinder aus diesem perfekten Schulsystem würden sich wie Aliens auf einem anderem Planeten fühlen und wieder in die behütete Schule flüchten wollen. Daher ist die letzte Entscheidung, wie das wirklich "perfekte" Bildungssystem aussieht, noch lange nicht entschieden und daher müssen wir mit dem System leben und das Beste daraus machen.

Mein Rat: Versucht, das System von innen heraus zu ändern

Die Schuld an schlechten Noten auf den ungerechten Lehrer, das fiese Schulsystem oder die letzte Bildungsreform zu schieben ist leicht. Für viele ist das bequemer, als an sich selbst und ihren "nicht geeigneten" Lernstrategien zu arbeiten. Dabei waren Noten ursprünglich als Feedback für den Lernenden gedacht. Es werden ansatzweise Defizite aufgedeckt, an denen anschließend gearbeitet werden kann. Bitte versteht mich nicht falsch. Langfristig für bessere Bildung zu streiten, ist sehr sinnvoll und die Weiterentwicklung der Schule sehr wichtig. Doch Jammern hilft niemandem. Wenn es dir wichtig ist, dann werde ein Teil des Systems: Als Elternrat, Schülervertreter, oder als Mitglied von universitären Gremien kannst du von innen heraus etwas ändern.

Kleine Schritte statt großer Umwälzung

Ich selbst habe viele Veränderungen im Bildungssystem mitgemacht: die Pisa-Studie und ihre Folgen, die Umstellung des Abiturs von zwölf auf dreizehn Jahre und umgekehrt, sowie die Inklusionsumwälzung. Und zurzeit sehe ich kaum Verbesserungen im deutschen Bildungssystem. Etliches ist sogar schlechter geworden. Zum Beispiel die Umstellung des Diplomsystems auf Bachelor und Master, unter dem viele Studenten gelitten haben. Die Folge: Bachelorabsolventen werden von der Wirtschaft als dumm dargestellt, obwohl genau sie die Einführung des Bachelors vor zwölf Jahren gefordert hatte.

Seither bin ich sehr vorsichtig mit der Forderung nach Änderungen. Wenn ich etwas fordere, dann keine große Umwälzung. Mehr Geld sollte das einzige sein, denn daran ist bisher jede gute Idee gescheitert. Mehr Geld für mehr Kurse, wie man richtig lernt, mehr Geld für Exkursionen und Unterrichtsmaterial. Und vor allem mehr Geld für mehr Lehrer und kleinere Klassen.

Neue Lernstrategien müssen her

Meine Schulzeit bestand als Kind einer Arbeiterfamilie aus Mobbing und Diffamierungen durch Lehrer und Schüler. Gleichzeitig hatte ich tolle Freunde, großartige Lehrer und eine tolle Familie, die immer hinter mit stand, wodurch ich nie die Liebe am Lernen verloren habe. Was sollte ich dir und meinen Kindern weitergeben? Das Gute? Das Schlechte? Oder einfach nur über die Zustände jammern und dabei nichts dafür zu tun, damit sich etwas ändert? Ich entscheide mich dafür, das Gute wertzuschätzen und Schülern und Studenten Strategien zu zeigen, wie sie aus dem Schlechten lernen können.