HOME

Vorlesegeschichte: Ella und die tränentrinkenden Schmetterlinge

Eine Vorlesegeschichte von Nora Gantenbrink • Illustrationen von Elsa Klever • Vorlesezeit: 8 Minuten • für Kinder ab 5 Jahren

Kennt ihr ein Mädchen namens Ella Bohnenkemper? Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in einer großen Stadt, zusammen mit ihrer Mutter Beate Bohnenkemper. Ellas Papa wohnt leider seit einem Jahr in einer anderen Stadt namens Bremen, weil er und die Mama sich nicht mehr lieb hatten. Ella ist sechs Jahre alt, geht in die erste Klasse, hat braune Haare bis zum Kinn und eine Stupsnase. Ella liebt Erbsen mit Ketchup und Dinosaurier und sie interessiert sich für die Entstehung der Welt, deshalb besitzt sie auch mehrere Dinosaurier-Lexika und Sachbücher über die Natur. Ein Buch hatte sie gerade ganz neu, es heißt: „Wunder der Tierwelt“. Jeden Abend lasen Ella und ihre Mama in dem Buch. Meistens las die Mama es Ella vor. So auch an diesem Abend. Ella lag schon in ihrem Schlafanzug im Bett und die Mutter saß auf der Bettkante und sie schlugen gemeinsam die Seite 48 auf und die hatte die Überschrift: „Amazonas-Regenwald: Schmetterlinge trinken Schildkrötentränen“. Auf der Seite war ein Foto zu sehen. Auf dem Foto war eine Schildkröte zu sehen und um ihren Kopf flatterten tatsächlich mindestens zwanzig oder dreißig Schmetterlinge. „Lies vor Mama“, drängelte Ella. „Ist ja gut“, sagte Beate Bohnenkemper und fing an:„Es ist nicht ungewöhnlich Schmetterlinge rund um die Köpfe von Terekay-Schienenschildkröten schwirren zu sehen. Doch was genau dort im westlichen Amazonas-Regenwald von Peru passiert, klingt sonderbar: Die Schmetterlinge trinken die Tränen der Reptilien. Denn das darin enthaltene Natrium ist gut für die Schmetterlinge.“ Dann las die Mama vor, dass Terekay-Schienenschildkröten bis zu acht Kilo schwer werden können und dass die Weibchen bis zu 35 Eier legen. Aber all das fand Ella überhaupt nicht so spannend wie die Sache mit den tränentrinkenden Schmetterlingen.

„Mama“, schrie Ella und sprang auf.

„Ich habe eine Idee! Stell dir doch mal vor, dass es das auch bei uns Menschen gibt!“

„Wie meinst du das?“

„Na, das ist doch klar. Also schau mal: Es gibt doch so viele traurige Menschen, Mama. Die Greta war doch letztens so traurig, als ihr Hamster, der Frodo, starb oder ich, als der Papa ausgezogen ist. Da haben wir doch beide viel geweint. Und weißt du noch, als wir diesen einsamen Mann mit Hut im Bus gesehen haben? Stell dir doch mal vor, man läuft durch die Straße oder sitzt im Klassenzimmer und muss weinen. Und dann kommt ein Schwarm roter Schmetterlinge plötzlich aus dem Nichts angeflogen, setzt sich auf dein Gesicht und trinkt deine Tränen aus. Und ihre Flügel kitzeln dir an der Nase und du musst kichern, obwohl du traurig bist und dann fliegen sie schon wieder davon.“

Ellas Mutter überlegte kurz, dann sagte sie: „Ja, Ella, es bringt aber doch nichts darüber nachzudenken, ob es schön wäre, wenn es das auch bei uns gäbe, weil es halt einfach nicht so ist. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Nur weil man sich etwas wünscht, wird es noch lange nicht Wirklichkeit und das musst auch du lernen.“

„Wie meinst du das, Mama?“

„Schmetterlinge trinken nun mal keine Menschentränen! Und das hier ist eine große Stadt, nicht der Amazonas.“

„Ja, aber, Mama …“

„Ich weiß, was du sagen willst. Es ist auch eine gute Idee von dir. Aber du musst dir jetzt nicht deinen Kopf darüber zermartern. Du schläfst jetzt, es ist schon spät.“

Und dann gab Ellas Mama ihr einen Kuss, knipste die Nachttischlampe aus, sagte „Schlaf schön, kleine Maus“ und ging raus. Im Dunkeln lag Ella noch wach, auch als die Mama schon draußen war. Erwachsene konnten manchmal richtig doof sein. Sie machten einem so oft etwas kaputt oder fanden komische Ausreden. Außerdem hatte sie ihrer Mutter schon mehrmals gesagt, dass sie keine kleine Maus war, sondern ein Mensch.

Ella knipste ihre Nachttischlampe wieder an, zog das zugeklappte Buch vom Boden hoch und schlug es wieder auf. Also genau die Seite, auf der die Schildkröte drauf war und das Bild mit den vielen Schmetterlingen um ihren Kopf herum. Es war eins der schönsten Fotos, das sie jemals gesehen hatte. Sie streichelte mit ihrer Hand über die kleinen roten Schmetterlingsflügel und über den Schildkrötenkopf auf dem Papier. Und dann flüsterte sie: „Schmetterlinge trinken wohl Menschentränen.“

Am nächsten Morgen brachte ihre Mutter Ella wie immer in die Schule und fuhr dann zu ihrer Arbeit, während nicht weit entfernt eine gute Idee Wirklichkeit wurde.

