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Urlaub mit Sinn?: Putzen statt Party: Warum Touristen in Berlin jetzt Müll sammeln

"Beach Cleans" und "Ploggin" sind voll im Trend – in Berlin können Touristen nun sogar bei Stadtführungen Müll einsammeln. Die Stadt sieht das Ganze als Chance für nachhaltigen Tourismus.

Wir alle lieben Urlaub, keine Frage. Und niemals war es so einfach, mal kurz einen Städtetrip nach Berlin, London oder Venedig zu machen. Aber mal abgesehen von der Frage der Umweltfreundlichkeit rund um das Thema Reisen, leiden immer mehr Städte unter der Vielzahl der Touristen, die Sehenswürdigkeiten und den besten Spots für ein Instagramfoto hinterherjagen.

Das Ganze ist ein zweischneidiges Schwert: Die Besucher bringen Geld und wirtschaftlichen Aufschwung – und auf der andere Seite nehmen sie den Bewohnern Lebensqualität, indem sie Attraktionen, Cafés und Restaurants belagern und die Mietpreise in die Höhe treiben, weil immer mehr Wohnraum zu teuren Ferienwohnungen umfunktioniert werden. Und: Sie machen Müll.

"Overtourism" als internationales Problem

Ein Problem, das auch Berlin kennt. 13,5 Millionen Besucher kamen letztes Jahr – das ist viermal so viel, wie die Stadt Einwohner hat. "Übernutzung" nennen das die lokalen Politiker. "Overtourism" ist ein internationales Schlagwort. Aber vielleicht kann Tourismus auch eine gute Seite haben. Das testet aktuell ein Stadttourenanbieter: Bei "Sandmans New Europe“ gibt es eine Tour an den Überresten der Berliner Mauer – und danach ein Cleanup im Mauerpark. In orangen Warnwesten und mit Gummihandschuhen sammeln die Teilnehmer Müll auf.

Die Idee ist nicht neu: Ob beim "Drei Minuten Beach Clean" Müll am Strand aufzusammeln oder die Joggingrunde beim sogenannten "Ploggin“ mit der Mülltüte in der Hand absolvieren – Müllsammeln liegt im Trend. Ähnliche Müllsammel-Aktionen gab es laut dem Touranbieter schon in Edinburgh, Amsterdam, Paris und Barcelona. In Berlin kommt der Veranstalter auf 75 Teilnehmer. "Es ist immer erstaunlich, wie beliebt das ist", sagt Sandemans-Chef David O'Kelly.

Urlaub mit Sinn

Einheimischen Teilnehmern und Touristen gefällt vor allem der Sinn hinter der Aktion. Nicky Jenkins und Jo Tuna aus England wollen dem Ort, den sie besuchen, etwas zurückgeben. "Tourismus kann ein Problem sein", sagt Paolo Gruni, ein Schauspieler, der das aus seiner italienischen Heimat kennt. So eine Müllsammel-Tour fände er auch für Florenz gut. Aus Delhi ist die Studentin Hiral Arora dabei. Berlin sei dreckiger als andere europäische Städte, aber viel sauberer als Indien, sagt sie.

Die Wirtschaftsstadträtin von Berlin-Pankow, Rona Tietje, sieht die Chance, dass Einheimische und Besucher dabei ins Gespräch kommen. "Unser Ziel ist es, für nachhaltigen Tourismus zu sensibilisieren", sagt sie. Die Tour ist kostenlos. Im September sind noch zwei Termine geplant. Wenn es weiter gut läuft, könnte das Projekt fortgesetzt werden.

lau / dpa
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