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Heftige Debatte: Notre-Dame und die Frage, wann wir warum und wie sehr trauern

Der Brand von Notre-Dame hat eine beispiellose Welle der Anteilnahme in aller Welt ausgelöst. Das halten wiederum viele für übertrieben und unangemessen. Aber müssen wir uns wirklich dafür rechtfertigen, welche Ereignisse uns betroffen machen?

Notre-Dame

Kerze für eine Kirche: Kann man machen. Aber sollte man auch?

Keine Frage, eine brennende Kirche gibt ein einprägsames Bild ab. Erst recht, wenn es sich bei der betroffenen Kathedrale auch noch um ein nationales Symbol handelt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der Brand von Notre-Dame eine derartige Welle der Anteilnahme in aller Welt ausgelöst hat, vor allem auch unter jungen Menschen.

Das hält allerdings nicht jeder für angemessen und so wird seit Tagen hitzig darüber diskutiert, wann wir warum und wie sehr trauern sollten. Oder dürfen. Oder können. Der Kabarettist Philip Simon hat mit einem Facebook-Post die Debatte auf den Punkt gebracht. Eine Kirche brenne, niemand komme ums Leben, Europa stehe zusammen: "Präsidenten und deren Sprecher schicken trostspendende Nachrichten. Finanzielle Soforthilfen sind über Nacht organisiert."

Notre-Dame: Whataboutismus überall

Simon zieht den Vergleich zu einem anderen Drama, das sich Tag für Tag im Mittelmeer abspielt, wo Boote kentern und Tausende sterben: "Europa ist seit Jahren zerstritten. Präsidenten und deren Sprecher reden nicht darüber. Ehrenamtliche Seenotretter werden kriminalisiert."

Das Wertesystem bleibe ihm ein Rätsel, schreibt Simon.

Notre-Dame brennt und Paris singt und betet

Hat er recht oder macht er es sich mit diesem Vergleich zu einfach? Geht es ihm nur um den Effekt, handelt es sich hier bloß um die berühmten Äpfel und Birnen? In den letzten Tagen wimmelt es im Netz nicht nur von Beileidsbekundungen für Notre-Dame, sondern auch von Whataboutismus: Warum scheren wir uns nicht genau so um die kaputten Kulturdenkmäler von, sagen wir mal, Aleppo?

Und warum kommen binnen kürzester Zeit so viele Spendengelder für eine Kirche zusammen, nämlich 880 Millionen Euro in nicht einmal 48 Stunden nach dem Brand, wenn zum Beispiel Sea-Watch im gesamten Jahr 2017 nur 1,6 Millionen Euro sammeln konnte?

Es wirft auch ein seltsames Licht auf unsere Zeit, dass wir diese Zahlen überhaupt miteinander vergleichen. Aber auch Anteilnahme ist längst zum öffentlichen Vorgang geworden. Nur: Können und sollten wir unsere Trauer um Menschen oder Gegenstände, seien sie auch noch so symbolträchtig, wirklich gegeneinander aufwerten?

Eine Frage, auf die es keine allgemein gültige Antwort geben kann. Trauer und Betroffenheit sind extrem subjektive Empfindungen – und wenn uns die brennende Kathedrale von Paris näher geht als etwa die vom IS zerstörte Wüstenstadt Palmyra, ist das weniger eine Wertung als eine Frage der gesellschaftlichen und kulturellen Identität.

Die wichtige Frage nach unseren Werten

Trotzdem ist es wichtig, über Simons Vergleich zu diskutieren, so offen das Ergebnis dabei naturgemäß bleiben muss. Denn es geht bei seinem Denkanstoß und in der gesamten Debatte letztlich weniger darum, dass das Feuer von Notre-Dame so eine flächendeckende Wirkung entfaltet, sondern darum, warum andere, auch humanitäre Katastrophen, diese Wirkung eben nicht entfalten.

Es sei die Frage nach Humanismus beziehungsweise den so oft beschworenen christlichen Werten des Abendlandes, schreibt Philip Simon bei Facebook: "Welches Wertesystem wollen wir verkörpern und welches leben wir tatsächlich?" Und über diese Frage dürfen wir gerne auch dann noch diskutieren, wenn Notre-Dame längst wieder aufgebaut ist.