Es gebe in Ostdeutschland "eine schwächere Zivilgesellschaft". Das könne man an der Zahl der Vereine, an der Zahl der aktiven Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen des gesellschaftlichen Raums bemessen. Hinzu komme die Verunsicherung in der Phase der Wiedervereinigung.
Aber auch im Westen gebe es Wahlkreise mit hoher AfD-Wählerschaft und Zuspruch für populistische Kräfte. "Der Populismus nährt sich auch aus dem Misserfolg der gewählten Politiker", sagte Gauck. "Wenn du längere Zeit deine demokratisch gewählte Regierung als zu unentschlossen erlebst – das ist ein Punkt." Ebenfalls als ursächlich nannte er die Intensität des gesellschaftlichen Wandels und Krisen.
Für die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland machte Gauck eine unterschiedliche Grundhaltung der Menschen in Ost und West mitverantwortlich. Im Westen seien nach zwölf Jahren Nazidiktatur noch genügend Leute da gewesen, "die wussten, wie Demokratie geht". "Zwölf Jahre Anpassung und Unterwerfung verlernen sich schneller als 56 Jahre unter Anpassung und Unterwerfung", sagte Gauck mit Blick auf die SED-Herrschaft im Osten.