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Arbeit auf der Palliativstation: Ich bin Krankenpflegerin – so fühlt es sich an, Menschen in den Tod zu begleiten

Unsere Community-Autorin arbeitet auf der Palliativstation, der letzten Krankenhausstation vor dem Tod eines Patienten. Was sie in ihrem Beruf erlebt und warum er sie auch auf Partys verfolgt, erzählt sie hier. 

Von NEON-Community-Mitglied Theresa Donath

Junge und alte Hände greifen ineinander

Auf der Palliativstation: Unsere Community-Autorin berichtet, wie sie Patienten bis zum Tod begleitet

Getty Images

Die Uhr zeigt 23.16 Uhr, mein fünfter Nacht- und inzwischen neunter Dienst seit letzter Woche, als ich mich nach einem verabreichten Medikament bei einer sterbenden Patientin an den Tisch neben ihrem Bett setze, kurz innehalte. Mein Blick fällt auf ein Buch: "Die letzten Tage mit meinem Vater" von Phillip Toledano. Ich nehme es in die Hand, blättere und lese die Texte zu den sehr stimmungsvollen und dezenten Fotos. Trotz aller Traurigkeit beschreibt es bedeutende, schöne und zeitlose Momente. Jene Momente, die ich als Krankenschwester auf einer Palliativstation erleben darf. Mit jedem Patienten tauche ich in Lebensgeschichten, Hoffnungen und viele Fragen, aber auch ganz persönliche Antworten.

Aber leicht ist es nie. Es ist zweifelsohne eine Herausforderung, eine Berufung und bedarf Selbstreflexion und Rationalität. Zumindest setze ich das bei meiner eigenen Person voraus, und ist meine subjektive Wahrnehmung, die Definition meiner persönlichen Arbeitsweise. Nur: In der Regel ist mir das gar nicht so bewusst. Meine Arbeit fühlt sich für mich normal an, vertraut, und vor allem richtig.

Palliativmedizin: Nicht das klassische Party-Smalltalk-Thema

"Palliativstation? Oh, das ist aber schwer."

"Wow, also ich könnte das nicht."

Ich rede sehr gern über meine Arbeit, doch manchmal glaube ich, im Gegenzug die Fähigkeit zum klassisch-lockeren Smalltalk verloren zu haben, vergesse dabei den zum Teil abschreckend-gruseligen Charakter meiner Erzählungen, und erinnere mich dabei an ein Raucherbalkon-Kennlern-Gespräch auf einer Geburtstagsparty meiner Kollegin, das mich nachdenklich zurückließ. Typisches Setting, nettes Begrüßen und Vorstellen. Und natürlich die darauf folgende Frage:

"Und, woher kennst du B.?"

"Wir arbeiten zusammen."

"Ah ok. Harte Arbeit. Ich hab meinen Zivi auch im Hospiz gemacht."

"Oh schön, da hab ich auch mal ein Jahr gearbeitet."

Sofort war ich drin im Geschehen, meinem "Lieblingsthema" und plauderte munter drauf los. Erwähnenswert dabei ist sicher auch die Tatsache, dass ich direkt vom Spätdienst zur Party geradelt bin, und mein Kopf noch nicht "nachgerückt" und im Feierabend angekommen war.

"Manchmal erscheint es mir persönlich schwer, einfach Smalltalk zu halten und oberflächlich zu kommunizieren."

"Naja, aber die Thematik Palliativ ist jetzt sicher auch nicht so passend für eine Party."

Ich zog noch zweimal an meiner Zigarette, dachte, dass er sicherlich Recht hatte, verabschiedete mich und entschied mich für einen Besuch auf der Tanzfläche. Ich fühlte mich weniger vor den Kopf gestoßen als ertappt. Ich ärgerte mich eher für die fehlende Kreativität für andere Gesprächsthemen in dem Moment, und war gleichzeitig froh für diese "Spiegelung", für den Impuls dieser Ernsthaftigkeit meiner Person von Zeit zu Zeit zu lockern. Reflexion hört eben nie auf.

Zwischen Mysterium und Faszination

Mein Gehirn ist vermutlich "speziell gepolt", wer sucht sich schon freiwillig trotz (oder gerade wegen) der Arbeit auf einer Palliativstation ein Ehrenamt für Notfallseelsorge? Ertappe ich mich zudem doch oft mit einem Buch oder einer Doku über Trauer und Begleitung, Palliativmedizin oder ähnlicher Thematik, während meine innere Stimme deutlich spricht: "Ernsthaft?! Mach mal Pause!"

Mein Umfeld findet mein Handeln und Wissen oft spannend und durchaus unterhaltsam. Ich verkörpere durch meine Arbeit aber gleichzeitig die Angst vor dem Sterben, vor dem Mysterium schlechthin. Faszinierender Schrecken, vereint dieses Thema doch alle Menschen und Lebewesen, bewegen uns dieselben Fragen. Und das hat auch gleichzeitig einen beruhigenden Charakter. Wir sollten nur darüber reden "lernen". 

"Guten Morgen, Schwester Theresa"

2.30 Uhr. Ein weiterer Rundgang durch die Patientenzimmer. Ich öffne leise die Tür, trete ein und schon begrüßt mich Frau T. mit einem offenem Blick und guter Laune.

"Guten Morgen, Schwester Theresa."

Ich lache, und versichere ihr, dass sie getrost noch schlummern kann. Sie greift nach ihrem Becher mit Wasser, nimmt einen Schluck und sagt:

"Freilich, aber ich fühl mich so gut."

Ich lächle und denke augenblicklich an drei Nachtdienste zuvor, als ihr Zustand alles andere als rosig, sondern sehr kritisch war, und dennoch der Wille stark.

"Wissen Sie, ich hab' gestern der Frau Doktor erzählt, wie wunderbar und bequem sie mich letztens gelagert haben. Das war himmlisch!"

Ich freue mich sehr über ihre Worte, verlasse das Zimmer und frage mich, ob sie sich ihrer außergewöhnlich positiven Ausstrahlung, trotz aller Ernsthaftigkeit und Deutlichkeit der Situation, bewusst ist. Ich hoffe es!

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