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Einer gegen alle

"Bierschnegel": Schleimig und eklig? Von wegen! Ich liebe meine Reeperbahn-Nacktschnecken

Manchmal muss man einfach mal ein bisschen abhaten. Oder eine Lanze für Dinge brechen, die andere Menschen gnadenlos unterschätzen. Dafür gibt es ab sofort die NEON-Kategorie "Einer gegen alle"! Heute: Ihr findet Nacktschnecken eklig? Dann kennt ihr meine Bierschnegel nicht.

Bierschnegel

Die meisten finden Nacktschnecken eklig und schleimig – aber nicht unsere Autorin

Meine Begeisterung für Nacktschnecken begann vor zwei Jahren ganz harmlos, während einer News-Schicht in der Online-Redaktion. Über den Ticker lief die Meldung: "Ausgestorben geglaubte Schneckenart auf der Reeperbahn wiederentdeckt". Ausgerechnet auf Hamburgs Partymeile war er wieder aufgetaucht: der Bierschnegel.

Über Google erfährt man über diese Nacktschnecken-Art, dass sie am liebsten in feuchten Bierkellern lebt. Da es solche Keller kaum noch gibt, starben die Tiere vor etwa 80 Jahren in Hamburg aus. Dachte man zumindest. Bis jene Schnecken eines Tages wieder auf ihren Schleimspuren durch Hamburgs Kult-Viertel krochen und dabei beobachtet wurden.

Als ich Fotos von den Schnecken sah, wurde mir klar: Die Viecher gibt es nicht nur auf dem Kiez, sondern auch bei mir im Garten, in meiner Kompost-Tonne am Hamburger Stadtrand! Offenbar muss es nicht immer ein feuchter Bierkeller sein.

Dass Schnecken in meiner Kompost-Tonne wohnen, in der täglich Salatabfälle oder Kaffeesatz landen, wusste ich schon länger. Irgendwelche hellbraunen Nacktschnecken eben. Bislang hatte ich gedacht, die Tiere seien so blass, weil sie in der Tonne kein Licht bekommen. Nun aber dämmerte mir: Mein Kompost birgt eine biologische Sensation – der ausgestorben geglaubte Bierschnegel wohnt dort!

Mail an Schneckenforscher bringt Gewissheit

Kein Irrtum? Ich schrieb eine E-Mail an einen Hamburger Schneckenforscher und schickte Handy-Schnappschüsse mit. Schon Tage später tauchte der Wissenschaftler bei mir im Garten auf, wühlte mit behandschuhten Händen im müffelnden Kompost und hielt nach kurzer Zeit stolz einen Bierschnegel hoch: ein besonders schönes Exemplar. Soso.

Von dem Forscher lernte ich mehr über diese Schnecken-Art: Sie kommt ursprünglich aus Südeuropa und mag es warm. Warum sie sich gerade jetzt wieder in Hamburg verbreitet, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich waren die Tiere nie komplett weg und vermehren sich nun wieder wegen des wärmeren Klimas. Tod durch Erfrieren im Winter ist eines ihrer größten Probleme. Fressfeinde sind weniger ein Thema – denn Bierschnegel schmecken angeblich so eklig, dass kein anderes Tier sie verspeisen würde.

Der Bierschnegel in voller Pracht: Für dieses Foto habe ich extra einen aus meiner Bio-Tonne geholt und ihn ordentlich abgewaschen. Hübsch, oder?

Der Bierschnegel in voller Pracht: Für dieses Foto habe ich extra einen aus meiner Bio-Tonne geholt und ihn ordentlich abgewaschen. Hübsch, oder?

Ihr seht einen Bierschnegel auf der Reeperbahn? Nicht anfassen!

Falls Euch mal ein Schnegel auf der Reeperbahn über den Weg kriecht, bloß nicht mit bloßen Händen berühren. Seine Schleimschicht ist so zäh, das man sie kaum abgewaschen bekommt.

Aber wer zu Hause im Garten ein Problem mit spanischen Wegschnecken hat, sollte es mal mit diesen "Kiez-Kollegen" versuchen: Der Bierschnegel frisst die Eier der spanischen Wegschnecke, die von Gärtnern wegen ihres Appetits auf frisches Gemüse gehasst und gefürchtet wird.

Der Bierschnegel wiederum macht sich nichts aus frischer Nahrung: Was er futtert, muss schön gammelig sein. Blumen- und Salatbeete sind vor dieser "Reeperbahn"-Schnecke also sicher. Und richtig wach wird ein Schnegel spät abends – wie viele andere Bewohner auf dem Kiez auch.

Schließlich hatte einer "meiner" Bierschnegel noch einen Auftritt im Fernsehen

Der Besuch eines Hamburger Schneckenforschers an meiner Komposttonne hätte eigentlich der Höhepunkt meiner Nacktschnecken-Begeisterung sein sollen. Weit gefehlt: Einige Wochen später meldete er sich erneut, diesmal mit einer Bitte: Ein lokaler TV-Sender habe ihn für ein Quiz angefragt. Eine Quiz-Frage sollte lauten: Welche ausgestorben geglaubte Schneckenart wurde neulich auf der Reeperbahn wiederentdeckt? Da man dafür einen Video-Einspieler drehen wollte, brauchte der Sender dringend einen schönen Schnegel, um ihn zu filmen. Ob sich der Forscher eine Schnecke aus meiner Tonne für die Dreharbeiten schnappen könnte? Das erlaubte ich ihm, bestand aber darauf, dass der Schnegel nach Ende seiner TV-Karriere wieder in "seine Tonne" zurückgebracht werde.

Inzwischen hat sich der Medienrummel gelegt, und die Bierschnegel vermehren sich im Sommer fröhlich in meinem Kompost. Das sieht man daran, dass an der Innenseite des Tonnen-Deckels kleine weiße Eier kleben.

Ich bin ganz stolz auf meine seltenen Schnecken: Manchmal leuchte ich nachts mit einer Taschenlampe in den Kompost. Wenn die hellen Nacktschnecken sich lang machen und aus der Tonne ins Freie gleiten, sehen sie magisch aus, wie Wesen aus einer Glitzerwelt. Für mich sind Nacktschnecken nicht eklig, sondern faszinierend.

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