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Online-Polizeiwache und Handy-Schlüssel: Smartphones regeln unser Leben: Wieso muss eigentlich ALLES digital sein?

Unsere Autorin ist Mitte 20. Eigentlich bestes Smartphone-Alter – würde man meinen. Schließlich ist sie damit aufgewachsen. Und trotzdem kann sie irgendwie nicht verstehen, wieso heutzutage ALLES im Internet stattfinden muss.

Eine Frau schaut auf ihr Smartphone

Ob Anzeigen stellen, einkaufen oder die Haustür zu- und wieder aufschließen: Inzwischen lässt sich fast alles mit dem Smartphone erledigen (Symbolbild)

Unsplash

Letztens wurden mir und einer Freundin die Portemonnaies geklaut. Doof. War zwar nicht viel Geld drin, aber die ganze Arbeit, die darauf folgt, ist mega nervig. Karten, Ausweise – dass das eine richtige Tortur werden würde, war mir von Anfang an klar. Und während ich noch dabei war, auf irgendwelchen undurchsichtigen Behördenseiten die für uns verantwortliche Polizeiwache zu suchen und mir ein Bild davon zu machen, wie wir da jetzt am Besten hinzuckeln, hatte meine Freundin eine Anzeige gestellt. Einfach so. Schon fertig. Excuse me?

Stellt sich heraus, dass es eine Online-Wache gibt. Man kann Verbrechen online melden. Im Internet. Wusste ich bislang nicht. Und finde ich, um ehrlich zu sein, auch gar nicht mal so geil. Hat es nicht etwas Beruhigendes, vor einer echten Person zu sitzen, die den Kopf leicht auf die Schulter legt und sagt: "Dann erzählen Sie mal, was passiert ist"? Ist es nicht schön, am Ende einen Wisch mit nach Hause zu nehmen, auf dem mit 100-prozentiger Sicherheit draufsteht, dass man sich um mein Problem kümmern wird?

Ich glaube, wenn es um die Verinternetisierung des Alltags geht, bin ich einfach ein richtiger Rentner. Mit "früher war alles besser" und allem drum und dran. Ich habe gerne einen Schlüssel in der Tasche, anstatt meine Haustür mit dem Handy aufzuschließen. Ich stelle mich am Flughafen lieber in der längeren Schlange an, um dem schnauzbärtigen Grenzbeamten meinen Ausweis zu geben, anstatt in diese Gesichtsablese-Kabinen zu gehen. Ich gehe gerne in den Supermarkt und kaufe ein, anstatt mir von Amazon Pantry und wie sie alle heißen, mein Essen nach Hause bringen zu lassen. Ich besitze sogar noch Bestellheftchen von den umliegenden Lieferdiensten. Und ein Festnetztelefon. Und einen Anrufbeantworter. Und, shoot me, aber ich finde es gibt definitiv einen Unterschied zwischen im Bett Netflix gucken und im Wohnzimmer eine DVD in den Player schieben. 

Natürlich hat das Smartphone unser Leben leichter gemacht

Ich könnte endlos weiter machen. Anstatt zu googlen, ob es ein Buch im Laden noch gibt, gehe ich hin und frage. Überhaupt: Ich lese gerne Bücher. Ja, ich habe auch einen E-Reader, aber es geht nichts, ich wiederhole, NICHTS über das Gefühl eines Buchs in der Hand. Und wenn es nicht so wahnsinnig viel teurer wäre, würde ich auch alle meine Flüge im Reisebüro buchen. Isso.

Natürlich bin ich froh, dass sich das Internet so weiterentwickelt hat. Dass man nicht mehr zehn Minuten warten muss, bis sich der Computer unter ohrenbetäubendem DÜDDELÜÜÜÜÜDÜDDELDÜDDELDÜDDELCCCHHHRRRRRRRÜÜÜÜÜÜÜÜÜ ins Internet eingeloggt hat, um dann auf schlechtladenden Internetseiten sehr dürftige Informationen zu bekommen. Aber muss ich wirklich mit dem Handy den Fernseher bedienen können? Und schön und gut, dass man seine Monatskarte nun auch digital auf dem Handy mit sich rumtragen kann – aber was macht man eigentlich, wenn man das Handy mal verlegt hat? Hm? Oder wenn es mal wieder runtergefallen ist und der Bildschirm kaputt ist? Meine Monatskarte könnte ich aus dem siebten Stock auf die Straße fallen lassen und – vorausgesetzt, es stürmt nicht so dolle – sie würde einfach auf den Bürgersteig segeln. Heile.

Ich mag mein Smartphone. Ich mag die Kamera und ich mag die Apps und ich mag, dass man damit videotelefonieren und fix banale Dinge googeln kann. Find ich top. Aber ich traue ihm definitiv nicht genug, um meinen Haustürschlüssel, meine Kreditkarte und meine Seele darauf zu hinterlegen. Und zur Polizeiwache bin ich übrigens am Ende auch persönlich gefahren. Und die Beamtin war total nett. Und hat den Kopf ein bisschen auf die Schulter gelegt und "Dann erzählen Sie mal, was passiert ist" gesagt. Und am Ende hatte ich einen Wisch in der Hand – mit Stempel und allem drum und dran. Sehr beruhigend.

 

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