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Hauptsache Studium: Warum studieren so viele Leute, die eigentlich keinen Bock auf Uni haben?

In der Uni-Mensa bekommt unsere Community-Autorin mit, wie sich zwei Studentinnen im ersten Semester darüber unterhalten, dass sie schon jetzt keinen Bock mehr haben. Studieren viele nur, weil es die logische Konsequenz nach dem Abi zu sein scheint?

Von NEON-Community-Mitglied Geena Gamradt

Studium trotz Unlust: Zwei unmotivierte Studentinnen im Hörsaal

Hauptsache Studium? Die Motivation im Hörsaal scheint zu schwinden

Getty Images

Vor Kurzem war ich während der Ersti-Begrüßungswoche in der Uni. Mein eigentliches Vorhaben, eine Formalität bezüglich der Anerkennung einer Prüfungsleistung zu klären, erwies sich nach einem zweiminütigen Gespräch als (erfolglos) erledigt. Also beschloss ich, mir wenigstens eine Portion Pommes zu genehmigen, um den Weg nicht ganz umsonst auf mich genommen zu haben. Ich setzte mich in die noch verhältnismäßig leere Mensa und lauschte den Gesprächen um mich herum.

Mir gegenüber saßen zwei Erstsemesterinnen, die sich über die verschiedenen Veranstaltungen der Einführungswoche unterhielten. In meinen Gedanken wurde ich drei Jahre zurückversetzt, in die Zeit, als ich mein Studium begonnen hatte. Alles war so neu und aufregend. Ich erinnere mich noch genau, wie gespannt ich auf die Dozenten, Kurse, meine Kommilitonen und den Alltag an der Uni an sich war. Schon während des -Vorkurses freute ich mich auf die verschiedenen Themen und Aufgaben und war gleichzeitig verunsichert und abgeschreckt von der auf mich zukommenden, intensiven Arbeit.

Wecker gestellt und trotzdem liegen geblieben

Am Tisch gegenüber schien die Stimmung eher anders. Am Vormittag sei das Erstsemesterfrühstück im Philosophischen Seminar gewesen. Beide hätten sich sogar einen Wecker gestellt, sich dann jedoch dazu entschieden, lieber im Bett zu bleiben. Aus Gründen von Müdigkeit. Trotzdem wurde gleichzeitig bemängelt, dass es schwierig sei, die ganzen neuen Leute kennenzulernen. Man wünschte sich mehr, bessere oder einfach andere Aktivitäten. Zum Beispiel Grillen. 

Ich blickte aus dem Fenster und betrachtete die meteorologischen Launen des Schleswig-Holsteinischen Oktobers und musste dezent grinsen. Generell war ihnen alles zu unübersichtlich und chaotisch. Ja, der Bemerkung musste ich zunächst zustimmen. Doch mittlerweile denke ich, dass diese Tatsache eine weitere Aufgabe ist, mit der man wachsen muss. Man kann schließlich nicht das ganze Leben davon ausgehen, dass der Stundenplan mit Mathe, Deutsch und Erdkunde einem auf dem Silbertablett serviert wird. Studieren hat den großen Vorteil, dass man eigenverantwortlich und selbstständig die Gestaltung seines Tages und den Verlauf des Studiums übernehmen kann. Dementsprechend muss davon ausgegangen werden, dass eine solche Gestaltung mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. Fehler passieren, Dinge laufen schief, manchmal ist die Verwaltung echt mies und manchmal muss man sich auch an die eigene Nase fassen.

Bei den anderen ist immer alles besser

Meine Gegenüber verfielen mehr und mehr in eine Mischung aus prinzipieller Unlust und sich stetig steigernder Gereiztheit. Man habe jetzt schon keinen Bock auf diese ganzen Kurse und Termine. Bereits in der Einführungswoche sei doch alles so sinnlos und unnötig gewesen. Ob man nun da war oder nicht, es mache keinen Unterschied. Eigentlich habe man sowieso nach Hamburg gewollt. Da wäre alles anders gewesen. Besser. Genau wie bei den Freunden. Die hätten während der Ersti-Woche schließlich auch gegrillt.

Während ich also meine Pommes kaute, fühlte ich mich mit jedem Bissen etwas niedergeschlagener. Ich schob dieses Gefühl auf die Worte, die ich da vernahm. Sind es nicht die Menschen, die den Unterschied machen? Sind sie es nicht, die einer Handlung erst einen gewissen Sinn  geben, statt dass diese ihn schon im Voraus enthält? 

Ich vermisste Leidenschaft für etwas – der Sache an sich wegen. Natürlich braucht man einige formale Grundlagen, um zu einem Studium zugelassen zu werden. Doch die Kernkomponente, die zu einem erfolgreichen Studium zwingend notwendig ist, ist ein Interesse und die intrinsische Motivation, die Sache selbst voller Eifer anzupacken. Ja, man kann auch ohne diese Eigenschaften ein Studium abschließen, aber ist das denn der Sinn dieser Sache?

Ist das Studium die logische Konsequenz nach dem Abi?

Vielleicht ist der Eintritt ins Studium inzwischen eher eine logische Konsequenz nach dem bestandenen Abitur und somit ein gesellschaftlicher Zwang, der der heutigen Generation auferlegt wird. Doch das ist ein anderes Thema. Trotzdem wünsche ich mir sehr, dass die Menschen wieder dazu gelangen, in sich selbst hinein zu hören, um zu verstehen, was ihre wirklichen Wünsche und Interessen sind.

Ich glaube nicht, dass die beiden jungen Studentinnen von Natur aus unmotiviert sind. Ich denke eher, dass sie etwas tun, das sie nicht wirklich wollen. Ich finde, dass man sich wieder mehr ins Bewusstsein rufen sollte, dass Studieren eine freiwillige Entscheidung und ein Privileg ist. Ich genieße dieses Privileg und freue mich, meine Bildung auf diese Weise ausbauen zu können. 

Vermutlich ist es nicht einfach, etwas zu finden, das man gerne tut, einen Ort, an dem man sich gerne aufhält, Themen, mit denen man sich gerne auseinandersetzt, sodass so wenig Platz wie möglich für Meckerei und Frust bleibt. Doch lohnen würde sich dieser Aufwand allemal. Und wenn das am Ende eben bedeutet, dass nicht studiert wird, obwohl Abitur gemacht wurde, ist das doch vollkommen ok.

Dieser Text ist im Oktober 2017 entstanden, als sich die Autorin in den letzten Zügen ihres Bachelor-Studiums befand.

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