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Aktionstage: Von "einfachen Freuden" und "Fledermausnächten"

Wer gerne feiern oder lieber gedenken will, hat tagtäglich eine Fülle von Möglichkeiten. Kein Tag, keine Woche, kein Monat und kein Jahr scheint mehr sicher zu sein vor einer Widmung.

Der 2. Oktober wird in diesem Jahr ein netter Tag werden: Neben dem "World Smile Day" und dem "Tag der Nutztiere" ist dieser Samstag vor allem der "Internationale Tag einfacher Freuden". Kein Vergleich mit dem 21. März, der 2004 "Internationaler Tag für die Beseitigung der Rassendiskriminierung" und "Welttag der Invaliden" war - aber auch "Tag des Waldes" und "Welttag der Poesie". Wer gerne feiern oder lieber gedenken will, hat tagtäglich eine Fülle von Möglichkeiten. Denn kein Tag, keine Woche, kein Monat und kein Jahr scheint mehr sicher zu sein vor einer Widmung.

Zwischen Publicity und Engagement für eine gute Sache

"Europäische Fledermausnacht" (28./29. August), "Welttanztag" (29. April), "Woche des Schlafes" (16. bis 23. Juni), "Monat der Mundgesundheit", "Internationale Woche der Sylter Anaesthesie" (4. bis 9. September), "Jahr des Gehirns" (1999) - die Gruppen oder Themen, für die es kein(e/n) Aktionstag, -woche, -monat oder -jahr gibt, werden immer weniger. Manchmal sind die Bezeichnungen kurz und knapp wie beim "Limerick-Tag", manchmal umständlich und lang wie beim "Internationalen Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten". Und manchmal steckt dahinter ehrenamtliches Engagement für eine gute Sache, manchmal wollen Unternehmen von der Publicity profitieren.

Ausrufen kann einen "Tag des..." im Prinzip jeder, - nur kann es ziemlich lange dauern, bis er damit auch Aufmerksamkeit erregt. Zum Beispiel beim "Tag des Baumes": Dieser hat seinen Ursprung wie so viele Gedenktage in den USA (wo es angeblich auch einen "Bring-den-Einkaufswagen-zurück-zum-Supermarkt-Tag" und einen "Sprich-mit-deiner-Topfpflanze-Tag" gibt). 1872 wurde in Nebraska auf Vorschlag eines Siedlers erstmals ein "Arbor Day" gefeiert, woraus sich eine wahre Bewegung innerhalb der USA entwickelte. Schließlich schlug die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO am 27. November 1951 den Völkern einen internationalen "Weltfesttag des Baumes" vor.

So kam es, dass 80 Jahre nach dem ersten "Arbor Day" in Nebraska erstmals in Deutschland ein "Tag des Baumes" gefeiert wurde: Bundespräsident Theodor Heuss pflanzte im Bonner Hofgarten einen Ahorn, seither ist immer am 25. April der "Tag des Baumes". 1989 kam die Idee hinzu, jährlich einen "Baum des Jahres" auszurufen, was seit 1991 das "Kuratorium Baum des Jahres" (KBJ) macht.

Über die Medien zur Bevölkerung

Zur Frage, warum jedes Jahr ein "Tag des Baumes" gefeiert und ein "Baum des Jahres" ausgerufen wird, antwortet das KBJ auf seiner Homepage: "Um diese Baumart in das öffentliche Interesse zu rücken. Dazu muss das KBJ auch das Interesse der Medien wecken, denn nur über die Medien erreichen wir die Bevölkerung." Dieser Grundregel folgen auch andere, was zur Folge hat, dass Redaktionen mit entsprechenden Pressemitteilungen überschwemmt werden.

Der Fußgängerschutzverein "FUSS e.V.", der den "Internationalen Tag 'Zu Fuß zur Schule'" unterstützt, mahnt, dass Aktionstage zu bestimmten Themen nicht einengend sein sollten, auch wenn sie hilfreich seien, um eine gewisse Kontinutität in die Arbeit zu bringen. Dieser Aktionstag hatte seinen Ursprung 1994 in Großbritannien, seit 2000 gibt es einen Internationalen Tag "Walk to School", der gewöhnlich am 4. Oktober begangen wird. Seit 2002 beteiligt sich auch Deutschland daran, in diesem Jahr wurde der Tag aber auf den 22. September vorgezogen, so dass er mit dem "Europaweiten autofreien Tag" korrespondiert.

UN rufen viele "Welttage" aus

Einen "Welttag des/der..." oder "Internationalen Tag der/des..." ruft im Allgemeinen eine UN-Organisation aus, etwa den "Welttag der Pressefreiheit" (3. Mai), den "Internationalen Tag der Muttersprache" (21. Februar) oder den "Internationalen Tag des Ostseeschweinswals" (16. Mai). Auch Kirchen ("Weltgebetstag für die geistlichen Berufe" am 2. Mai) oder Landesregierungen ("2003 - Jahr des Hochschulsports in NRW") begehen Aktionstage oder -jahre.

Dagegen steht hinter dem "Tag der Lachwichtel" ein Babynahrungsunternehmen: Dabei bringen Kindergarten-Kinder Erwachsene zum Lachen und sammeln Geld ein, das sie dem "Netzwerk Clowns in Deutschland e.V." spenden, das wiederum Kinder in Krankenhäusern aufheitert. Und den "Monat der Mundgesundheit" initiierte ein Unternehmen, das Zahnpasta herstellt, in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer, um für Zahnreinigung zu werben.

Sinnverlust durch inflationären Gebrauch

Ob allerdings der Sinn solcher Aktionstage noch erfüllt wird, wenn diese so inflationär werden, dass sie gar nicht mehr auffallen, ist fraglich. Und manch ein Wissenschaftler fragt sich inzwischen auch, ob die Gelder, die für die PR zur Installierung eines "Tag der/des..." investiert werden, nicht besser in der Forschung aufgehoben wären.

Mirjam Mohr/AP / AP / DPA