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Meinung

Schluss mit der Ignoranz: Wie es klingen würde, wenn ich eine missionarische Vegetarierin wäre

Unsere Autorin ist Vegetarierin und muss sich deshalb immer mal wieder komische Kommentare von Nicht-Vegetariern anhören. Manchmal ärgert sie sich darüber, dass sie die Sprüche so stoisch erträgt. Denn eigentlich haben Vegetarier doch immer die besseren Argumente.

Wie es klingen würde, wenn ich eine intolerante Vegetarierin wäre

"Wenn Nicht-Vegetarier mir ihre Meinung zu meinem Essverhalten aufdrücken, ist das in Ordnung, wenn Vegetarier ihre Meinung zu Nicht-Vegetariern äußern, sind sie missionarisch und werden zur nächsten Feier nicht eingeladen"

Getty Images

Vor ein paar Tagen habe ich mich zu einer Party überreden lassen, auf die ich eigentlich keine Lust hatte. Zwischen Malte und einer Chips-Schüssel sitze ich auf dem Sofa, höre mit einem Ohr etwas über Wandfarben und bewundere das Loch in meinen Socken, das ich nur sehen kann, weil ich freundlich gebeten wurde, meine Schuhe auszuziehen. Das Parkett wurde frisch abgeschliffen. Als ich mein Bier auf den Couchtisch stelle, tippt mir wieder jemand auf die Schulter: "Könntest du vielleicht einen Untersetzer nehmen? Mein Freund hat den Tisch aus Paletten selbst gebaut." Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, dass Paletten sehr empfindlich und schwer zu bekommen sind. 

Nach einem Abstecher in die Küche (aufgespießte Käsewürfel mit Weintrauben sollte man sich niemals entgehen lassen) wollte ich eigentlich schon wieder den Heimweg antreten, als ich in ein Gespräch verwickelt werde. Mann, etwa 29, kariertes Hemd: "Probier' mal, diese Frikadellen sind göttlich". Ich: "Nein, danke". Er: "Oh, bist du Vegetarierin?". Ich: "Ja." Und dann geht es los. 

"Das wär' ja nichts für mich"

Er erzählt von seiner jüngeren Schwester, die auch vegetarisch lebt, aber für ihn sei das ja nichts. Keine Burger, keine Salami, keine Bratwurst beim Grillen, ne. Außerdem hätten Menschen ja schon immer Fleisch gegessen, Tofu schmeckt auch wirklich nach gar nichts. Während ich seine Sätze schon gedanklich beenden kann, lächle ich nachsichtig und nicke. Aber auf dem Heimweg ärgere ich mich über mein deeskalierendes Gehabe. 

Wenn Nicht-Vegetarier mir ihre Meinung zu meinem Essverhalten aufdrücken, ist das in Ordnung, wenn Vegetarier ihre Meinung zu Nicht-Vegetariern äußern, sind sie missionarisch und werden zur nächsten Feier nicht eingeladen. Weil mir das in diesem Falle jedoch herzlich egal ist, hätte das Gespräch auch anders ablaufen können. 

Eine Alternative

Er: "Probier mal, diese Frikadellen sind göttlich." Ich: "Ne, danke. Ich kann unsere Umwelt nicht ganz so gekonnt ignorieren." Er: (weicht einen halben Meter zurück) "Easy, meine Schwester ist auch Vegetarierin. Find ich gut. Aber für mich wär das nichts. Keine Bratwurst, kein Döner, ne." Ich: "Hast du es schon mal ausprobiert?" Er: "Ich hab mal eine Woche kein Fleisch gegessen, fand ich schwierig." Ich: "Mensch, da hast du dir ja richtig Mühe gegeben." Er: "Naja, Soja ist ja auch nicht gerade gut für das Klima." Ich: "Was meinst du denn, was deine Kuh frisst bevor sie auf deinem Teller landet? Fast das gesamte weltweit angebaute Soja landet im Tierfutter. Das dafür der Regenwald in Brasilien gerodet wird, ist wohl nicht in erster Linie die Schuld von Leuten, die Tofu essen." Er: "Naja, am Ende muss jeder das essen, was gut für ihn ist." Ich: "Findest du das nicht ein bisschen ignorant?" Er: "Wieso denn ignorant?" Ich: "Weil es nicht darum geht, ob du einen roten oder blauen Pulli trägst oder dir einen Schnauzer stehen lässt. Es geht darum wie wir die vorhandenen Flächen nutzen, damit jeder etwas zu essen hat und der Schaden für das Klima sich in Grenzen hält."

