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Gesellschaft: Wir wollten besser leben

Im April hatten sich sechs Nido-Autoren einiges vorgenommen: Sie wollten jeder für sich etwas unternehmen, um die Welt zu einem ein klein wenig besseren Ort zu machen. Jetzt haben wir nachgefragt, was aus den Vorhaben denn geworden ist. Die Bilanz fällt, ähm, durchwachsen aus.


Endlich zu einer Ökobank wechseln

Alena Schröder, 37, lebt mit Mann und zwei Söhnen, 7 und 5, in Berlin.

Alena Schröder, 37, lebt mit Mann und zwei Söhnen, 7 und 5, in Berlin.

Endlich zu einer Ökobank wechseln - das hatte ich mir vor einem guten halben Jahr vorgenommen. Eigentlich keine große Sache: ein neues Konto eröffnen, nach und nach alle Auftraggeber informieren, Lastschrifteinzüge. Das Ganze wäre mit einem halben Tag Arbeit erledigt, und ich wüsste mein weniges Geld in guten, ethisch einwandfreien Händen. Und trotzdem habe ich es immer noch nicht getan. Zu meiner Verteidigung kann ich nichts weiter vorbringen als: Es ist halt immer irgendwas!

Wenn ich mal einen halben Tag Zeit habe, fallen mir immer dringlichere Dinge ein, die schnell erledigt werden müssen. Und so reiht sich der Bankwechsel ein in meine Sammlung ewiger guter Vorsätze, gleich hinter „Blut spenden gehen“ und „endlich mehr Sport treiben“. Doch meine aktuelle Bank soll sich bloß nicht zu sicher fühlen: Bald ist Silvester, das Festival der guten Vorsätze. Und direkt danach ist meine Motivation, diese auch umzusetzen, am höchsten. Ich gebe also noch nicht auf.

Besser Konsumieren

Greta Taubert, 32, lebt mit Freund und Tochter, 5, in Köln.

Greta Taubert, 32, lebt mit Freund und Tochter, 5, in Köln.

Im vergangenen Jahr führte ich meine fünfjährige Tochter an das konsumreduzierte Leben stückweise heran. Wenn wir auf ein Gemüsefeld fuhren, sagte ich: Komm, wir spielen Gärtnerinnen. Sie bekam einen kleinen Holzkorb und durfte Möhren oder Mangold ernten. Statt Klamotten immer nur zu shoppen, kramte sie in den Kisten von Umsonstläden. Statt Spielzeug zu kaufen, bekam sie eine Bibliothekskarte. Meine Tochter lernte, dass Teilen ein ganz natürliches Prinzip des Zusammenlebens ist. Wenn ich sagte, dass in unserem Freundeskreis ein neues Baby geboren worden ist, suchte sie ungefragt in ihrem Zimmer nach etwas, das sie weitergeben wollte. Und wenn beim Mittag oder Abendbrot noch eine große Portion im Topf übrig blieb, überlegte sie selbstständig, wem wir das in der Nachbarschaft bringen könnten. 

„Komm, wir spielen wieder ein Spiel“, sagte ich dann vor Kurzem zu meiner Tochter, weil ich mir vorgenommen hatte, sie mitzunehmen in meine Kommune, in das wilde Bauwagenleben. Das Spiel hieß „Onkel Thomas’ Hütte“. Onkel Thomas wohnt in der Peripherie von Berlin in einem Bauwagen mit einem großen Bett, einer winzigen Couch, einem Holzofen, einem Wasserkanister, zwei Herdplatten. Als ich vor einigen Jahren während eines einjährigen Konsumstreiks aus der Überflussgesellschaft ausgestiegen bin, war der Bauwagen der ultimative Rückzugsort. Ich lebte dort von containerten Lebensmitteln, hackte Feuerholz, übte mich in Genügsamkeit, allein, weil ich nicht wusste, wie ein Kind auf diese Form urbaner Autarkie reagieren würde.

Als wir in Onkel Thomas’ Bauwagen ankamen, war es ein kalter Tag. Der Ofen rußte, der Kühlschrank war leer. Es gab kein Wasser. Ich gab mein Bestes, um meine Tochter von der Abenteuerlichkeit unseres Ausflugs zu überzeugen. Es gab immer Nudeln mit Ketchup. Die Sache mit der Körperhygiene nahmen wir auch nicht so genau. Aber sie saß fast apathisch im Wagen. In der Nacht schrie sie im Schlaf. Ich bekam Panik: War ich zu weit gegangen? Am nächsten Morgen entschuldigte ich mich bei ihr. Sie müsse keine Abenteuer mehr erleben. Da sagte sie ganz tonlos: „Ich habe schon viele Abenteuer erlebt. Sie sind alle durch mein Herz geschwommen. Das reicht mir.“

Besser kein Fleisch essen

Rahel Zander, 35, Bildredakteurin bei Nido, lebt mit Mann und zwei Töchtern, 6 und 4, in Lübeck.

Rahel Zander, 35, Bildredakteurin bei Nido, lebt mit Mann und zwei Töchtern, 6 und 4, in Lübeck.

