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Ausbeutung in der Ausbildung: Angehende Psychotherapeuten: "Du behandelst Leute mit Burnout - und stehst selbst kurz davor"

Als wir euch auf Instagram gefragt haben, was ihr bei NEON gerne lesen würdet, stand die Ausbeutung von auszubildenden Psychotherapeuten an erster Stelle. Wir haben uns erkundigt, wie es dort so zugeht.

Von John Baller

Verzweifelt und kein Geld: Angehende Psychotherapeuten werden schon seit Jahren während der Ausbildung ausgebeutet (Symbolbild)

Verzweifelt und kein Geld: Angehende Psychotherapeuten werden schon seit Jahren während der Ausbildung ausgebeutet (Symbolbild)

In jeder Berufsausbildung gibt es gute und weniger gute Zeiten, doch angehende Psychotherapeuten scheinen durchgehend harten Bedingungen ausgesetzt zu sein. Das zumindest habt ihr uns auf geschrieben und wir haben recherchiert, welche Tücken und Probleme die Azubis erwarten – von denen sie vielleicht vorher nichts ahnten. Die PiA (kurz für "Psychotherapeuten in Ausbildung") selbst nennen sich mit Galgenhumor "Psychotherapeuten in Ausbeutung".

Praktikanten als volle Arbeitskraft

"Du wirst im verpflichtenden Praktikum direkt am ersten Tag als volle Arbeitskraft eingespannt, wirst aber einfach nicht bezahlt"

Im Interview mit NEON erzählt uns Maria Meyer*, 36, die im September ihre Abschlussprüfung machen wird, wie sie während der Ausbildung behandelt und vor allem bezahlt wird. "Die Praktikumszeit ist am härtesten", sagt Maria. Einer der Gründe, dass die Kliniken es sich erlauben können, ihre Praktikanten nicht zu bezahlen, sei die große Nachfrage, erklärt sie. "Wenn du dich in über eine Praktikumsstelle beschwerst, weil sie so schlecht bezahlt wird, nehmen sie einfach jemand anderen. Es gibt genug Anfragen."

In der Praktikumsstelle geht es direkt am ersten Tag los mit der Arbeit. "Eine gute Freundin von mir wurde am ersten Tag ihres Praktikums, 15 Minuten nachdem sie angekommen war, von einer Pflegerin irritiert angeherrscht, was sie hier noch mache, die Patienten würden schon warten. Sie musste direkt, ohne Vorwarnung oder Vorbereitung, eine Gruppe therapieren", berichtet Maria auf die Frage, was das Praktikum so hart macht.

Du behandelst teilweise Leute mit Burnout, die sich über ihre Arbeitsverhältnisse beschweren – kriegst aber selbst für deine Vierzig-Stunden-Woche nicht einmal 400 Euro

Anderthalb Jahre Vollzeit arbeiten zum Praktikantenlohn

Ein essenzieller Teil der Ausbildung ist die praktische Tätigkeit, die aus zwei Teilen besteht. Laut dem Magdeburger Ausbildungsinstitut für Psychotherapeutische Psychologie schreibt der erste Teil vor, 1200 Stunden in einer klinisch-psychiatrischen Einrichtung in mindestens einem Jahr abzuleisten sowie 30 Patienten behandelt zu haben. Anschließend folgt Teil 2, in dem man 600 Stunden in sechs Monaten abarbeiten muss.

Während der praktischen Tätigkeit müssen die Auszubildenden also Pflichtpraktika in Kliniken machen. Dort werden sie oft wie eine volle Arbeitskraft eingesetzt. Weil es sich aber um Pflichtpraktika handelt, müssen die Auszubildenden nicht bezahlt werden.

Nach der Praktikumszeit wird es auch nicht viel besser

Selbst gegen Ende der Ausbildung, in der sogenannten Ambulanz-Zeit, bleibt das Gefühl der , berichtet Maria. "In der Ambulanz-Zeit arbeite ich schon mit Patienten [...]  und ich behandle sie wie ein normaler Psychotherapeut. Eine Psychotherapie kostet zirka 86 Euro. Von den 86 Euro kriege ich 40 Euro und die restlichen 46 verbleiben bei meinem Ausbildungsinstitut für administrative Kosten etc. Das heißt, mein Institut nimmt sich mehr als 50 Prozent von dem, was ich erwirtschafte. Aber das macht jedes Institut unterschiedlich."

