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Pille Palle: Warum Beruhigungsmittel gefährlicher sind als Heroin

Prüfungsangst, Liebeskummer, trübe Gedanken: Eine Tablette macht solche Probleme ganz klein. Aber nur für kurze Zeit. Dann wird's ernst. Wir sollten mehr über die Pillen reden, mit denen viele ihr Leben polstern.

Von Tin Fischer

Tabletten auf einem Löffel

Tabletten bestimmen den Alltag von vielen von uns (Symbolbild)

Eine mühsame Bergtour stand mir bevor. 40 Kilometer, 2000 Höhenmeter, in 14 Stunden. Machbar zwar, doch schon einmal war ich daran gescheitert. In der Nacht zuvor hatte ich vor Nervosität nicht schlafen können und war dann beim Aufstieg einfach zu müde gewesen. Für meinen zweiten Versuch gab mir eine Kollegin eine Tablette. Die wiegte mich sofort in einen ruhigen und erholsamen Schlaf. Doch dann erkannte ich mich plötzlich selbst nicht ganz wieder.

Normalerweise bin ich beim Aufstehen schlecht gelaunt, kaum ansprechbar, habe keinen positiven Gedanken und halte die Welt für einen feindlichen Ort. Am Tag der Wanderung jedoch stand ich um vier Uhr früh so vergnügt auf, als würde ich auf ein Siegerpodest steigen. Unterwegs machte ich mir um nichts Sorgen. Auf den ersten Kilometern war es noch dunkel. Der Wald bei Nacht löst bei mir für gewöhnlich ein irrational-infantiles Unbehagen aus heute nicht. Das Wetter versprach nicht nur Gutes na und? Wie automatisch wanderte ich die 40 Kilometer zum Gipfel.

Tavor, eines der populärsten Psychopharmaka

Was meine Kollegin mir erst später verriet: Ich hatte Benzodiazepin genommen. Der Wirkstoff regt in den Nerven die Ausschüttung des Neurotransmitters GABA an, der hemmend auf Regionen im Gehirn wirkt und Angst oder Panik gar nicht erst aufkommen lässt. Meine Kollegin Psychologin von Beruf hatte mir nicht eine einfache Schlaftablette gegeben, sondern eines der populärsten Psychopharmaka: das Beruhigungsmittel Tavor.

"Aspirin für Gefühle" werden Benzodiazepine auch genannt. Denn innerhalb von 20 Minuten lassen sie Panikschübe, Prüfungsangst, Zukunftssorgen oder Liebeskummer einfach verschwinden, alles erscheint machbar, erträglich, irgendwie richtig. Das bekannteste Mittel mit dem Wirkstoff ist Valium. Aber meistens verschreiben Ärzte heute Tabletten wie Tavor, Temesta oder Xanax, weil die schneller wirken als ihr prominenter Vorgänger. Und kürzer: Nach etwa acht Stunden klingt die Wirkung schon wieder ab. Das macht die Mittel vor allem für akute Behandlungen praktisch. Die Gefahr, süchtig zu werden nach diesen wohligen Instant-Gefühlen, ist allerdings erschreckend hoch. Man wird von ihnen etwa so schnell abhängig wie von Koks.

Hört man sich unter Freunden und Bekannten um, zeigt sich, dass erstaunlich viele von ihnen Erfahrung mit den Tabletten haben. Ihre Geschichten handeln immer von großen Gefühlen: Trauer, Tragik, Triumph.

Ein Freund kann vor Prüfungen nicht schlafen, weil er immer so nervös ist. Am Abend vor seinem Staatsexamen nahm er eine Tavor, schlief mühelos ein und ging ohne Angst zur Prüfung. Das Medikament klang in den Morgenstunden ab, er legte ein brillantes mündliches Examen hin.

"Im Gespräch kam ich kaum noch klar rüber"

Ein Kollege hatte ein Vorstellungsgespräch beim "Spiegel" . Es bedeutete ihm viel, er wollte die Stelle unbedingt. Weil er Angst hatte, er wäre zu aufgeregt, nahm er kurz vor dem Gespräch eine Tavor. Ein Fehler. "Ich war zu cool, dachte, mir kann nichts passieren, dabei kam ich im Gespräch kaum noch klar rüber. " Er bekam die Stelle nicht, das führt er rückblickend auch auf das Medikament zurück.

Eine Freundin nahm die Tabletten zum ersten Mal, als Baldrian nicht mehr wirkte, und dann wieder, als sie plötzlich von ihrem Freund verlassen wurde: "Ich hatte tagelang Heulkrämpfe, wie das bei Trennungen in den Zwanzigern halt so ist. Mit den Tabletten konnte ich einfach mal wieder eine Nacht ruhig schlafen. "

Meine Nachbarin, fast 80, erwähnte die Tabletten ab und zu. Wenn sie die Tür aufmacht, ist es jedes Mal eine Überraschung, in welcher Stimmung sie ist. Mal grinst sie mich scheinbar grundlos an. Mal wird sie wütend, weil ich ihre Mineralwasserflaschen am falschen Ort abgestellt habe. Wahrscheinlich hat sie wie viele Ältere eine sogenannte Low-Dose-Addiction und wird von Tavor nicht wieder runterkommen.