Vegetarier haben die besseren Argumente

Das Gespräch wäre wohl mit der Zeit nicht angenehmer geworden und ich bin eigentlich auch nicht so unsympathisch, wie es jetzt wirken mag. Aber selbst wenn ich es mit einem etwas schlagfertigerem Gegenüber zu tun gehabt hätte: Vegetarier haben die besseren Argumente. Immer. Menschen essen Fleisch wegen des Geschmacks und weil wir Gewohnheitstiere sind. Mehr Gründe gibt es nicht. Eine bessere Nährstoffversorgung ist längst widerlegt, auch Kinder brauchen kein Fleisch, um gesund und kräftig zu werden. Mike Tyson und Serena Williams leben vegan und niemand würde ihnen ihre Fitness absprechen. 

Geschmack und Gewohnheit rechtfertigen einfach nicht, dass ein Drittel der weltweiten Anbaufläche für Viehfutter genutzt wird und 60 Prozent des in Europa angebauten Getreides ebenfalls in den Futtertrögen landet, während knapp 800 Millionen Menschen Hunger leiden. Die Nutzung dieser Flächen ist extrem ineffizient. Für 100 Kalorien an Nutzpflanzen, die statt Menschen jetzt Tiere ernähren, erhalten wir durchschnittlich nur 17 bis 30 Kalorien als Fleisch zurück. Es ist pure Verschwendung, dass wir fruchtbares Land für den Anbau von Futterpflanzen nutzen, das problemlos die ganze Welt ernähren könnte.

Fleisch essen liegt nicht in unseren Genen

Ich stoße in Gesprächen auch immer wieder auf die weit verbreitete Meinung, dass der Fleischverzehr in unseren Genen läge - aber das sehe ich anders. Wir stammen von Menschenaffen ab, deren DNA sich auch heute noch zu 97 Prozent mit unserer deckt und die sich rein pflanzlich ernährt haben. Wir hatten nie die Krallen und scharfen Zähne von Raubtieren - im Gegenteil: Unsere Zähne sind breit und rechteckig und eignen sich besser zum Zermahlen von Getreide und anderer pflanzlicher Kost. Es wurde auch schon lange belegt, dass unser Darm der eines Pflanzenfressers ist. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen ist er relativ lang und ebenso ungeeignet für die Verdauung von schnell faulendem Fleisch wie der kurze Damen des Tigers für die Verdauung eines Müsliriegels.

Und ja, es gab eine Zeit, in der Menschen Mammuts und andere Tiere gejagt und gegessen haben. Aber dies war ein verschwindend geringer Anteil gegenüber der Früchte, Nüsse und Samen, die sie zu sich nahmen. Fleisch wurde vor allem im Winter verzehrt, wenn in einigen Regionen keine Pflanzen mehr wuchsen.

Ein bisschen weniger Ignoranz, bitte

Für mich gibt es schlichtweg keine überzeugenden Gründe, heute noch Fleisch zu essen - vor allem nicht in diesem Ausmaß. Natürlich muss am Ende jeder selbst entscheiden, ob ihn diese Argumente überzeugen oder nicht, aber die Ignoranz gegenüber unserer Ernährung und ihrem globalen Einfluss ist gewaltig und ich sehe mich ständig damit konfrontiert. Ich hätte keinen Spaß daran, auf jeder Party den missionarischen Vegetarier raushängen zu lassen, ich hätte wohl auch bald einen sehr einseitigen Freundeskreis. Aber hin und wieder würde ich mir doch wünschen, dass Vegetarier und Fleischesser offen über dieses Thema sprechen - gerne auch etwas freundlicher als in meinem Beispiel. 

Quellen: Studie der US-Regierung zum weltweiten Soja-Anbau, BUND, WWF Deutschland, Heinrich-Böll-Stiftung

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