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Champion ohne Kredit: Der ungeliebte Überspieler: Was haben die Tennis-Fans bloß gegen Novak Djokovic?

Novak Djokovic hat in einem epischen Finale gegen Roger Federer seinen fünften Wimbledon-Titel gewonnen und damit ein weiteres Argument geliefert, warum er vielleicht der beste Spieler aller Zeiten ist. Aber der größte Gegner sitzt für den Serben seit jeher auf der Tribüne.

Novak Djokovic

"Ich habe mir einfach vorgestellt, sie würden 'Novak, Novak' rufen": Djokovic nach dem Wimbledon-Finale gegen Roger Federer

Am Ende hatte Novak Djokovic nicht einmal mehr die Kraft zu jubeln. Nach fast fünf Stunden und fünf Sätzen, in denen er Roger Federer in einem dramatischen Wimbledon-Finale 2019 niedergerungen hatte, konnte er sich nur noch zu einer kühlen Umarmung mit dem Kontrahenten aufraffen.

Wobei, das stimmt nicht ganz: Da war noch dieses freche Lächeln, das seine Lippen kurz umspielte, und es erzählte viel über die Geschichte des vorangegangenen Matches, vielleicht sogar über die ganze Karriere des großen Serben, der nun als aktueller Weltranglistenerster fünf Wimbledon-Titel und insgesamt 16 Grand-Slam-Triumphe vorweisen kann. Denn dieses freche Lächeln war auch ein bisschen fatalistisch.

Novak Djokovic, der Spieler ohne Schwäche

Aber warum dieser Anflug von Bitterkeit in seiner Mimik, ausgerechnet im Moment des größten Triumphes? Nun, weil das Endspiel zuvor als Sinnbild für den ewigen Kampf des Novak Djokovic funktioniert – nämlich jenen Kampf um die Gunst der Fans rund um die Welt. Denn überspitzt gesagt sitzt der größte Gegner dieses kompletten Spielers seit jeher auf der Tribüne.

Wieder einmal hat Djokovic in diesem Wimbledon-Finale bewiesen, was ihn ausmacht: Seine Nervenstärke, mit der er im fünften Satz sogar zwei Matchbälle abwehrte, ist in der Geschichte des Tennissports wohl ebenso einzigartig wie Djokovic' grundsätzlicher Vorteil, dass er wohl der einzige Spieler ohne nennenswerte Schwäche auf der Tour ist. Der 32-Jährige ist das Gesamtpaket.

Aber wieder einmal stand ein Großteil der knapp 15.000 Zuschauer auf dem Centre Court in Wimbledon lautstark hinter dem Maestro aus der Schweiz, feierte ihn euphorisch an und ließ sich zwischenzeitlich sogar zu Buhrufen gegen den "Djoker" hinreißen. So ergeht es Djokovic seit Jahren, wenn er irgendwo auf der Welt gegen Federer oder Rafael Nadal antritt. Von den alles dominierenden "Big 3" ist er der ungeliebte Dritte, während den anderen Beiden allerorten Sympathie und Verehrung nur so zufliegen.

Warum das so ist, lässt sich nur schwierig an Fakten festmachen. Zwar eilte Djokovic in der Frühphase seiner Karriere der Ruf voraus, zu unsportlichen Psycho-Spielchen zu neigen und lieber eine medizinische Timeout zu viel zu nehmen, weshalb sich der frühere US-Profi Andy Roddick einmal sogar fast mit ihm geprügelt hätte.

Grundsätzlich ist Djokovic aber eigentlich ein Typ, der durchaus das Zeug zum Publikumsliebling hat: Er ist für viele Späße zu haben, kann zum Beispiel die Marotten anderer Spieler ziemlich gut imitieren, er engagiert sich ausdauernd für wohltätige Zwecke, und seine sportlichen Qualitäten sind selbst in der Ära von Federer und Nadal einzigartig. Djokovic ist ein stahlharter Kämpfer, der sich trotzdem nicht scheut, auch mal seine weiche Seite zu zeigen.

Aber sobald es gegen Federer oder Nadal geht, wird er für die Tennis-Fans zum Champion ohne Kredit. Daran hat er seit Jahren zu knabbern, das hat auch sein früherer Trainer Boris Becker erst kürzlich bestätigt: "Es gab eine Zeit, da hat ihn das sehr gestört."

Aber nicht zuletzt das gestrige Finale hat eindrucksvoll gezeigt, wie Djokovic inzwischen Kraft aus der Zurückweisung zieht: "Ich habe mir in den Momenten, wenn die Zuschauer 'Roger, Roger' gerufen haben, einfach vorgestellt, sie würden 'Novak, Novak' rufen."

"Der Bösewicht, der nichts falsch gemacht hat"

So geriet das Match selbst für einen mental so herausragenden Spieler wie Djokovic zur besonderen Herausforderung: "Es war das Spiel, das mir in meinem ganzen Leben psychisch am meisten abverlangt hat", sagte der Sieger, der immerhin im Finale der Australian Open 2012 gegen Rafael Nadal ein ähnlich denkwürdiges Marathon-Match absolviert hatte, hinterher.

Der Kampf um die Liebe der Fans ist vielleicht der einzige, den Novak Djokovic nicht gewinnen kann, weil dieser Kampf keinen rationalen Maßstäben folgt. Der Weltranglistenerste wird sich bis auf weiteres damit abfinden müssen, dieser Tage sicher der beste, aber nicht der beliebteste Spieler der Welt zu sein.

Auch wenn seine Popularität mit rund 14 Millionen Followern in den sozialen Netzwerken trotzdem beeindruckend ist, so gilt doch gerade im Vergleich mit der direkten Konkurrenz die schon einige Jahre alte Einschätzung von John McEnroe über Novak Djokovic: "Er ist der Bösewicht, der nichts falsch gemacht hat."

Und das ist noch eine Untertreibung: Nicht nur hat Djokovic nichts falsch gemacht. Vor allem hat er mehr richtig gemacht als die meisten anderen Spieler in der Geschichte seines Sports. Zumindest auf dem Platz. Und das ist der einzige Ort, der wirklich zählt.

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