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Protokoll

Bei Fotoshooting: Model erhebt Vorwürfe gegen deutschen Promi-Fotograf: "Er legte meine Hand auf seinen Penis"

Der US-Promi-Fotograf Marcus Hyde sieht sich in diesen Tagen dem Vorwurf der sexuellen Belästigung ausgesetzt. Auch andere Fotografen sollen ihren Einfluss genutzt haben, um Models Druck zu machen und sie zu sexuellen Akten zu nötigen. Julia ist eines dieser Models.

Julia versucht, als junges Model ihren Weg zu finden

Julia versucht, als junges Model ihren Weg zu finden – und traf dabei auf einen Fotografen, der sie sexuell belästigte

Skandal in der Mode-Branche: Erst diese Woche kam ans Licht, dass der Star-Fotograf Marcus Hyde seine Macht als erfolgreicher Fotograf ausgenutzt haben soll, um reihenweise junge Frauen unter Druck zu setzen und sexuell zu belästigen. Mittlerweile steht sogar der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum. (Die ganze Geschichte lest ihr hier.)

Auch andere Fotografen sollen in der Vergangenheit ihre Bekanntheit und ihren Einfluss genutzt haben, um junge, häufig noch unerfahrene Models unter Druck zu setzen, sich für sie auszuziehen und sie zu sexuellen Akten zu nötigen. Unter ihnen ist auch ein deutscher Fotograf, der in den USA lebt und arbeitet. Er gilt als begabter Fashion-Fotograf, der bereits viele Größen der Mode-Branche vor seiner Linse hatte.

Eines der Models, das schwere Vorwürfe erhebt, ist Julia. Die inzwischen 21-jährige Deutsche traf den deutschen Fotografen 2017 in New York. Was er dort von ihr verlangte, behielt sie zwei Jahre lang für sich, aus Angst, dass er ihr drohen und ihre Karriere im Keim ersticken könnte – und vor allem, weil sie dachte, dass ihr ohnehin niemand glauben würde. Doch seit der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Marcus Hyde traut sich auch Julia, zu sprechen. NEON erzählt sie von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung als junges Model.

Normalerweise nimmt der Fotograf 1500 Euro – für Julia will er eine Ausnahme machen

"Kontaktiert habe ich ihn zuerst vor einem Trip in die USA. Ich habe nebenbei gemodelt und dachte, ich kontaktiere ein paar Fotografen, um möglicherweise Shootings zu arrangieren. Ich hatte gehofft, dass mir das in den USA nochmal ganz andere Türen öffnen könnte. Er war damals schon sehr bekannt, und ich habe ihm eine ganz normale Anfrage geschickt. Als er mir sehr schnell antwortete, war ich erst überrascht, weil er schon wirklich viele Follower hatte – und ich eben nicht. Schon nach der dritten Nachricht oder so hat er mir auf Deutsch geschrieben und meinte, dass er ja auch aus Deutschland kommen würde. 500 Euro hat er dann für das Shooting angesetzt: Er meinte noch, dass er normalerweise 1500 nehmen würde, aber bei mir nicht – was ich ein bisschen komisch fand, weil wir uns ja gar nicht kannten. Aber ich hatte gerade erst die Schule beendet, es kam mir einfach sehr gelegen. Das Geld hab ich ihm zügig überwiesen.

Ein mulmiges Gefühl im Bauch habe ich zuerst bekommen, als er mich nach meinem Alter gefragt hat. Ich war damals 19 und er Ende 20 und er hat mich gefragt, ob das ein Problem sei. Ich hab ihn dann gefragt, warum das ein problematisches Alter für einen Fotografen sein sollte – das war einfach null professionell. Dann sind die Nachrichten relativ bald expliziter geworden. Er wollte wissen, was ich mir vorstellen würde. Ich hatte mir seine Streetstyle-Bilder angeguckt und wollte etwas in die Richtung. Dann wollte er wissen, was denn mit Unterwäsche-Bildern sei. Ich hatte seine Unterwäsche-Bilder gesehen und die waren ja okay, also habe ich gesagt, dass wir das auch machen könnten. Und er sagte: 'Dann machen wir einfach beides'. Normalerweise müsste man das dann auch bezahlen, aber er würde das für mich machen.

Zu Beginn des Shootings ist noch alles normal verlaufen. Der Fotograf hat mit den Bildern auf der Straße angefangen – damit ich ein bisschen lockerer werde, wie er gesagt hat. Dann hat er die Unterwäsche sehen wollen. Im Vorbeigehen fasste er mich plötzlich am Bauch an, da bin ich schon mega zusammengezuckt. Dann sagte er, ich habe ja gute Brüste, weil die von den berühmten Models meist auch nicht größer seien. Und ich stand da in Unterwäsche und es war mir einfach mega unangenehm. Er hat dann eine Runde um mich gedreht, mich ganz intensiv studiert und mir Komplimente für meinen Hintern gemacht und ihn auch angefasst. Ich war alleine in seinem Apartment und wusste überhaupt nicht, was ich machen soll. Dann hat er ein paar Fotos gemacht und gesagt, wenn ich Oben-Ohne-Fotos machen würde, würde er mich auf Instagram posten. Natürlich wäre es cool gewesen, neben den ganzen Models gepostet zu werden, aber ich wollte es trotzdem nicht machen.

