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Proteste in Hongkong: Mit Hemd und Hornbrille: Diese Millennials sind die führenden Köpfe des Widerstandes in Hongkong

Seit zwei Monaten demonstrieren Menschen in Hongkong für mehr demokratische Rechte und gegen eine Einflussnahme durch China. An der Spitze des Widerstandes kämpfen vor allem Millennials für die Zukunft einer Generation.

Joshua Wong, Nathan Law und Alex Chow (v.l.) gehören zu den führenden Köpfen der aktuellen Proteste in Hongkong

Joshua Wong, Nathan Law und Alex Chow (v.l.) gehören zu den führenden Köpfen der aktuellen Proteste in Hongkong

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Kurzhaarfrisur, Nickelbrille, adrettes Hemd: Wer sich die Profil-Bilder von Joshua Wong und Nathan Law aus Hongkong bei Twitter anschaut, sieht zwei junge Studenten in ihren Zwanzigern, die wahrscheinlich gerade an jeder Uni der Welt unterwegs sein könnten. Aber ihre jugendliche Erscheinung täuscht über ihre politischen Erfahrungen hinweg – beide waren Teil studentischer Proteste im Jahr 2014 und saßen dafür schon im Gefängnis. Und Nathan Law war mit 23 Jahren jüngstes Mitglied im Legislativrat Hongkongs. Nun stehen die beiden Vertreter der Generation Y an vorderster Front der aktuellen Proteste in Hongkong.

Auf Twitter teilen sie Artikel und Videos zu den Ereignissen, nutzen die Plattform für Stellungnahmen und zum Aufruf an die weltweite Öffentlichkeit. "Das sind mehr als eine Million Menschen, die protestieren. Sag nein zur Auslieferung an China! Ich bin stolz, Hongkonger zu sein", titelt das erste Video auf Laws Twitter-Account.

Auslöser der Proteste: Das Auslieferungsabkommen mit China

Seit Wochen protestieren Bürger in Hongkong gegen ihre Regierung und fordern demokratische Reformen in ihrem Land. Die Stimmung ist aufgeheizt: Menschen gehen nicht zur Arbeit, Geschäfte bleiben geschlossen und Demonstranten blockierten schließlich sogar den Flughafen. Die Polizei geht mit Härte und Tränengas gegen die Demonstranten vor, Regierungschefin Carrie Lam sagte, Hongkong werde "an den Rand einer gefährlichen Lage gebracht".

Auslöser für die Proteste, die seit über zwei Monaten andauern, war ein Gesetzentwurf der Regierung, der die Auslieferung von Kriminellen an China erleichtern sollte. Hongkong war einst britische Kronkolonie und ist seit 1997 eine Sonderverwaltungszone Chinas. Offiziell gehört die Region damit zur sozialistischen Volksrepublik, hat aber ein eigenes Grundgesetz und ein kapitalistisches Wirtschaftssystem. Doch durch das neue Gesetz sahen die Demonstranten in Hongkong ihre Autonomie in Gefahr und fürchteten mehr Einflussnahme aus Peking. Obwohl das umstrittene Papier mittlerweile auf Eis liegt, haben sich die Proteste zu einer Bewegung entwickelt, die demokratische Reformen für ihr Land fordert.

Junge, pro-demokratische Bewegung

An ihrer Spitze stehen vor allem junge Hongkonger wie Law und Wong, die die Interessen ihrer Generation vertreten. Zusammen mit Agnes Chow sind sie die Führungsriege von "Demosisto", einer pro-demokratischen Gruppe von Aktivisten, die aus einer Studentenbewegung hervorgegangen ist. Schon 2014 forderten viele junge Menschen im sogenannten "Umbrella Movement", der Regenschirm-Bewegung, mehr Mitspracherecht und demokratische Reformen. Ihre Proteste blieben ungehört, Wong und Law mussten im Jahr 2017 mehrere Monate ins Gefängnis.

Laut einer Studie der Hong Kong University gaben nur neun Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, stolz auf die Chinesische Staatsbürgerschaft zu sein. Unter den über 50-Jährigen sind es immerhin 38 Prozent. Hongkongs Millennials wollen mitwirken an der Politik und fordern Veränderungen.

"Welche Art von jungen Menschen bringt Hongkong hervor?", schrieb Wong bei Twitter als Reaktion auf die aktuellen Proteste. "Sie sind smart, effizient, aufmerksam und freiheitsliebend". Er sei stolz auf ihren Aktivismus und wisse nach seiner Zeit im Gefängnis, was vielen noch bevorstünde. Nathan Law teilte ein Bild, dass ein junges Pärchen in inniger Umarmung während der Proteste zeigt und schrieb dazu: "Für all diejenigen, die behaupten, Hongkongs Youngster seien nur Krawallmacher".

Auf Social Media kritisieren sie ihre Regierung und die Polizeigewalt mit deutlichen Worten: "Die Polizei und ein chinesischer Mob regieren Hongkong. Sie schlagen Bürger und versuchen, die Menschen zu bedrohen. Schande über die Regierung", postete Law zum Beispiel auf Twitter.

Doch ähnlich wie bei der weltweiten "Fridays for Future"-Bewegung reicht ihr Anliegen über die aktuelle Situation hinaus. Nach dem Ende der britischen Herrschaft legte die chinesisch-britische Erklärung fest, dass die Honkonger ihre Rechte für 50 Jahre als Sonderverwaltungszone behalten dürfen – diese Vereinbarung läuft 2047 aus.

"Wenn es nur einen Aspekt gibt, den die Welt aus diesen Demonstrationen mitnehmen soll", schreibt Joshua Wong bei Twitter, "dann diesen: Die Ereignisse in Hongkong sind mehr als das Auslieferungsabkommen mit China, mehr als Regierungschefin Lam und mehr als bloße Demokratie. Sie sind alle wichtig. Aber am Ende geht es um die Zukunft Hongkongs nach 2047, eine Zukunft, die unserer Generation gehört."