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Tablettensucht: Wenn der Apotheker beim Entzug hilft

Mehr als eine Million Deutsche schlucken täglich Beruhigungsmittel. Ihre Sucht fällt kaum auf, den "Stoff" verschreibt der Arzt. Die Wenigsten merken, dass sie süchtig sind. Ein Apotheker hat ein Entzugskonzept entwickelt, bei dem Betroffene direkt angesprochen werden.

Von Nina Bublitz

Zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Deutsche sind von Medikamenten abhängig, heißt es im Suchtbericht des Bundesgesundheitsministeriums. Sie nehmen Schmerztabletten, Antidepressiva, Appetitzügler. Die große Mehrheit - 1,1 Millionen - schluckt täglich Benzodiazepine. Das ist eine Gruppe von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, zu denen auch Diazepam, bekannt unter dem Markennamen Valium, zählt. Die Präparate mildern Nervosität, hemmen Ängste, fördern den Schlaf. Betroffen von Tablettensucht sind vor allem Frauen und Ältere. Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie ein Suchtproblem haben. Schließlich holen sie sich das Rezept direkt vom Arzt - und wenn der die Mittel verschreibt, muss ja alles in Ordnung sein, so die verständliche Schlussfolgerung. Beruhigungsmittelsüchtige werden nicht gewalttätig, Beschaffungskriminalität spielt bei ihnen keine Rolle. Sie fallen nicht auf, während sie - wie in Watte gepackt -ihren Alltag verleben. So werden sie oft vergessen, wenn es um Suchthilfeprogramme geht.

20.000 Pillen eingenommen

Wie werden diese Menschen überhaupt abhängig? Die meisten geraten in einer Stressphase an die Medikamente, wenn etwa die Ehe zerbrochen ist, der Job verloren oder gar der Partner gestorben. Zukunftsängste, Stress, Schlafstörungen - der Arzt verordnet ein Benzodiazepin, das schnell und gut hilft. Und nach ein paar Wochen mag man das Mittel nicht mehr missen, fordert es beim Arzt ein. Warum die Ärzte den Rezeptblock dann immer wieder zücken, ist indes nicht leicht zu erklären. Möglicherweise denken manche, dass der Patient, weil er die Sucht nicht realisiert, zu einem anderen Arzt geht, sobald sie ihn mit dem Problem konfrontieren. Wahrscheinlich unterschätzen viele auch das Suchtproblem und geben deshalb dem Drängen nach. Klar ist allerdings: Patienten können durchaus Schadensersatz erhalten, wenn sie über Jahre oder Jahrzehnte vom Arzt die Rezepte für ihren "Stoff" bekommen haben. In einem außergerichtlichen Vergleich etwa bekam ein Wirtschaftsingenieur 75.000 Euro zugesprochen. Sein Arzt hatte ihm 18 Jahre lang Privatrezepte für Benzodiazepine ausgestellt, insgesamt kamen so rund 20.000 Tabletten zusammen.

Wenn ein Arzt jahrelang Rezepte ausfüllt, nutzt es natürlich nichts, dass es Spezialkliniken gibt, in denen Medikamentensüchtige auf Entzug gesetzt werden. "Wir erreichen viele Patienten mit den existierenden Suchthilfeangeboten einfach nicht", klagt deshalb Rüdiger Holzbach, Psychiater und Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin in den Kliniken Warstein und Lippstadt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. "Die meisten Medikamentenabhängigen sind in ärztlicher Behandlung - aber in der falschen." Denn solange niemand das Problem anspricht, schluckt der Süchtige einfach weiter seine Tabletten.

Diesen Kreis möchte Ernst Pallenbach durchbrechen - und zwar in Zusammenarbeit mit den Ärzten. In einer Pilotstudie hat er es schon: Der Apotheker aus Villingen-Schwennigen betreute 38 Benzodiazepin-Abhängige. 21 Studienteilnehmer kamen ganz von den Schlaftabletten los, bei sieben wurde zumindest die Dosis deutlich gesenkt. Eine erstaunlich positive Bilanz "Ich war selbst überrascht von diesem Erfolg", sagt Pallenbach.

Baldrian statt Benzodiazepin

Was hat der Apotheker konkret getan? Zuerst sprach er mit Hausärzten in der Umgebung, stellte seine Idee vor und fragte, ob zu den Ärzten Patienten kämen, die regelmäßig Beruhigungsmittel einnehmen. Diese Patienten wurden beim nächsten Arztbesuch gefragt, ob sich ein Apotheker einmal bei ihnen melden darf. Falls sie zustimmten - und das tat die Mehrheit - erklärte Pallenbach in einem ersten Gespräch die Probleme, die durch Benzodiazepine entstehen. Die Medikamente senken nicht nur die Reaktionsfähigkeit und führen am nächsten Tag zu einer Art "Kater", sie entspannen auch die Muskeln. Das steigert, besonders bei älteren Betroffenen, das Risiko von Stürzen und Brüchen. "Das ist den meisten nicht klar", sagt Pallenbach. Mehrere seiner Studienteilnehmer hatten solche Stürze hinter sich. Langfristig verbessern die Mittel zudem nicht die Schlafqualität. Auch das ist ein Argument, das viele Betroffene überzeugt. Schließlich wurden ihnen die Mittel am Anfang meist gegen Schlafstörungen verschrieben. "Man muss das Problem nur vorsichtig ansprechen", sagt der Apotheker, dann würden die meisten Gefragten den Entzug wagen.

Der Entzug dauerte drei bis sechs Monate. Wichtig sei, die Dosis langsam zu senken, betont Pallenbach. Wer die Medikamente abrupt absetzt, wird oft rückfällig. Der Apotheker riet den Teilnehmern außerdem, schon mehrere Wochen vor dem Start des Entzugs ein pflanzliches Präparat mit Baldrian und Hopfen einzunehmen, das den Schlaf fördert. Die Maßnahme, sagt er, sei unter Suchtmedizinern umstritten - "schließlich wird dann immer noch täglich eine Tablette genommen". Er als Apotheker halte das Präparat allerdings für so unproblematisch, dass er es trotzdem empfiehlt.

Pallenbach sprach mehrmals mit den Teilnehmern. Er gab unter anderem Ratschläge, wie die Betroffenen ihr Schlafverhalten verbessern können. Psycho- oder Verhaltenstherapie beinhaltet sein Entzugsprogramm aber nicht. "Nicht jeder Patient braucht eine Therapie", bestätigt Suchtmediziner Holzbach. "Das Schöne an diesem Angebot ist, dass es die Menschen erreicht, die niemals in eine Suchtberatung gehen würden." Nun will Apotheker Pallenbach die Maßnahme auf breitere Beine stellen: Andere Apotheker schulen, Kontakte zu Ärzteverbänden aufbauen. Helfen würde sein Konzept sicherlich vielen, die heute Tag für Tag Tabletten schlucken.

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