"Guck mal, was du mit mir machst!"

Er hat dann vorgeschlagen, ich solle in einem Oberteil ohne BH posieren. Ich ging ins Bad und zog mich um. Unter dem Oberteil trug ich zwar keinen BH, aber man konnte auch nichts durchsehen. Auf einmal sagte er: 'Guck mal, was du mit mir machst!' und fing an, mir zu erzählen, wie erregt er doch sei. Dann nahm er meine Hand und drückte sie gegen seinen Penis. Ich wusste in dem Moment einfach nicht, was ich tun sollte. Ich wollte nur noch weg. Also habe ich meine Hand weggezogen und mich verabschiedet. Noch im Gehen hat er weiter versucht, mich davon zu überzeugen, mich oben ohne fotografieren zu lassen, aber ich habe immer weiter verneint.

Kurze Zeit später habe ich die Bilder bekommen – gemeinsam mit der Bitte, das Shooting noch einmal zu wiederholen: Er sagte, das könnten wir besser und wir müssten uns nochmal treffen. Haben wir auch tatsächlich gemacht – aber nur draußen. Und während das noch in Ordnung war, hat er die ganze Zeit Anspielungen gemacht und gesagt, ich solle doch in den USA bleiben und er könne mir in der Modelbranche helfen und ich solle einfach so zwei oder drei Monate bei ihm einziehen – gegen gewisse Gegenleistungen. Dann habe ich den Kontakt zu ihm abgebrochen.

Kürzlich ist er aber wieder in meinem Leben aufgetaucht, weil er auf Instagram gesehen hatte, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe. Er fing an, mir wieder Nachrichten zu schreiben – hat sie aber immer direkt wieder gelöscht, nachdem ich sie gelesen hatte.

Er wollte, dass ich zu ihm in die Staaten fliege. Ich hätte doch solches Potenzial und er könne mich den großen Marken vorstellen. Ich bin nicht dumm und natürlich war mir irgendwo klar, dass er das nur so sagt, aber wenn man diesen Traum hat, dann geht man eben ein bisschen auf diese Unterhaltungen ein. Ich habe gefragt, wie lange und in welchem Hotel ich wohnen soll und er meinte, ich solle bei ihm wohnen – mit dem Zusatz: 'Wenn du mir jeden Morgen einen bläst, dann ist das okay'.  Als ich gesagt habe, dass ich nur fürs Modeln kommen würde, hat er mir geschrieben, dass ich es vergessen könne, weil ich ihm zu prüde sei. Auch Penisbilder hat er mir immer wieder geschickt. Auf der einen Seite habe ich gesagt, dass ich die nicht haben will und auf der anderen Seite habe ich mich geschämt, dass er sie mir überhaupt schickt.

"Das wird er bei keinem weltberühmten Model gemacht haben"

Ich hab mich nie jemandem anvertraut, weil ich Angst hatte, dass mir sowieso keiner glaubt. Weil er mir immer das Gefühl gegeben hat, dass ich unwichtig bin und sich ohnehin niemand für mich interessiert oder mir zuhören wird. Die Tatsache, dass nun viele, viele Frauen ähnliche Erlebnisse mit Modefotografen teilen, ist eine riesige Erleichterung. Die Masche wenden diese Männer nur bei Frauen an, die sie klein halten können. Der wird das bei keinem weltberühmten Model gemacht haben, sondern bei Menschen, die nicht bekannt sind, denen er in dem Moment das Gefühl geben kann, sie wären was Besonderes, um sie später zu unterdrücken.

Dass nicht jedes Unterwäscheshooting so abläuft, hab ich erst später gelernt, nachdem ich ein paar Positiv-Beispiele erlebt und das Ganze einigermaßen verdrängt hatte. Die ganze Sache hat mich auf jeden Fall nachhaltig beeinflusst. Ich hab mir immer die Frage gestellt, ob er vielleicht Recht hat und ich es niemals schaffen werde. Es ist schon sehr hart, wenn dir jemand ins Gesicht sagt, dass du niemals jemand sein wirst, wenn du jetzt nicht das machst, was er will. Ich bin erleichtert, dass die Geschichten jetzt gehört werden. Als ich die Posts dazu gelesen habe, habe ich vor Erleichterung geweint, weil ich dachte: 'Endlich macht jemand was, und endlich bekommen diese dummen Arschlöcher das, was sie verdienen.'

jgs