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Massentourismus: Hass-Attacke im Urlaub: So habe ich die Wut auf Touristen in Lissabon erlebt

Eigentlich wollte unsere Autorin nur einen harmlosen Städtetrip machen. Doch in Lissabon bekam sie die Wut der Bewohner am eigenen Leib zu spüren – die haben nämlich genug vom Tourismus- und Instagram-Hype in ihrer Stadt.

Von Pia Schmücker

Lissabon

Unsere Autorin in einer einsamen Gasse in Lissabon. Die Bewohnerin rechts im Bild fühlte sich belästigt.

August 2019, Sommerferien in vielen Ländern Europas, Hauptreisezeit. Besonders beliebt: Städtetrips, bevorzugt in warme Länder und bitte mit möglichst kurzer Anreise. So haben auch eine Freundin und ich gedacht, als wir uns für sechs Tage eine Airbnb-Wohnung in der Lissaboner Innenstadt mieteten. Ich selbst wusste zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts über unser Reiseziel, hatte aber das Gefühl, dass die Stadt an der portugiesischen Küste momentan ein regelrechter Hotspot ist. Mein Recherchemittel zur Urlaubsvorbereitung? Instagram natürlich.

Die Old-School-Straßenbahnen, die süßen engen Gassen und die hübschen bunten Fassaden machten einen vielversprechenden Eindruck. Und ja, ich gebe es zu: Ich hatte schon den einen oder anderen Insta-Post vor Augen. Voller Vorfreude machten wir uns also auf den Weg in einen harmlosen Sommerurlaub - der uns jedoch schon bald mit den Schattenseiten des Tourismus konfrontierte. Aber von Anfang an:

Lissabon ist überfüllt – und die Bewohner sind sauer

Gleich am ersten Tag war unsere Mission, die Gegend zu erkunden. Alle hatten uns vorab die Bairro Alto (Altstadt) empfohlen. Der Taxifahrer vor Ort erzählte uns, dass die Tour mit der Straßenbahn 28 ein absolutes Highlight sei. Perfekt, dachten wir:  Erst mal einen Überblick verschaffen, indem wir gemütlich mit der Bimmel-Bahn durch die Stadt fahren. Dass das nichts wird, wurde sehr schnell klar. Direkt nach dem Frühstück waren wir in der Altstadt unterwegs, wo uns bereits die überfüllten Trams entgegenkamen.

Hektische Unterhaltungen in den verschiedensten Sprachen quer durch das Abteil, ein Umrangieren nach jedem Stopp, weil noch mehr Touristen zusteigen wollen und zwei Kinder, die ohrenbetäubend laut jaulen, weil sie stehen müssen, statt am Fenster zu sitzen: Dieses Sightseeing-Erlebnis hat an unseren Nerven so gezerrt, dass wir uns nach wenigen Stationen im Stadtteil Sao Miguel dazu entschieden, auszusteigen. Eine tolle Aussichtsplattform, die uns die Stadt zu Füßen legte, erwartete uns. Von dort aus führte eine kleine Treppe in ein beschauliches kleines Wohnviertel, wo schon nach wenigen Minuten - im wahrsten Sinne des Wortes - der erste Zusammenprall mit einer Anwohnerin stattfand.

Die Touristen werden aufs Übelste beschimpft

Ich stand in einer leeren Gasse, während meine Freundin Bilder von den kleinen Häusern machte, als eine Frau bepackt mit zwei Ikea-Tüten mit voller Wucht gegen mich lief und ein genervtes Stöhnen in meine Richtung abließ. Leicht verwirrt sah ich ihr wortlos hinterher. Nicht mal eine halbe Minute später kam aber der eigentliche Hammer: Eine kleine dunkelhaarige Frau schrie uns entgegen: "Oh wow, you are so fashionable!". Da ich immer noch kein Wort rausbekam, erwiderte meine Freundin: "What is your problem?“ Das Problem machte die Frau nur zu gern deutlich: "You are my f*** problem, you f*** tourists, coming to my neighbourhood everyday!", beschimpfte sie uns und schrie am Schluss noch: "Go back to your own country!" War das jetzt Rassismus? Wir blieben geschockt zurück.

Das Problem in Lissabon: Die Verhältnisse stimmen nicht. In der portugiesischen Hauptstadt leben rund 545.000 Einwohner, die unter den jährlich sechs Millionen Urlaubern leiden. Die Touristen bringen zwar viel Geld, Einheimische beklagen sich aber darüber, dass ihnen die Lebensqualität durch den Tourismus genommen wird. Während Cafés, Restaurants und Unterkünfte für uns preiswert erscheinen, wird das Leben für den Lissaboner Bürger, der im Durchschnitt monatlich unter 1000 Euro verdient, immer unerschwinglicher. Menschen, die ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht haben, werden aus ihren Wohnungen geschmissen. Der Grund: Eigenbedarf. Was meist bedeutet: Renovierung und für viel mehr Geld als Airbnb-Wohnung an Touristen vermieten. Ein klassischer Fall von Gentrifizierung also.

Mittlerweile wurden mehr als 3500 Wohnungen zweckentfremdet und die Stadt hat angefangen, Rechtsanwälte zu beschäftigen, die den Einwohnern, die ihren Lebensraum verlieren, zur Verfügung stehen sollen, wie unter anderem die "Deutsche Welle" berichtet.

Millionen Touristen auf wenige Einwohner – die Zahlen machen betroffen

Das Phänomen kennen wir bereits aus anderen europäischen Städten wie Amsterdam, Barcelona, Rom oder Venedig. Die Städte sind regelrecht von Touristen überschwemmt. 2016 hielt die Welt-Tourismus-Organisation fest, dass rund 1.2 Milliarden Menschen außerhalb ihres Heimatlandes Urlaub machten. Ähnlich wie in Lissabon nimmt vor allem in Barcelona der Hass gegen die Urlauber zu. Die 1,6 Millionen Einwohner müssen sich jährlich mit etwa 18,5 Millionen Touristen rumschlagen. In Amsterdam leben 864.000 Menschen, die sich die Stadt im Jahr mit zirka 12,9 Millionen Reisenden teilen. In Venedig sind es nur 261.000 Einheimische gegen 6,8 Millionen Touristen.

Wenn ich diese Zahlen sehe, kann ich die Anfeindungen der Anwohnerin absolut nachvollziehen. Die Medaille hat eben zwei Seiten: das Geld, dass die Stadt durch die Touristen einnimmt, und die Lebensqualität, die wir Reiselustigen den lokalen Bürgern nehmen. Besonders die Lissaboner fühlen sich von ihrer eigenen Regierung im Stich gelassen, da diese auf die wirtschaftlichen Aspekte setzt anstatt die Rechte der Einheimischen in den Vordergrund zu stellen.

Mich persönlich hat die Begegnung mit der aufgebrachten Bürgerin aus Lissabon sehr beschäftigt. Erst war ich sauer, dass wir ihren Hate abbekommen haben, obwohl wir in meinen Augen nichts falsch gemacht haben. Heute frage ich mich, wie man solche Missstände auch als Tourist verringern kann. Meiner Meinung nach liegt Verantwortung, die Bürger zu schützen, bei der Regierung. Und trotzdem will ich jetzt sensibilisierter an die Urlaubsort-Auswahl rangehen und habe mir vorgenommen, beim nächsten Mal eher Reiseziele auszuwählen, die nicht einem aktuellen Instagram-Hype zum Opfer gefallen sind.