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Online-Shopping statt Cruisen: Warum fallen so viele Jugendliche durch die Führerschein-Prüfung?

Immer mehr Fahranfänger fallen durch die theoretische und die praktisch Führerscheinprüfung. Woran liegt das? NEON hat mit einem Fahrlehrer und einer Psychologin gesprochen.

Führerschein Prüfung Fahrlehrer

Liegt es am Prüfling oder am Fahrlehrer? Immer mehr Fahranfänger fallen durch die Führerscheinprüfung.

Getty Images

Stoppschild ignoriert, Zebrastreifen überfahren, falsch abgebogen – und zack, durch die Prüfung gefallen. Dieses Gefühl erlebten in den vergangenen Jahren immer mehr Fahranfänger: Bei der Theorieprüfung aller PKW-Klassen fielen 2017 laut Kraftfahrtbundesamt 39 Prozent, bei der praktischen 32 Prozent der Teilnehmer durch – das macht 432.037 nicht bestandene praktische Prüfungen und ist der höchste Wert seit zehnt Jahren. Aber woran liegt das?

Neue Formen der Mobilität

"Das Verkehrsgeschehen ist komplexer geworden und die Anforderungen im Straßenverkehr deutlich höher", sagt Claudia Happe, Fachpsychologin für Verkehrspsychologie, die selbst mal eine Fahrschule geleitet hat. Eine andere Ursache sei aber auch hier die Digitalisierung: "Mobilität hat nicht mehr den gleichen Stellenwert wie noch vor einigen Generationen. Man kann vieles digital erledigen und muss nicht mehr von A nach B kommen." Die Einschätzung bestätigt auch Hakan Güzel. Der 28-Jährige arbeitet seit vier Jahren in Berlin als Fahrlehrer: "Viele Leute finden den Führerschein heute nicht mehr so wichtig. Du kannst dir schließlich Fahrdienste wie Uber kostenlos nach Hause bestellen", sagt er zu NEON. Er selbst merkt die erhöhte Durchfallquote bei seinen Schülern zwar nicht, kann die Entwicklung aber nachvollziehen. "Die Qualität der Fahrlehre lässt vielfach nach", sagt Hakan. "Viele machen die Ausbildung, arbeiten einige Jahre und haben dann keine Lust mehr." Das zeige sich im mangelnden Wissen und den Fähigkeiten der Schüler. Sein Vorschlag: Die Fahrlehrer sollten noch öfter Nachschulungen besuchen. Aktuell geschehe dies nur alle fünf Jahre, so Hakan.

Regularien für Fahrprüfung überprüfen

Außerdem müssten die Regularien der Prüfungen geändert werden. "Die Prüfungen basieren zum großen Teil auf der Sympathie zwischen Prüfling, Fahrlehrer und Fahrprüfer", sagt er. Daher sollten die Strecke und die Aufgaben während der Prüfung vereinheitlicht werden – zur Zeit entscheidet der Prüfer individuell, welche Strecke gefahren werden muss.

Die Schuld nur bei den Fahrlehrern zu suchen, finden beide Experten jedoch zu simpel. "Ich denke, es geht um eine ehrliche Beurteilung des Leistungsstandes von Seite des Fahrlehrers und des Prüflings. Wenn die Anforderungen aus welchen Gründen auch immer nicht erfüllt sind, macht eine Prüfung noch keinen Sinn", sagt Verkehrspsychologin Claudia Happe. Das Alter der Prüflinge spielte dabei aber offensichtlich keine Rolle, denn Jugendliche, die ihren Führerschein mit dem sogenannten begleitenden Fahren ab 17 machen, schneiden deutlich besser ab: "17-Jährige fallen weniger durch und fahren später sicherer", sagt Dieter Quentin, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände der dpa. Außerdem unterscheiden sich die Ergebnisse sehr stark zwischen den einzelnen Bundesländern. Jedoch verließen sich die junge Fahrschüler immer mehr auf die technischen Neuerungen der Autos, wie automatische Bremssysteme, sagt Hakan Güzel.

Genau hinschauen

Aber auch er ist sich sicher: "Kein Fahrlehrer lässt seinen Schüler einfach durchfallen." Wenn er etwas in der Prüfung unfair oder komisch finde, greife er sofort ein. Die naheliegenden Vermutung, dass der TÜV oder die Dekra Prüflinge extra durchfallen lassen, um damit Geld zu machen, will Güzel nicht direkt bestätigen. "Logisch gesehen kann man sich eine gewisse Durchfallquote aber schon vorstellen", sagt der 28-Jährige.

Der ADAC empfiehlt vor der ersten Fahrstunde einen genauen Fahrschulvergleich. "Die billigsten Anbieter sind nur selten auch fachlich gute Fahrschulen." Und er rät von Crash- und Ferienkursen ab, das Erlernte müsse Zeit haben, sich zu festigen, sagt eine Sprecherin. Woran die höhe Durchfallquote der Fahranfänger nun wirklich liegt, können aber auch die Experten nicht hundertprozentig sagen. Daher wollen sich nun Forscher der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) mit den Zahlen zu nicht bestandenen Prüfungen auseinandersetzen und genaue Ursachen ermitteln.

lau / DPA