Eine junge Frau namens Lina Schäfer lief durch die grauen Straßen der Großstadt und versuchte auf die anderen Menschen um sie herum nicht zu achten, denn Lina Schäfer war traurig. Gerade hatte sich ihr Freund von ihr getrennt und das fühlte sich für Lina so furchtbar an, so wie Bauchschmerzen, aber nicht im Bauch, sondern ein Stück höher, ungefähr da, wo das Herz ist. Eigentlich musste Lina Schäfer in die Universität, aber sie wollte nur nach Hause in ihr Bett und in Ruhe weinen, aber dann kam alles anders.

Schon an der nächsten Straßenecke tropften die ersten Tränen auf ihre Lederjacke. Aus ein paar Tränen wurde ein Rinnsaal. Wie ein Strom lief ihr das Wasser aus den Augen, sie konnte nichts dagegen tun.

Lina Schäfers Augen waren so verquollen und voll von Tränen, dass sie zunächst gar nichts bemerkte. Ganz leise setzen sie sich auf ihre Wangen, auf ihre Haare, einer sogar auf ihre Nase. Lina war so überrascht, dass sie einfach nur dastand und dem Flügelschlagen der roten Schmetterlinge zuhörte, die plötzlich um ihren Kopf schwirrten, warum auch immer, sie verstand es ja selbst nicht. Träumte sie etwa?

Lina spürte, dass ihr Gesicht nicht mehr so kalt und nass war. Na, gab es denn tatsächlich so was? Und dann, auf einmal, so schnell wie sie gekommen waren, waren die Schmetterlinge auch schon wieder verschwunden. Lina fasste an ihre Wangen. Warm und trocken. Tränentrinkende Schmetterlinge. Das würde ihr doch kein Mensch glauben.

Ein Frührentner hatte alles von der anderen Straßenseite aus beobachtet und ein Foto gemacht. „Wahnsinn“, schrie er immer wieder. Und: „Das verkaufe ich der Presse.“

Tatsächlich stand am nächsten Tag eine große Geschichte in der Zeitung. Mit Foto von Lina Schäfer, umflattert von Schmetterlingen. „Rätsel um Schmetterlingsfrau“ hieß es in der Überschrift. „Trinken die Tiere etwa ihre Tränen?“ Die ganze Stadt war in großer Aufregung und die legte sich auch erst mal nicht. Denn in den nächsten Wochen kam es über fünftausend Mal zu Begebenheiten dieser Art.

An einem Morgen hatte ein kleiner Junge seinen Teddy verloren. Weinend lief er durch die Straße. Als die Schmetterlinge ihm die Tränen wegtranken, sah er wieder klar – und fand seinen Stoffbären. Abends weinte ein Opa am
Todestag seiner Frau auf der grünen Samtcouch seines Wohnzimmers, als sie einer nach dem anderen durch das gekippte Fenster flogen. Am nächsten Tag kamen einem 12-jährigen Mädchen wegen einer Fünf in Englisch die Tränen. Und immer wieder berichteten die Menschen von einem Schwarm, der wie aus dem Nichts erschien und dorthin wieder verschwand. Alle beteuerten, dass sie glaubten, zu träumen. Und dass die Tiere ein Glück für sie waren, ja, ein Trost.

Journalisten befragten Schmetterlingsexperten woher die Tiere überhaupt kamen, aber niemand wusste eine Antwort. Abends traute sich Beate Bohnenkemper endlich Ella zu fragen, was sie mit der Sache eigentlich zu tun habe. Und Ella sagte: „Mama, ich habe es mir einfach vorgestellt.“

Es gab noch ein paar weitere Menschen, die von roten Schmetterlingsschwärmen berichteten, die ihre Tränen tranken, aber dann kamen die Sommerferien und es wurde etwas ruhiger in der großen Stadt. Viele Menschen glaubten, dass es jetzt vorbei war. Es gab eine Sondersendung im Fernsehen dazu, in dem ein Professor von einem „vorübergehenden Phänomen“ sprach. Und er bedauerte, dass es leider seinen Mitarbeitern nicht gelungen sei, ein Exemplar der besonderen Insekten zu Forschungszwecken einzufangen.

Beate Bohnenkemper sah Ella so komisch von der Seite an, als sie die Sondersendung zusammen im Fernsehen schauten. Aber Ella sagte nichts. Sie wusste, dass all diese Menschen sich täuschten. Tränentrinkende Schmetterlinge waren keine Forschungsobjekte, sie waren gekommen, um zu trösten. Und sie waren sehr schlau. Als sie merkten, dass man Jagd auf sie machte, da wandten sie einen alten Trick an. Sie wurden unsichtbar. Verschwunden sind sie noch lange nicht.

Wer ganz genau hinhört, der kann das leise Schlagen ihrer Flügel noch heute hören und ihre Füße auf der Haut spüren. Ein sanftes Kribbeln. Ein leichtes Kitzeln. Ein kaum hörbares Flattern.

Nora Gantenbrink,29, ist Reporterin beim Stern und Autorin des Buchs „Verficktes Herz & andere Geschichten“ (rororo, 12,90 Euro). Sie hat noch keine Kinder. Aber eine Schildkröte.

Noch mehr tolle Nido-Vorlesegeschichten findet ihr hier.