Wir sind entgegen unserem Vorhaben doch keine Vegetarier geworden. Wir haben es versucht, aber der Hunger auf Lasagne, Spaghetti bolognese und Burger war einfach zu groß. Zudem ist meine ältere Tochter sehr wählerisch mit dem Essen, und Fleisch ist für sie ein wichtiger und schwer ersetzbarer Nährstofflieferant. Im Alltag ist es dann leider doch viel leichter, auf bewährte und bei den Kindern beliebte Rezepte zurückzugreifen. Ich muss aber dazusagen, dass unser Fleischkonsum schon vor unserem Selbstversuch sehr gering war. Mein Mann und ich essen keine Wurst, auch Steaks gibt es nie, Fisch und Hack nur selten – und wenn, dann nur vom Bioladen.

Ich versuche weiterhin, mit tierischen Nahrungsmitteln bewusst umzugehen und mir zu vergegenwärtigen, dass ich als Konsument mitverantwortlich bin für die Lebensumstände der Tiere. „Meine Tochter lernte, dass Teilen ein ganz natürliches Prinzip des Zusammenlebens ist“

Besser mit den Alten umgehen

Nataly Bleuel, 48, lebt mit Mann und zwei Söhnen, 13 und 11, in Berlin.

Nataly Bleuel, 48, lebt mit Mann und zwei Söhnen, 13 und 11, in Berlin.

Kürzlich rief mein alter Nachbar Herr R. an und bat um Hilfe. Wir hatten, seit ich mir vorgenommen hatte, nicht mehr vor den Alten davonzulaufen, kein einziges Mal bei Kaffee und Kuchen zusammengesessen. Lag es an mir? Oder war dieser mittlerweile sehr gebrechliche Mensch nicht auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt? Herr R. hatte laufend Termine, Zahn-OP, Erblindung, Augenarzt. Er schien auf der Türschwelle beinah so gestresst wie ich. Aber dann bat er mich, ihn zu seiner Frau zu bringen, sie war vorübergehend im Pflegeheim. Und so hat mir der blinde alte Mann den Weg gewiesen, mich ins Zimmer seiner Frau geschoben und geflüstert: „Jetzt sagen Sie ihr Guten Tag, da freut sie sich!“ So kamen wir ins Gespräch. Ich kann also leider nicht behaupten, ich hätte meinen Vorsatz von selbst erfüllt. Man musste mich darum bitten. Aber auch deswegen, weil ich mich in den letzten Monaten plötzlich sehr intensiv um einen anderen alten Menschen gesorgt habe: meinen eigenen Vater.

Besser Politik mitgestalten

Sebastian Kretz, 33, lebt mit Frau und Sohn, 1, in Berlin

Sebastian Kretz, 33, lebt mit Frau und Sohn, 1, in Berlin

Kürzlich habe ich hier verkündet, ich müsse dringend in die SPD eintreten. Ich bin nicht in die SPD eingetreten. Ich habe auch erklärt, die Ausrede „keine Zeit“ gelte fortan nicht mehr. Hier aber gilt sie – Ausnahmefall: Ich habe ein Haus renoviert und bin mit meiner Familie dort eingezogen. Das war, neben meiner eigentlichen Arbeit, viel Arbeit. Außerdem liegt das Haus in einem neuen Bezirk; ich wäre damals in den falschen Ortsverein eingetreten.
Ich bin aber auch zu einem politischen Vorbehalt gelangt: Ich mag die Große Koalition nicht. Eine rot-rot-grüne Koalition würde ich auch nicht mögen. Ich bin ein liberaler Sozi (liberal bitte nicht mit der FDP verwechseln). In naher Zukunft wird die SPD nicht an einer Regierung beteiligt sein, die meinen Vorstellungen entspricht. Wer es gut meint mit der SPD, rät mir, eben deshalb einzutreten. Mitzuarbeiten, dass die Partei stärker wird, in Regierungen schwerer wiegt. Dagegen kann ich wenig einwenden. Ich erkläre mich also bereit, in einem Jahr zu berichten, ob ich es diesmal geschafft habe.

Besser Flüchtlinge integrieren

Aicha Reh, 29, Nidos Mode-Chefin, lebt mit Mann und zwei Kindern in Hamburg

Aicha Reh, 29, Nidos Mode-Chefin, lebt mit Mann und zwei Kindern in Hamburg

Bei uns zu Hause wohnt ein neues Kind. Kein Flüchtlingskind, wie ich es mir vorgenommen hatte, sondern mein eigenes.

Anfang des Jahres hatten mein Mann und ich beschlossen, einem Flüchtlingskind ein Zuhause zu geben. Während wir uns bei verschiedenen Hilfsorganisationen, Vereinen und der Kirche informierten, wie wir vorgehen könnten, wurde mir immer schlechter. Die Auflagen konnten wir nicht erfüllen. In unserer Wohnung hätte das Kind kein eigenes Zimmer gehabt, und weil mein Mann und ich Vollzeit arbeiten, sind wir acht Stunden am Tag nicht zu Hause. Offensichtlich waren wir zu blauäugig. Dazu kam: Ich war schwanger.

Neben meiner Tochter, Vollzeitjob und Schwangerschaft blieb kein Funken Energie mehr für irgendetwas anderes. Im September wurde dann unser Sohn August Ibrahim geboren. Unseren Plan, ein Flüchtlingskind bei uns aufzunehmen, haben wir also nicht umgesetzt. Statt einem fremden kleinen Menschen einen Ort der Zuflucht zu gewähren und für ihn da zu sein, hängt jetzt ein teures, schickes Bild über unserem Klavier. Ich habe es ersteigert. Das Geld wurde in ein Projekt investiert, das Flüchtlingskinder unterstützt. Ich habe mir damit letztendlich ein reineres Gewissen „erkauft“. Das ist mir klar. Leider.


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/2016 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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