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Meinung

ATP-Finals in London: Alexander Zverev muss endlich zeigen, dass er zu Recht Deutschlands große Tennishoffnung ist

Vor einem Jahr triumphierte Alexander Zverev bei den ATP Finals in London. Jetzt kehrt er zurück an den Ort seines größten Triumphes – am Ende eines Jahres, in dem er sich nicht weiterentwickelt hat.

Alexander Zverev

Siegertyp: Alexander Zverev im vergangenen Jahr bei den ATP-Finals in London

Dem Tennis geht es gerade gut, keine Frage. Das belegt ein Blick auf das Line-up der ATP-Finals in London, bei denen die acht weltbesten Spieler einen krönenden Saisonabschluss unter sich ausspielen. Neben den ewig jungen Legenden Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic gehört ein Quintett aus potenziellen Thronfolgern zum Teilnehmerfeld: Alexander Zverev, Dominic Thiem, Stefanos Tsitsipas, Daniil Medwedew und Matteo Berrettini.

Der Deutsche nimmt dabei durchaus eine Sonderstellung ein – das beweist nicht nur das Selfie, das die begnadete Garde vor Turnierbeginn an der Themse geschossen hat: Hier war Zverev am Drücker, und ohnehin ist er in dieser Woche der Gejagte, feierte er doch im vergangenen Jahr mit dem Finalsieg über Novak Djokovic hier seinen bisher größten Erfolg.

Alexander Zverev und sein durchwachsenes Jahr

Schon damals haben die Beobachter der Tour, auch wir, für das Jahr 2019 fest mit dem großen Durchbruch des Talents gerechnet. Schließlich war Zverev bis dahin noch nie über das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers hinausgekommen. Das Problem: Genau ein Jahr später hat sich an dieser Statistik nichts geändert.

"Sascha" Zverev hat eine durchwachsene Saison hinter sich. Während zum Beispiel Medwedew und Tsitsipas zuletzt große Schritte machten, stagnierte der 22-Jährige, sowohl was die Ergebnisse als auch die spielerische Weiterentwicklung betraf.

Hinzu kam die Trennung von Trainer Ivan Lendl, ein öffentlicher Disput mit seinem früheren Manager Patricio Apey und ein paar private Aufs und Abs. "Ich hatte ein schwieriges Jahr", hat Zverev sich dieser Tage selbst eingestanden. "Aber ich habe es geschafft, mich zu qualifizieren und bin sehr, sehr glücklich, hier zu sein." 

Dass er die Zulassung für die ATP-Finals auch einer schwachen Konkurrenz verdankt, sollten auch die zahlreichen Zverev-Zweifler nicht überbewerten, immerhin hat er es bereits zum dritten Mal in Folge nach London geschafft, was zu seiner Zeit nicht einmal Michael Stich gelungen war.

Trotzdem tritt Zverev nun in eine wegweisende Phase seiner immer noch jungen Karriere. Wenn er heute Abend (21 Uhr) gegen Rafael Nadal das Projekt Titelverteidigung beginnt, sollte er dieses Auftaktmatch auch als persönlichen Neustart in erfolgreichere zwölf Monate als die letzten betrachten.

Ansprüche und Ziele für 2020

Zverev könne in London aus einem guten ein sehr gutes Jahr machen, hat Boris Becker zuletzt in seiner Funktion als Eurosport-Experte angemerkt, und diese Einschätzung mit der klaren Vorgabe verbunden, dass die deutsche Tennis-Hoffnung im nächsten Jahr das Halbfinale oder Finale eines Grand-Slam-Turniers erreichen sollte: "So gut ist er. Das muss sein Anspruch sein – und das ist auch sein Ziel."

Große Erwartungen, die allerdings den Voraussetzungen des Ausnahmespielers entsprechen, auch wenn Fans und Kritiker gerne vergessen, wie jung Zverev immer noch ist. Zum Vergleich: Roger Federer galt in der frühen Phase seiner Karriere ebenfalls als Riesentalent, das sein Potenzial aber nicht ausreichend ausschöpfe, sich selbst im Weg stehe und die Mentalität für große Titel vermissen lasse. Erst rund einen Monat vor seinem 23. Geburtstag gewann der Schweizer in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Titel, bevor er anschließend für mindestens ein halbes Jahrzehnt die Aura der absoluten Unbesiegbarkeit ausstrahlte.

Einen besseren Beweis, dass es für Zverev noch lange nicht zu spät ist, könnte es kaum geben. "Sascha" feiert am 20. April seinen 23. Geburtstag. Anders gesagt: 2020 muss er zeigen, was er kann.