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Entführungsfall Madeleine: "Circus go Home!"

Praia da Luz könnte ein idyllischer Ort an der Algarve sein - doch seit der Entführung der kleinen Madeleine ist dies Vergangenheit. Besonders die Medien sorgen vor Ort für eine Presseschlacht, die Portugal bis dahin noch nicht kannte.

Von Bernd Volland, Praia da Luz

Irgendwann wird es jedem zuviel. 100 Tage Hoffen, 100 Tage Leid. 100 Tage. Es ist Samstag, als Kate und Gerry McCann mal wieder aus dem Tor der Kirche "Nossa Senhora da Luz" treten, die Sonne strahlt mal wieder, die Kameraobjektive funkeln mal wieder in ihrem Licht, und die McCanns haben wieder von Hoffnung gesprochen, die bitte nicht aufzugeben sei. Viele Gäste sind gekommen, Segen zu empfangen, Beistand zu leisten, und der Welt berühmteste Eltern zu bestaunen. Die Engländer in Shorts applaudieren nach dem Gottesdienst.

Es sind 100 Tage Mitgefühl. Einige Portugiesen in der Messe murren, weil sie nur auf Englisch gehalten wird, und in den Staub auf einer Autoscheibe hat jemand geschmiert: "Circus go Home!". Es sind auch 100 Tage Belagerung. 100 Tage, seitdem die vierjährige Madeleine McCann aus dem Ferien-Apartment der Familie in Praia da Luz an der Algarve verschwunden ist. Die McCanns, schrieb ein englischer Journalist, seien Gefangene dieses Touristennestes, das sie nicht verlassen wollen, bevor geklärt ist, was mit ihrer Tochter geschah. Aber man kann auch sagen: Dieser Ort ist gefangen im Leid der Eltern, die ihn nicht verlassen können. Wen man auch anspricht in Praia da Luz, er sagt es mit einem Seufzer: " Aufklärung, Ruhe, endlich, bitte!"

Streubombardement der Medien

Ruhe? Aufklärung? Letzte Sensation: Madeleine wurde vielleicht in einem steinbeschwerten Müllsack ins Meer geworfen, sagten namenlose Ermittler. Eine alte unbestätigte Vermutung, die am Montag mal wieder im "Diario de noticias" stand, das lesen die Engländer hier und schreiben es für Dienstag ab, was wiederum Deutsche, Franzosen oder Japaner lesen und es heute, Mittwoch, als neueste Meldung bringen. Es ist eine Art Streubombardement, mit dem hier Medienschlachten gefochten werden. Und jeder Einschlag, liegt er noch soweit von der Wahrheit, hinterlässt einen netten Krater. Je länger die Zeit verrinnt, 100 Tage, 101, 102, desto mehr weitere, kleinere Opfer gibt es in diesem Kampf, 103,Tage, 104, man kann auch sagen: Kollateralschäden. Steve Dunn ist eines davon, getroffen am Tag 52. Da kam ein englischer Boulevardreporter auf ihn zu. Dunn, 51, ist seit über 30 Jahren Ausbilder für Schutz- und Suchhunde, er ist Engländer, lebt seit sechs Jahren in Portugal. Am 14. Juni wurde gerade die holländische Spur aktuell, nicht zu verwechseln mit der marokkanischen, der belgischen, der Schweizer oder der Woauchimmerspur. Bei der Amsterdamer Zeitung "de Telegraaf" war ein anonymes Schreiben mit einer Karte eingegangen, darauf eine Markierung nahe dem Algarve-Dorf Odeixe, das angebliche Grab des Kindes. "Wir müssen nach ihr suchen", sagte der Reporter. Dunn marschierte samt Hund los. Unerwähnt blieb das kleine Detail, dass die Polizei anhand der Karte bereits gesucht hatte, allerdings an anderer Stelle. Und die Kleinigkeit, dass man einfach noch dringend ein Foto von einem Hundeführer brauchte.

