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Meinung

Nachhaltigkeit: "Das war halt damals so ..." – was wir später einmal unseren Kindern erklären müssen

Die Welt geht den Bach runter und wir sitzen daneben und gucken zu. So ungefähr fühlt sich unser Autor. Seinen Lebensstil verändert hat er trotzdem nicht so richtig. Wie sollen wir uns dafür später einmal rechtfertigen?

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Wenn meine Eltern "von früher" erzählen, kann ich manchmal nur mit dem Kopf schütteln. Egal, ob es um Erziehung, Ernährung, Weltansichten oder Umweltbewusstsein geht – nicht selten fällt es mir wirklich schwer zu verstehen, warum die Generation meiner Eltern und Großeltern Dinge so gemacht hat, wie sie sie gemacht hat. Nehmen wir das Beispiel Erziehung. Mein Vater erinnert sich zum Beispiel noch an solche Vorfälle aus der Grundschule: "Wenn wir frech waren, wurden wir noch mit einem Holzlineal gezüchtigt. Da gab's dann ein paar auf die Finger." Die meisten von uns wären empört und würden denken: "Bitte, was?!" Und das zu Recht. So etwas geht aus heutiger Sicht gar nicht. Doch fragt man ältere Menschen, was sie dazu sagen, hört man immer wieder Sätze wie: "Das war halt damals so" oder "Das hat man früher eben so gemacht". Bitte nicht falsch verstehen: Nur die wenigsten wollen solche Erziehungsmethoden damit gutheißen oder legitimieren. Vielmehr geben sie mit ihren Aussagen den Zeitgeist ihrer Jugend wieder.

Auch ich würde heute sagen: "Das war halt damals so"

Wie war und ist es in unserer Generation? Ich bin 1987 geboren und erinnere mich noch gut daran, dass in meiner Kindheit jeder einzelne Big Mac in Styropor verpackt war. Heute wäre das mit Blick auf die Umwelt nahezu undenkbar. Doch damals (vor etwa 25 Jahren) hat sich kaum einer Gedanken um die Unmengen von Plastikmüll und deren dramatische Folgen gemacht. Ebenso gut erinnere ich mich daran, dass meine Mutter mir ab und an mal Geld zur Schule mitgegeben hat. Von dem Geld durfte ich mir dann eine Vanille- oder Schokomilch am Schulkiosk kaufen. Zuckergetränke für Kinder? In der Schule?! Ja, genau. Heute führen wir Debatten über eine Zuckersteuer und Warnhinweise für Zucker auf Nahrungsmitteln. Solche Beispiele gibt es zuhauf. Und während ich diese Zeile schreibe, erwische ich mich selbst dabei. Auch ich würde heute sagen: "Das war halt damals so."

Mir ist schon klar, dass es der ganz normale Lauf der Dinge ist, dass sich Wertvorstellungen ständig verändern – und damit bestenfalls etwas zum gesellschaftlichen Fortschritt beisteuern. Ich möchte wirklich nicht von oben auf die Generation meiner Eltern oder die meiner Großeltern herabsehen. Denn eines Tages werden wahrscheinlich auch meine Kinder einmal vor mir stehen. Dann werden auch sie mich mit unangenehmen Fragen löchern. "Papa, ihr wusstet doch schon damals, dass der Klimawandel kaum noch zu stoppen ist, die Pole schmelzen und der CO2-Ausstoß dringend hätte verringert werden müssen: Und ihr seid trotzdem um die halbe Welt geflogen?" Was soll ich dann antworten? "Das war halt damals so" oder "Das haben alle so gemacht"?

Das zukünftige schlechte Gewissen wartet nur auf seinen großen Auftritt

2018 verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. Stehen wir deshalb grölend auf der Straße? Demonstriert unsere Generation tagein tagaus mit Transparenten vor dem Bundestag? Fehlanzeige. Unsere Facebook- und Instagram-Timelines sind voll mit grausamen Videos von Tierschutzorganisationen. Jeden Tag führen sie uns vor Augen, wie Tiere für unseren Fleischkonsum leiden müssen. Hat das den Fleischverzehr unserer Generation nachhaltig verändert? Mitnichten. Stattdessen pilgern wir weiter in die hippen Burger-Läden unserer Städte. Wir können uns selbst dabei zusehen, wie wir immer wieder aufs Neue unsere eigenen Grundsätze über Bord werfen. Ich könnte die Moralkeule, mit der ich mir wahrscheinlich selbst am härtesten auf den Kopf haue, noch endlos weiter schwingen. Ändern wird es bei dir und bei mir wahrscheinlich wenig. Hand aufs Herz: Wir haben das doch alles schon mal gehört. Vielleicht sogar schon viel zu oft. Wir sind abgestumpft und haben das für uns irgendwann einfach so akzeptiert. Ich für meinen Teil habe schon jetzt ein schlechtes Gewissen. Quasi ein Future-schlechtes-Gewissen, das grinsend in mir sitzt und nur auf seinen großen Auftritt wartet.

Manchmal sitze ich mit Freunden zusammen und wir loben uns gegenseitig für unseren ach so nachhaltigen Lebensstil. Soooo schlecht sind wir gar nicht. Denken wir zumindest. Das ganze funktioniert dann ungefähr so: Ich zum Beispiel berichte dann stolz, dass ich mittlerweile nur noch "ganz wenig" Fleisch esse. Wenn, dann bio. Versteht sich von selbst. Andere können sogar noch mehr Punkte sammeln: Entweder weil sie schon Vegetarier sind oder, noch besser, schon vegan leben. Wer dann noch mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, kann auch diese Karte noch ausspielen. Dann nicken wir alle zufrieden und klopfen uns im Geiste selbst auf die Schultern. So richtig schlecht sind wir ja gar nicht. Aber die Realität sieht doch so aus: Wir feiern uns selbst, während wir gleichzeitig Coffee-to-go-Becher in der Hand halten, auf unseren iPhones herumwischen und von unserer Weltreise oder dem letzten Australien-Urlaub berichten. Konsequent geht anders, oder?

Wir feiern uns selbst, während wir gleichzeitig Coffee-to-go-Becher in der Hand halten

Jeder noch so kleinste Schritt kann ein Anfang sein

Gesellschaftlicher Wandel hat nicht selten mit einer Gruppe von Radikalen begonnen. Gerade haben ein paar Schweden den Begriff "Flugscham" geprägt. Sie wollen jetzt weniger fliegen. Einige "Umwelt-Hipster" haben den Trend gestartet. Welchen Einfluss knapp zehn Millionen Schweden auf die Weltbevölkerung haben? Keine Ahnung. Ein guter Start ist es trotzdem. Hätte es in Deutschland die Anti-Atomkraftbewegung nicht gegeben, würden hierzulande wahrscheinlich immer noch die Schornsteine der AKW rauchen. Ganz nach dem Motto "Der stete Tropfen höhlt den Stein" bin ich der festen Überzeugung, dass wir uns durch solche Vorreiter – zugegebenermaßen manchmal sehr (!) langsam – zum Positiven verändern können. Mein Future-schlechtes-Gewissen sei daher gewarnt: "Mach es dir bloß nicht zu bequem." Allzu gerne würde ich meinen Kindern nämlich später antworten: "Das war damals so – aber nur bis unsere Generation es endlich geändert hat."

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