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Meinung

5500 Kilometern in 15 Tagen : Sicher in New York angekommen: Warum Greta Thunberg unseren Respekt verdient

Greta Thunberg hat es geschafft: Sie hat mit ihrer Segelyacht New York erreicht. Täglich sandte sie ein Lebenszeichen von Bord – als Antwort hallte es reichlich Spott und Verachtung in den sozialen Medien zurück. Dabei gebührt ihr etwas ganz anderes.

Von Yannik Schüller

"Malizia 2": Greta Thunberg vor New York angekommen

Mit der Empathie ist es so eine Sache – sie geht meist nicht über einen kleinen, intimen Kreis von Verwandten und Freunden hinaus. Unser Einfühlungsvermögen hört in der Regel schon bei unserem Nachbarn auf: Brennt dessen Haus, konnotieren wir das mit einem bedauernden Kopfnicken, täuschen pflichtbewusst Betroffenheit vor. Dabei denken wir eigentlich: "Gut, dass es nicht mein Haus war!" Doch, das ist es. "Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es", mahnte Greta Thunberg vor knapp acht Monaten auf dem UN-Klimagipfel in Davos. Acht Monate. Was ist das in Klimajahren?

Ich bin ehrlich: Auch mir fällt es schwer, beim Anblick von schmelzenden Gletschern alles stehen und liegen zu lassen, einen alten Umzugskarton zum Protestschild umzufunktionieren und auf der Straße die grüne Wende zu fordern. Nein, ich habe kein Amthor-Poster über meinem Bett hängen. Trotzdem zähle ich, wenn ich nicht einschlafen kann, Schäfchen auf einer grünen Wiese, statt SUVs auf brennendem Asphalt. Ich habe es mir bequem gemacht in meiner herrlich ignoranten Heile-Welt-Blase. Wenn ich mit dem Auto nach Dänemark, statt mit dem Flugzeug nach Bali reise, dann doch wohl, weil ich den sprichwörtlichen Knall gehört habe, oder? Falsch. Ich habe einfach keine Lust auf Bali. Hätte ich die, wäre mir die Economy Class näher als der ausgemergelte Eisbär auf seiner schmelzenden Eisscholle.

Greta Thunberg

Gruß an die Welt: Greta Thunberg winkt von Board der Hochseejacht "Malizia"

Kaum eine Persönlichkeit ist so streitbar

Während ich schon bei der Mülltrennung scheitere, segelte eine 16-jährige Schwedin über den Atlantik, nur um am Ende vor einem Publikum zu sprechen, dass ihr am liebsten in fieser-Onkel-Manier in die Wange kneifen, ihr die vermeintliche Naivität austreiben und sie unter Androhung von Hausarrest auf ihr Zimmer schicken würde.

Kaum eine Persönlichkeit ist zurzeit so streitbar wie Greta Thunberg. Die Verachtung, die ihr in den sozialen Medien entgegenschlägt, nimmt teils absurde Züge an. Dabei könnten ihre selbsternannten Feinde eigentlich einiges von ihr lernen. Den Hass konterte sie nämlich mit der denkbar effektivsten Methode: mit Schweigen. Anstatt sich auf eine intellektuell ungleiche Diskussion einzulassen, begegnete sie der Verachtung mit Gelassenheit. "Ich habe nicht genug Zeit mich zu ärgern. Es gibt zu viel zu tun", sagte sie im stern-Interview kurz vor ihrer Abfahrt. Damit meinte sie jedoch nicht ihre Gegner, sondern den mächtigsten Mann der Welt. Aber das Prinzip ist sicherlich übertragbar. Nichts ist entwaffnender als stumpfe, inhaltslose Wut mit Desinteresse zu demaskieren. Vielleicht unterstelle ich ihr aber auch zu viel Taktik. Vielleicht war ihr Smartphone einfach im Flugmodus.

Greta Thunberg ist ein Symbol. Ein Symbol dafür, was Überzeugungskraft und Willen bewirken können. Worüber hast du dich mit 16 gesorgt? Ich für meinen Teil weiß es nicht mehr – so unbedeutend waren meine Probleme. Verstehe mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass jeder von uns seine innere Greta entfesseln soll. Doch ist es zu viel verlangt, ihr ein klein wenig Anerkennung zu zollen?

Greta Thunberg: Empathie bis über den Atlantik

Der Klimawandel ist keine Meinung. Er ist ein Fakt. Trotzdem echauffieren sich Menschen über eine Person, die aktiv gegen die wahrscheinlich größte Bedrohung unserer Zeit vorgeht, anstatt sich in ein selbstgewähltes Wachkoma zu flüchten. Denn, wie man es auch dreht und wendet: Die Schwedin sitzt garantiert am moralisch längeren Hebel als jeder wutentbrannte Bürger, dessen einziger Beitrag zur Rettung unseres Planeten darin besteht, auf sozialen Medien Berichte über Thunberg mit dem Bild eines umfallenden Reissacks zu kommentieren. Greta Thunberg hält uns, die wir über Jahrzehnte sehenden Auges auf die Klippe zugesteuert sind und aus Bequemlichkeit nicht eingelenkt haben, den moralischen Spiegel vor die Nase. Nur gefällt uns nicht, was wir da sehen.

Dabei bleibt ihr kaum eine Verleumdung erspart. Sie sei ein Instrument geltungssüchtiger Eltern, Marionette einer machtbesessenen Umweltlobby, sie betreibe schamlose Selbstinszenierung. Die Person Thunberg lässt sich aber nicht so einfach deduzieren. Und selbst wenn sie das Rampenlicht genießt: Na und? Gute Taten erwachsen nicht zwangsläufig aus ehrenwerten Motiven.

Unser Haus brennt. Greta Thunberg will es löschen, anstatt sich am Ende in Selbstmitleid zu suhlen. Thunbergs Empathie geht über ihren Gartenzaun hinaus – bis über den Atlantik. Und deine?

Höchstwahrscheinlich kennst du Greta Thunberg nicht, hast sie nie persönlich getroffen. Ich auch nicht. Aber das muss ich auch nicht, um mir über eines im Klaren zu sein: Sie verdient unser aller Respekt.