"Es ist unfassbar"

Dunn ist ein gutmütiger Kerl, der einem trotz allem noch mit milde bescheidenem Lächeln die beeindruckenden Künste seiner Spürhunde in einem runtergebrannten Kasino im Hinterland vorführt. Er hatte auch bei der ersten Suche nach Madeleine mitgeholfen, damals im Ort. Seine Freunde von der Hundestaffel waren sauer auf ihn, weil man sich als Fotomodell für Boulevardfotografen nicht gerade beliebt macht bei der Polizei, aber sie sprechen wieder mit ihm. "Es ist unfassbar", sagt er nur, als die Hunde wieder im Auto sind, "darauf falle ich kein zweites Mal rein." Es gibt mittlerweile einige dieser Geschichten in diesem Ort mit 5000 Einheimischen und 10.000 Touristen, wobei einheimisch auch zu großen Teilen sesshaftgewordene Engländer heißt. Wie jene vom Polizeibeamten, der einen Fernsehmann aus dem abgesperrten Bereich verscheuchte, als der ihn dazu drängen wollte, mit aufgefalteter Karte zu posieren. Der Fernsehmann sagte: "Wenn du das nicht machst, filmen wir deine Kollegen, wie sie vor dem Tatort rauchen, und sagen, dass sie in der Wohnung gequalmt hätten." Und warum wollte dieser eine Reporter eigentlich ums Verrecken nicht begreifen, dass Steve Dunn wirklich keine Leichenspürhunde führt, sondern nur Lebende sucht? In England meldete sich nun sogar Peter Horrocks, BBC-Nachrichtenchef, mit dem Hilferuf, dass manche Kollegen soviel Quatsch berichten würden, dass seriöse Berichterstattung immer schwerer wird.

"Sie haben unser Mitgefühl, aber die Presse"

Derweil läuft alles weiter. Die Engländer, die in einem Internetkaffee mit britischem Besitzer sitzen, schreiben die portugiesische Schlamperpolizei nieder, die ihnen keine Informationen steckt. Die Portugiesen, die meist vor dem Supermarktkaffee sitzen, schreiben die McCanns und Freunde im Gegenzug zu Tatverdächtigen oder zumindest nachlässigen Eltern, denn die stecken ihnen wiederum nichts. Woraufhin der bekanntermaßen rücksichtsvolle englische Boulevard die portugiesischen Kollegen als Horde skrupelloser Rüpel beschimpft. Woraufhin die seriöse englische Times eine Umfrage in England macht, aus der klar wird, dass auch 70 Prozent der Briten nicht verstehen, dass die Kinder alleine gelassen wurden in der Entführungsnacht. Woraufhin... Was soll man auch machen? Die Sonne brennt, der Wind weht und die beste Quelle scheint man sich oft gegenseitig zu sein. So kommt es, dass man als Journalist mittlerweile alten Mütterchen in "Luz" erstaunlich schnelle Beine machen kann, indem man das Zauberwort "Madeleine" ausspricht. Auf dem kleinen Gemüsemarkt in der Einkaufs-Passage werfen zwei Damen einem dann zum Beispiel nur kurz zu: "Der Rummel muss bald ein Ende haben. Wir verstehen die McCanns, sie haben unser Mitgefühl, aber die Presse!" Es nervt. Es ist nun mal nicht gerade tourismusfördernd, wenn ein Gast im Pool schwimmt, und sich auf einmal ein langes Kameraobjektiv aus dem Gebüsch heraus schiebt, weil der Mann im Wasser ja Maddys Vater Gerry sein könnte. Eine Szene aus dem Ocean Park, dem Ressort, aus dem Madeleine verschwand, und wo man kürzlich die McCanns freundlich bat, ihre Zwillinge dort nicht mehr in den Kinderhort zu bringen, weil das immer Zustände wie in der Interview-Zone eines Premier League-Stadions auslöst.

