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Deutsche Wirtschaft trotzt der Krise

Trotz guter Aussichten für die deutsche Wirtschaft warnen die führenden Wirtschaftsforscher vor einem Nachlassen des Reformeifers.

Trotz guter Aussichten für die deutsche Wirtschaft warnen die führenden Wirtschaftsforscher vor einem Nachlassen des Reformeifers. Die Schuldenkrise in Europa schwele weiter und könne sich jederzeit wieder verschärfen, warnten die Forschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten. Ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr erhöhten die Institute leicht.

2012 wird die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher um 0,9 Prozent wachsen. Bislang hatten sie mit einem Plus des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 0,8 Prozent gerechnet. 2013 werde das BIP dann um 2,0 Prozent zulegen, sagten die Ökonomen voraus.

Die Beschäftigung dürfte demnach in beiden Jahren weiter steigen, die Arbeitslosigkeit zurückgehen. Dieses Jahr dürfen im Schnitt demnach noch 2,8 Millionen Menschen ohne Arbeit sein. Die Arbeitslosenquote sinke von 7,1 Prozent 2011 auf 6,6 Prozent in diesem und 6,2 Prozent im kommenden Jahr.

Die Wirtschaftsforscher rechnen zudem mit weiter steigenden Löhnen. Im Schnitt dürften sie in diesem und kommenden Jahr demnach um über drei Prozent zulegen. Allerdings bleibe auch die Inflationsrate hoch bei über zwei Prozent.

Die Neuverschuldung wird der Prognose zufolge weiter zurückgehen: Das Defizit, das 2011 noch 1,0 Prozent betrug, dürfte demnach auf 0,6 Prozent 2012 und 0,2 Prozent 2013 sinken. Deutschland sei auf einem guten Wege, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse planmäßig bis 2016 einzuhalten, sagte Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Die akuten Risiken für die Weltkonjunktur seien deutlich gesunken, erklärten die Institute. Trotzdem sei die europäische Vertrauens- und Schuldenkrise "nach wie vor nicht gelöst und stellt ein großes Risiko für die Weltwirtschaft dar".

Kritisch werteten die Forschungsinstitute "das derzeit zu beobachtende Erlahmen der Konsolidierungsanstrengungen". Eine Stabilisierung der Lage in den hoch verschuldeten Staaten wie Italien, Spanien und Irland sei nur zu erreichen, "wenn die geplanten Reformen auch wirklich greifen und es zu keinem erneuten Vertrauensverlust an den Kapitalmärkten kommt". Die Bundesregierung ermahnten sie, konjunkturbedingte Mehreinnahmen und Minderausgaben seien kein Ersatz für strukturelle Reformen.

Die Forscher kritisierten, die Euro-Staaten hätten sich bislang "offenbar darauf verlassen, dass die EZB im Notfall einspringt". Die hohen und langlaufenden Kredite zu extrem niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank an Finanzinstitute hätten zu "massiven Verwerfungen und damit volkswirtschaftlichen Kosten an anderer Stelle geführt".

Uneinig waren sich die Institute allerdings in der Frage, welche Rolle die EZB im Kampf gegen die Krise in Zukunft spielen soll. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung aus Essen (RWI) setzten sich dafür ein, dass die Zentralbank weiterhin Staatsanleihen von Krisenstaaten aufkauft, um auf diese Weise die Zinslast zu senken. Das Münchener Ifo-Institut und das IfW fürchten allerdings, dass dadurch der Reformdruck sinken könnte.

AFP / AFP