Laut einer Umfrage des Münchner Instituts für Therapieforschung haben über sechs Prozent der 20bis 30-Jährigen in den vergangenen zwölf Monaten ein Beruhigungsmittel genommen. Das heißt, sie werden von jungen Erwachsenen viermal so häufig konsumiert wie Ecstasy oder Kokain. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, vermutet der Suchtforscher Uwe Verthein von der Uni Hamburg. Während wir über Partydrogen offen und gerne reden, ist Tavor ein Tabu. Erzählungen von Drogennächten passen ins Genre der Abenteuergeschichte, Tranquilizer hingegen schluckt man alleine und im Stillen.

Was passiert einem Gesunden, wenn er Benzos nimmt?

Müssen wir mehr über die Beruhigungsmittel reden, mit denen viele ihr Leben polstern? Ich will herausfinden, was passiert, wenn man Benzos als psychisch Gesunder nimmt. Der Arzt mir gegenüber ist nicht mein Hausarzt. Er war nur der erstbeste in meiner Nachbarschaft. Ich lege eine leere alte Tavor-Packung, die ich noch von meiner Psychologen-Freundin habe, auf seinen Schreibtisch und erkläre, dass ich neue Tabletten brauche. Ich streue die richtigen Stichworte in meine Erklärung ein: Natürlich sei mir die "Suchtgefahr" von Tavor bewusst, aber beruflich hätte ich "gelegentlich Panikschübe" , vor allem unterwegs, in Hotels, wo ich "nicht gut schlafen" kann, und im Flugzeug, wo noch etwas "Flugangst" hinzukommt. Das ist nicht ganz gelogen, aber eben auch nicht ganz richtig. Klar habe ich manchmal Angst vor einer Aufgabe. Aber die Angst treibt ja auch an, akribischer zu arbeiten, und bewahrt einen etwa vor der Coolness, die meinem Kollegen die Bewerbung demolierte. Noch während ich darüber nachdenke, wie gut ein bisschen Angst sein kann, tippt der Arzt bereits das Rezept, nicht mit Freude, aber immerhin. Dann sagt er noch routiniert, dass die Suchtgefahr halt schon groß sei.

15 Minuten später habe ich die Tabletten: 20 Stück, fünf Euro. Kleinste Packung, aber genug für eine Sucht. Ich will das Medikament eine Woche lang gelegentlich nehmen.

Arnim Quante hält nicht viel von meiner Idee, Benzos einfach mal auszuprobieren. "Bei Gesunden, die fest im Leben stehen, gibt es einfach kaum Gründe dafür" , sagt der Psychiater an der Berliner Charité. Klar, so schnell und zuverlässig wie Benzos wirkt keine Yogaübung. Und nein, man wird von einer Tablette im Monat nicht abhängig. "Aber wenn ich gelernt habe, dass etwas gut für mich ist und mir etwas bringt, dann greife ich wahrscheinlich bald öfter als einmal im Monat darauf zurück" , sagt Quante. Bis jetzt klang er wie ein nüchterner Wissenschaftler, aber jetzt wird er energisch: "Benzos machen viel schneller körperlich abhängig als Kokain, das vor allem eine psychische Abhängigkeit verursacht. "

Wer solche Mittel wenige Wochen lang täglich nimmt, kann vielleicht nicht mehr ohne. Und der Entzug kann die Hölle sein: "Selbst bei Heroin sind die Entzugssymptome nicht lebensbedrohlich. Aber wenn ein Süchtiger Benzos absetzt, können Blutdruck und Herzfrequenz im schlimmsten Fall so stark ansteigen, dass es lebensbedrohlich ist. Man darf einen Entzug nie alleine machen. " Dass die Mittel Katastrophen herbeiführen können, zeigen auch die Geschichten Prominenter: Philip Seymour Hoffman, Michael Jackson und Whitney Houston hatten Benzos genommen, bevor sie starben.

Quante will das Medikament nicht verteufeln. Viele Ältere mögen in niedrigen Dosen davon abhängig sein, können aber gut damit leben. Bei Depressiven durchbrechen Benzos kurzzeitig krankhafte Grübelspiralen und ermöglichen so eine Therapie. "Bei Flugangst oder Prüfungen würde ich es aber nur im Notfall verschreiben" , sagt Quante. Es gebe Alternativen, zum Beispiel eine Kurzzeit-Psychotherapie.