Die steigenden Kosten sind das größte Problem

Die Ausbildung selbst dauert durchschnittlich fünf Jahre und die Kosten unterscheiden sich je nach Institut. Der Durchschnitt für den Ausbildungsplatz allein liegt bei ca. 20.000 Euro. NEON-Leserin Laura, die gerade approbiert und nach vier Jahren Ausbildung ihre Prüfung zur Psychotherapeutin absolviert hat, erzählt uns, was man in der Ausbildung machen und vor allem bezahlen muss: "Die Kosten setzen sich aus Kursgebühren (pro Semester ca. 1500 Euro), Selbsterfahrung (eine vorgeschriebene Therapie für Psychotherapeuten über den gesamten Zeitraum, die, je nach dem ob einzeln oder in der Gruppe, 4000–9000 Euro kostet) und der Supervision zusammen. Wir müssen jede Stunde supervidieren lassen. Die Kosten hängen auch hier davon ab, ob man das in der Gruppe oder einzeln macht: Man zahlt von 50 bis zu 100 Euro pro Stunde. Am Ende muss man mindestens 50 Einzel- und 100 Gruppenstunden nachweisen. Das reicht aber keinem Arbeitgeber, der dich später einstellen soll."

Ausgaben für fünf Jahre im Überblick

BereichKosten*
Ausbildungsplatz10.000–25.000 Euro
Selbsterfahrung4000–9000 Euro
Supervisionca. 12.500 Euro
Nebenkosten (Miete, Versorgung, Spritkosten etc.)variieren
Insgesamt26.500-46.500 Euro

*Kosten variieren je nach Institut und Bundesland

Schon der Weg bis zur Ausbildung ist nicht leicht

Je nachdem, ob man in der Psychologischen oder der Jugendpsychotherapie arbeiten möchte, benötigt man verschiedene Studienabschlüsse. Für die Psychologische Psychotherapie (quasi Psychotherapie für Erwachsene) muss man einen Master in Psychologie machen, für einen Studienplatz braucht man ein Einser-Abitur oder muss das ein oder andere Wartesemester einplanen. Für Jugendpsychotherapie (Psychotherapie für bis zu 21-Jährige) braucht man einen Master in Sozialer Arbeit, Erziehungswissenschaft oder Pädagogik.

Von Freizeit ganz zu schweigen ...

Auf die Frage, wie das ist mit der freien Zeit, erwidert Maria: "Du hast jedes zweite oder dritte Wochenende Seminare, also Samstag zehn Stunden, Sonntag zehn Stunden und dazu eine Vollzeitstelle in einer Klinik. Wenn du zusätzlich an den freien Wochenenden Geld verdienen musst, kannst du dir ja ausrechnen, wie das ist mit der freien Zeit."

Man begegnet immer wieder mal Organisationen, die gegen diese Ausbeutung kämpfen. Aber ich war oft so damit beschäftigt, den nächsten Schritt in der Ausbildung hinzukriegen, dass ich kein bisschen Energie mehr für eine wohl organisierte oder gelenkte Wut hatte. Dafür hat man einfach keine Zeit.

Banner mit der Aufschrift Psychotherapeuten in Ausbeutung

Banner auf einem Protestmarsch in Berlin in 2012

Picture Alliance

Es gibt viele Organisationen, die versuchen, die schlechte Situation zu verbessern. Lenz Welling von der PiA-Initiative der Universität Witten/Herdecke und der Psychologie-Fachschaften-Konferenz (PsyFaKo) sagt gegenüber NEON: "Es laufen aktuell Gespräche mit Berufsverbänden, Vertretern aus der  Politik und verdi. Außerdem besteht seit Kurzem ein Austausch mit Vertretern der Landesgruppen der PiAs und der PsyFaKo."

Des weiteren gibt es ab und zu Demonstrationen von PiA-Initiativen in Deutschland, doch viele von den Psychotherapeuten in Ausbildung finden gar nicht die Zeit, sich zwischen Praktiken, Seminaren und Nebenjob politisch zu engagieren. Bisher hat sich bezüglich der Arbeitsbedingungen von angehenden Psychotherapeuten aber noch nichts geändert.

*Name geändert

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