HOME

Diskriminierung: Rassismus im Alltag: So habe ich ihn erlebt - und so wehre ich mich dagegen

Egal ob im öffentlichen Nahverkehr oder abends beim Feiern – unser Autor hat aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes viele Erfahrungen mit Rassismus machen müssen. Daher hat er seine eigenen Taktiken entwickelt, um den Anfeindungen entgegenzuwirken.

Autor David Luigi Stramaglia kennt sich mit Alltagsrassismus aus

Unser Autor hat zwei Seiten: Eine freundliche und eine grimmige. Er weiß aus Erfahrung, dass die freundliche Version eher dabei hilft, Alltagsrassismus entgegenzuwirken.

Ich trage Vollbart, habe schwarze Haare und ein - wie es so schön heißt - "südeuropäisches ". Gerade morgens sehe ich oft noch etwas verballert aus: Augenringe und Stirnfalten sind beileibe keine Seltenheit. Ich verlasse meine Wohnung am liebsten in entspanntem Freizeitoutfit. In der kälteren Jahreszeit ziehe ich mir gerne meine verschlissene Lederjacke drüber. Äußerlich entspreche ich also schon mal den Klischees, um als vermeintlich aggressiv wirkender Ausländer durchzugehen. Das bin ich zwar gar nicht – ich bin in Deutschland geboren und ein ziemlich ruhiger Typ - trotzdem scheinen mich einige Mitmenschen so einzuschätzen. Egal ob in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder abends beim Feiern gehen – Alltagsdiskriminierung bekomme ich regelmäßig zu spüren.

Die Blicke der anderen Fahrgäste gehen schlagartig auf den Boden

Im habe ich schon oft folgendes Phänomen erlebt: Die Bahn kann noch so voll sein, wenn der Sitzplatz neben mir frei ist, ziehen es viele Menschen vor, trotzdem zu stehen. Denken die, ich will sie fressen!? Denn nicht selten werden mir suspekte, fast schon ängstliche Blicke zugeworfen. Sobald ich zurückschaue, starren die Mitreisenden dann gerne entweder auf den Boden oder zücken blitzschnell ihr Smartphone. Als ob ich das nicht merken würde ... Noch erstaunter schauen die anderen Fahrgäste nur dann zu mir rüber, wenn ich meinen Platz für eine schwangere Frau oder ältere Mitmenschen frei mache. Nach dem Motto: So viel Anstand hätten sie jetzt nicht erwartet! Ein paar Male habe ich auch schon andere Leute dazu gebracht, aufzustehen, wenn ich gesehen habe, dass ein älterer Herr oder eine ältere Dame eingestiegen ist. Widerworte habe ich dafür noch nie bekommen. Eher einen verwunderten Blick: "Oha, der Ausländer spricht ja sogar unsere Sprache und hat mich nicht gleich umgeboxt!"

Um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken, habe ich mir eine simple Taktik überlegt: Ich lächele die Leute einfach an. Das mag zwar etwas creepy wirken, aber vereinzelt bekomme ich jetzt sogar ein Lächeln zurück.

Im Nachtleben geht die Diskriminierung weiter

Bedauerlicherweise habe ich aber nicht nur im öffentlichen Nahverkehr Erfahrungen mit gemacht. Noch weitaus schlimmer war es beim Ausgehen. Ein Erlebnis ist mir dabei besonders negativ in Erinnerung geblieben. Als ich achtzehn wurde und das entsprechend auf dem Hamburger Kiez zelebrieren wollte, wurden meine Pläne schon vor der Disko-Tür komplett über den Haufen geschmissen. "Ohne Mitgliedsausweis kommst du nicht rein", sagte der Türsteher zu mir. Für mich war das kurios. Von einem Club, der Mitgliedsausweise ausstellt, hatte ich noch nie etwas gehört. Also antwortete ich dem Türsteher, dass ich gerne Mitglied werden würde, ich dafür ja aber höchstwahrscheinlich erst mal an die Kasse müsse. Doch auch darauf hatte er eine Antwort parat: "Im Moment nehmen wir leider keine neuen Mitglieder mehr auf!" Aha, so ist das also. Was für eine schlechte Lüge. Auf längere Diskussionen wollte sich der Herr an der Tür nicht einlassen. Auf eine letzte Nachfrage antwortete er nur: "Dein Nachname passt nicht!" Ich war baff – hatte er das gerade echt gesagt?! Da hatte mir endlich mal einer den wahren Grund fürs Nicht-Reinkommen genannt und ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte. Dabei war es ganz offensichtlicher Rassismus.

Zunächst war ich nur perplex. Als ich dann auf dem Weg nach Hause war, merkte ich plötzlich, wie in mir die Wut hochkam. Was bitte kann ich für meinen italienischen Nachnamen? Im Zweifel war ich der deutschen Sprache sogar mächtiger, als der Muskelprotz vor der Tür! Und trotzdem durfte ich nicht Party machen und eine gute Zeit haben? Einfach nur ein Scheiß-Gefühl!

Nur in weiblicher Begleitung bin ich reingekommen

Von dem Moment an war mir klar: Die Chancen mit meinem äußeren Erscheinungsbild überhaupt in einen der vielen Clubs reinzukommen war schwindend gering. Deshalb musste ich mir für die Zukunft etwas einfallen lassen. Und so fragte ich von da an immer Frauen, die auch in der Schlange standen, ob sie sich bis zum Eingang als meine Freundin ausgeben würden. Mein Fazit: Vollkommen egal, wie du aussiehst und wie du heißt, sobald du eine oder im Idealfall sogar mehrere Frauen dabei hast, ist der Weg in den Club frei. Das liegt daran, dass es bei vielen Partys ein Ungleichverhältnis zwischen Männern und Frauen gibt. Darauf, dass nur Kerle im Club sind, haben die Besitzer einfach keinen Bock.

Was das Nachtleben betrifft, habe ich in der jüngeren Vergangenheit zum Glück immer weniger Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Den Grund dafür meine ich zu kennen: Mittlerweile habe ich einige graue Haare. Das wirkt deeskalierend und reifer. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass ich, wenn ich feiern gehe, ohnehin oftmals meine Freundin dabei habe.

Und trotzdem: Ich wünsche mir, dass diese Taktiken irgendwann nicht mehr nötig sind. Rassistische Vorurteile sind Blödsinn. Nicht jeder, der südländisch aussieht, führt auch automatisch etwas Böses im Schilde. Auch, wenn er dich nicht sofort anlächelt.