Schon nach zehn Minuten werde ich träge

An einem Montagabend nehme ich eine halbe Tablette. Ich muss eine Kolumne nochmals schreiben. Und zwar schnell. Der Redakteur war nicht zufrieden. Ich soll über meine Wohnung berichten, was ich hasse, denn sie sieht aus wie ein Spielzeugladen, und ein bisschen wie eine Geisterbahn. Ja, ich habe einen Sessel mit einem Polster aus Plüschtieren. Und ja, es mag gruselig klingen, aber ich hatte mal Poster brennender Kinder an der Wand hängen. Was soll ich sagen? Es waren skurrile Unterrichtsposter aus Mexiko. All das wollte ich nicht erwähnen und verhedderte mich stattdessen im Thema. Ich kam ins Schwitzen, verfluchte meinen Beruf und wollte wieder Fotograf werden.

Tavor wirkt wie Alkohol. Schon nach zehn Minuten werde ich ein bisschen träge, was nicht schlimm ist, denn bis gerade eben war ich überdreht. Es entspannt. Alle Sorgen fallen wie ein Schleier von mir ab. Es ist, als ob es keine potenziell besorgniserregende Zukunft oder Vergangenheit mehr gäbe. Ich hatte Poster brennender Kinder an der Wand?
Ach, wird schon niemand seltsam finden. Will ich Tausenden Lesern von meinem Plüschsessel erzählen, den schon alle meine Freunde weird fanden? Sollen sie doch. Als ich einen Fakt recherchieren muss, begnüge ich mich mit der erstbesten Quelle. Wird schon passen. Ich hatte mich auf einen langen Abend mit meiner Kolumne eingestellt. Aber schon nach einer Stunde bin ich fertig. Am Tag darauf schreibt der Redakteur: "Super geworden!"

Wer sich immer von Medikamenten helfen lässt, sobald es schwierig wird, kann das Vertrauen in sich selbst verlieren. Im schlimmsten Fall glaubt man gar, etwa eine Prüfung nur dank der Tabletten bestanden zu haben. So argumentieren einige Psychologen, zum Beispiel Hans-Werner Rückert, Leiter der Psychologischen Beratung an der Freien Universität Berlin. "Dass man sich an einem Problem abarbeitet und dann erlebt, wie man es selbst bewältigt, ist eine ganz wichtige Erfahrung. "

An einem Abend meiner Tavor-Woche bin ich etwas melancholisch gestimmt. Eine Freundin schreibt, dass sie vielleicht Berlin verlässt. Haben nicht alle in den letzten Monaten die Stadt verlassen? Ist es nicht auch für mich Zeit, an einen neuen Ort zu ziehen? Trübe Gedanken, nichts, wogegen man jemals Benzos nehmen müsste. Ich tue es trotzdem. Und erschrecke, wie die Melancholie einfach weg ist. Ich bin nicht euphorisch, aber zufrieden. Schreibe ein paar Leute an, wann wir am Wochenende weggehen, reaktiviere ein paar alte Kontakte. "Mother’s Little Helper" , wie die Rolling Stones die Pillen nannten, machen das Leben beunruhigend leicht.

Seit bald zwei Stunden unterhalte ich mich jetzt mit meiner Nachbarin. Es gibt Kaffee und Kuchen, so wie immer. Nur diesmal nicht bei ihr zu Hause, sondern im Foyer der Psychiatrischen Klinik im Berliner Westen. Sie hat versucht, sich mit Tavor das Leben zu nehmen.

Ich dachte, ich hätte die Sache im Griff

Ich wusste schon davor, dass es ihr nicht gut ging. Nun sehe ich sie zum ersten Mal an Stöcken gehen. Sie, die einst in Las Vegas als Revuetänzerin auf der Bühne stand, diese schöne und sportliche Frau, die mir mal Fotos von sich aus der "Los Angeles Times" zeigte. Ich hatte aber nie eine Parallele zu mir gesehen. Ich dachte immer, dass das mit Tavor bei ihr viel später begonnen habe. Doch jetzt sagt sie: "Ich habe die Tabletten ja schon damals in Las Vegas genommen. "

Ich dachte, ich hätte die Sache im Griff. Während meines Selbstversuchs behandelte ich Angst als ein Gefühl, das man beseitigen kann, wenn es gerade stört. Doch nun erzählt meine Nachbarin, wie so eine Geschichte weitergehen kann: Nach durchgearbeiteten Nächten hätten die Pillen ihr beim Einschlafen geholfen, und die turbulente Zeit, als ihr die Welt zu Füßen lag, sei mit den Medikamenten einfach angenehmer gewesen, normaler. Als ich anmerke, dass ich solche Mittel auch ab und zu nehmen möchte, sagt sie: "Schauen Sie mich an. Tun Sie es nicht. "

Ich behielt die übrigen Tabletten dennoch. "Nur für den Fall" , dachte ich. Es fühlte sich gut an, sie zu haben. Genommen habe ich sie trotzdem nie wieder. Nicht, als eine Beziehung in die Brüche ging. Und auch nicht, als ich realisierte, dass ich für die zweite Hälfte eines Buches schlicht keine Ideen mehr hatte. Das Manuskript musste einen Monat später fertig sein. Wurde es dann auch, der Angst sei Dank.