VG-Wort Pixel

Haiti Elend durch Corona-Pandemie: "Die Familien waren arm – jetzt stehen sie vor dem Nichts"

Kinder der Einrichtung "Ecole Notre Dame de la Médaille Miraculeuse"
Kinder der Einrichtung "Ecole Notre Dame de la Médaille Miraculeuse"
© Ecole Notre Dame de la Médaille Miraculeuse
Haiti war schon immer ein armes Land. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage für viele Menschen aber drastisch verschlechtert. Marie-Josée Franz leitet dort die Einrichtung "Ecole Notre Dame de la Médaille Miraculeuse" – und berichtet von der prekären Lage im Land.

Die Einrichtung "Ecole Notre Dame de la Médaille Miraculeuse" in Cap Haitien, Nord-Haiti, versorgt Kinder aus den benachbarten Elendsvierteln. Mehr als 350 Mädchen und Jungen, deren Eltern sich kein Schulgeld leisten können, werden dort unterrichtet. Außerdem gibt es ein Heim für Waisen und alleinlebende Kinder. Gegründet wurde die Schule 2001 von Claudette Leconte. Ihre Schwester, Marie-Josée Franz (64), kümmert sich von Deutschland aus um das Projekt. Mit ihr haben wir über die Lage vor Ort gesprochen

Frau Franz, Sie sind in Haiti aufgewachsen, leben aber seit vielen Jahren in Deutschland. Wann waren Sie zuletzt in der Einrichtung, die Ihre Schwester leitet?

Ich bin eigentlich jedes Jahr dort, um im Waisenhaus mitzuarbeiten, es gibt immer sehr viel zu tun. Wegen der Pandemie ist das zurzeit nicht möglich. Seit 2019 war ich nicht mehr dort.

Wie hat sich Lage im Zuge von Corona entwickelt?

Es ist schwer, konkrete Aussagen zu treffen, da es kaum Zahlen gibt, anhand derer sich das Infektionsgeschehen nachvollziehen ließe. Klar ist jedoch, dass während des Lock-Downs das Elend noch größer geworden ist. Sie sind darauf angewiesen, täglich rauszugehen und ihre Jobs zu erledigen. Die Familien waren arm – jetzt stehen sie vor dem Nichts.  Viele der Kinder sind nach den Ausgangssperren erst mal gar nicht wieder im Unterricht aufgetaucht.

Warum nicht?

Weil sie zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Sie werden zum Betteln geschickt, oder putzen auf der Straße Autoscheiben. Meine Schwester und die Mitarbeiter sind dann in die Viertel gegangen und haben sie gesucht.

Funktioniert das?

Ja, bei den meisten schon. Diese Kinder leben in einer Umgebung, die stark von Gewalt und Ausbeutung geprägt ist. Auch Banden-Kriminalität ist ein Problem, das mit Corona noch zugenommen hat. Die Schule ist für die Kinder nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch die einzige Möglichkeit, ein wenig Ruhe und Schutz vor ihrem harten Alltag zu finden. Bei uns lernen sie ein Leben kennen, in dem es um Freundschaft, Regeln und Werte geht.

Ihre Schwester hat 2001 mit der Schule begonnen. Was war die Grundidee des Projekts?

Bildung ist der einzige Weg, der aus der Armut führt, das wissen wir. Meine Schwester gehört einem katholischen Laienorden an. Aus dieser Gemeinschaft von Frauen, die gemeinnützig arbeiten, entstand der Wunsch, auch jenen Kindern Bildung zu ermöglichen, deren Eltern ihnen das nicht bieten können. Wissen Sie, arm war Haiti schon immer. Aber inzwischen droht die Gesellschaft regelrecht zu zerfallen. Die Gründe dafür sind vielfältig; sie liegen in der Politik, in der schwachen Wirtschaft, in der Abwesenheit staatlicher Kontrolle. Darum ist es so wichtig, dass Kinder, die unter extrem schweren Bedingungen aufwachsen müssen, etwas anderes kennenlernen. Nur so können sie sich weiterentwickeln und zu Menschen heranwachsen, denen Gemeinschaft etwas bedeutet.

Wie lange sind die Mädchen und Jungen in der Einrichtung? 

Vom Kindergarten bis zum mittleren Schulabschluss.

Zu der Einrichtung gehört auch ein Wohnheim. Welche Kinder sind dort untergebracht?

Zurzeit etwa vierzig Kinder, die wir als besonders gefährdet einstufen müssen, etwa, weil sie keine Eltern mehr haben oder zurückgelassen wurden. Einige von ihnen gehören zu jenen, die wir "Restavek-Kinder" nennen. Das kommt aus dem Französischen "rester avec", "bei jemanden bleiben".

Also Kinder, die von ihren Eltern abgegeben werden, weil sie sie nicht versorgen können?

Genau, das kommt häufig vor. Oftmals müssen diese Kinder jedoch nicht nur im Haushalt helfen – sie werden von den Familien oder Verwandten, die sie aufnehmen, leider auf schlimmste Weise ausgebeutet oder misshandelt. Einige von ihnen leben im Wohnheim, anderen besuchen lediglich die Schule. Meine Schwester und die Gemeindemitglieder arbeiten ehrenamtlich – aber die Lehrerinnen und Lehrer können nur weiter beschäftigt werden, wenn sie ihr Gehalt bekommen. Das ist zurzeit das Problem, das uns am meisten Sorgen bereitet.

Die Schule in Cap-Haitien ist dringend auf Unterstützung angewiesen, um weiterhin bedürftige Kinder in Nord-Haiti versorgen und unterrichten zu können. Wir leiten Ihre Spende weiter.

Stiftung stern e.V. - IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – Stichwort: "Haiti"; www.stiftungstern.de

rw

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker