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Ärzte-Appell

Pflege: Für Patienten bleibt meist zu wenig Zeit – Beispiel einer Palliativstation, die es anders macht

Schon vor Wochen warnten Krankenhaus-Ärzte im stern: Wirtschaftliche Zwänge gefährden ihre Patienten. Trotz alledem leisten Pioniere der Erneuerung täglich Großartiges.

Pflegenotstand: Beispiel einer Palliativstation, die es anders macht

Wurde als Pflegerin des Jahres ausgezeichnet: Havva Özkan

Havva Özkan arbeitet auf der Palliativstation des St. Josef-Hospitals in Troisdorf und wurde als Pflegerin des Jahres ausgezeichnet. Wenn man Havva Özkan bei der Arbeit begleitet, fragt man sich, warum Menschen erst im Sterben liegen müssen, bevor sie hier­zulande eine angemessene Pflege bekommen. Die 34-Jährige und ihre Kolleginnen kümmern sich auf der Palliativstation des St. Josef-Hospitals in Troisdorf um zehn Patienten, sie sind in jeder Schicht stets mindestens zu zweit. "Im Vergleich zu normalen Klinikstationen sind wir gut besetzt", sagt sie. "Das macht vieles leichter." Das St. Josef-Hospital versucht, den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin für eine Personalausstattung nachzukommen.

"Pflegerin des Jahres"

Zum Vergleich: Im Schnitt versorgen in Deutschland zwei Pflegefachkräfte 25 Patienten. "Der Personalnotstand ist katastrophal", sagt Özkan.

Trotz der besseren Bedingungen – weniger zu tun hat Özkan nicht. "Aber ich habe Zeit, ich kann den Menschen gerecht werden." Das heißt: Wunden versorgen, Schmerzen lindern, auf Atemnot reagieren. In einer speziellen Weiterbildung hat sie gelernt, die Selbstbestimmung von Schwerstkranken und sterbenden Menschen zu fördern, ihre Lebensqualität zu verbessern, Angehörige zu begleiten und letzte Wünsche zu erfüllen.


Krankenhäuser sollen für das Dasein vorsorgen genauso wie die Polizei oder Feuerwehr. Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist. Es darf nicht länger passieren, dass Krankenhäuser Gewinne für nötige Anschaffungen ausgeben und dafür am Personal sparen – weil der Staat ihnen seit Jahren Finanzmittel vorenthält, um unrentable Einrichtungen "auszuhungern". Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde fordern, dass die Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen oder Profite erwirtschaften müssen. Warum also Krankenhäuser?

Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. Deshalb dürfen Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften keine Entscheidungsträger vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben. Aber auch manche Ärztinnen und Ärzte selbst ordnen sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. Wir rufen diese auf, sich nicht länger erpressen oder korrumpieren zu lassen.

Das Fallpauschalensystem, nach dem Diagnose und Therapie von Krankheiten bezahlt werden, bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften. Es belohnt alle Eingriffe, bei denen viel Technik über berechenbar kurze Zeiträume zum Einsatz kommt – Herzkatheter-Untersuchungen, Rückenoperationen, invasive Beatmungen auf Intensivstationen und vieles mehr. Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Es bestraft auch Krankenhäuser. Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.

Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen und der Durchökonomisierung der Medizin ist bis zur letzten Minute durchgetaktet. Nicht einberechnet ist der auf das Mehrfache angestiegene Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten. Nicht einberechnet ist die Zeit für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte und für die immer wichtigeren Teambesprechungen. Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod. Wenn aber mit den Kranken nie ausführlich gesprochen wird, können Ärztinnen und Ärzte nicht erfassen, woran sie wirklich leiden. Wenn diese Patientinnen und Patienten entlassen werden, verstehen sie weder ihre Krankheit, noch wissen sie, wofür die Therapie gut ist. Das Diktat der Ökonomie hat zu einer Enthumanisierung der Medizin an unseren Krankenhäusern wesentlich beigetragen.

Unsere Forderungen:

1. Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.

2. Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit wirtschaftlichen Handelns.

3. Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

Sie weiß, wie wertvoll Gespräche für Schwerkranke sind. Sie kennt die Geschichten ihrer Patienten, die Sehnsüchte, Sorgen und Ängste. "Viele ­wünschen sich einfach jemanden, der ihnen zuhört und sie ernst nimmt", sagt sie. Dann zieht sie einen Stuhl heran oder setzt sich auf die Bettkante. Sie streichelt den Patienten über den Rücken, hält ihre ­ Hände, schaut ihnen in die Augen und fragt, wie es ihnen geht.

Havva Özkan macht ihren Job so gut, dass sie 2018 zur "Pflegerin des Jahres" gekürt wurde.

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