Ritter des Tempelordens rücken an

Wobei die Hotels trotz Kinderschocks proppenvoll wie jeden August sind. Seit kurzem gibt es sogar einen Übernachtungsgast vor der Kirche. Miguel de Portugal schläft hier, und er zürnt über diese herzlose Welt, in der Dinge wie das mit Maddy passieren, gottlos, in der Männer in Badehosen in die Kirche gehen. Miguel, sagt, er sei erster und aktuell einziger Ritter des Tempelordens, und ein Engel. Er will mit seiner Energie helfen, sagt er, ein schwarzer Zahn und ein gelber sind die Reste seines Gebisses. Er trägt schwarz von Kopf bis Fuß, und als die McCanns aus der Kirche treten, Gregg in einem grünen "Findet-Maddy"-Shirt, kniet Miguel am Boden. Er hat schon mal Greggs Mutter angesprochen, dass er helfen könne, aber Auch diesmal geht Gregg wortlos an ihm vorbei. Dabei habe Gott zu ihm gesprochen. "Ein Ermittler hat mal gesagt: Die Antwort liegt in Praia da Luz. Ich sage: Die Antwort liegt im Sand von Praia da Luz", sagt Miguel, bevor er sich eine Zigarette aus Tabak, Weihrauch und Currypulver dreht. Was er damit meint mit dem Sand, will er nur den McCanns sagen oder dem Pfarrer, aber keiner spricht mit ihm. Dabei wäre es eine Spur, es könnte sein, dass es momentan die heißeste ist, und Erleuchtung würde auch nicht schaden.

Blutflecken könnten von x-beliebigen Gast sein

"Wir sind weit entfernt davon, den Fall komplett durchleuchtet zu haben", sagte der Polizeichef von Lissabon Alipio Ribeiro vergangene Woche im Widerspruch zu mancher anonymer Zeitungsquelle. Vor eineinhalb Wochen fanden britische Hunde Blutspuren im Schlafzimmer und an einem Vorhang des Apartments. Der Anlass für das momentane Hoch "Madeleine" in den Zeitungen, die Ergebnisse der Labortests liegen noch nicht vor. Sie könnte wirklich eine dramatische Wendung bringen: Wurde sie getötet? Bereits im Hotel? Die Eltern? Nur: Hunde können Jahre alte kleinste Blutflecken entdecken, sie könnten von einem x-beliebigen Gast stammen, und soviel mit dem Fall tun haben wie die Tatsache, dass Paris Hilton neulich in Malibu surfen war. Zudem sollen angeblich Leichenspürhunde im Zimmer angeschlagen haben, was zum Indiz dafür erklärt wurde, dass ein toter Mensch hier gelegen haben muss. Da wiederum sagt nicht nur Hundetrainer Steve Dunn: Spürhunde könnten zwar selbst unter Wasser Leichen finden, aber keineswegs erschnüffelten sie, ob an einer Stelle mal ein Toter lag oder ob es sich nur um alte Blutspuren handelt. Das bestätigt auch der deutsche Ausbilder Holger Bauknecht. Am Schluss sind vielleicht auch diese beiden Sensationen nur weitere schnell verwelkte Blättchen im veröffentlichten Spurensalat. Und um ein bisher medial unentdecktes nachzureichen: Die Polizei fragte anfangs auch mal nach einem langhaarigen Arzt mit deutschem Akzent, der sich in Hotels als Touristenversorger anbot. Was das bedeutet? Da darf sich jeder seinen Reim draus machen. So scheint es gerade zu laufen im weltweit meistbeachteten Entführungsfall seit dem Lindbergh-Baby.

Hochprofessionell geführter Wirbel

Die Kampagne der McCanns trägt ihren Teil bei, sie wollen Aufmerksamkeit für ihre Tochter, der Wirbel ist einzigartig und hochprofessionell geführt, Papstbesuch, David-Beckham-Appell, ein Spendenfond zur Suche. Aber bei den Portugiesen bleibt, trotz aller Beistandsbekundungen, auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit: Warum findet diese englische Arzt-Tochter soviel Beachtung, aber interessiert sich keiner für portugiesische Verschwundene? Und überhaupt: Würden Portugiesen jemals nachts ihr Kind alleine lassen? Aber was passiert: An unserer Polizei wird rumgenörgelt. Viele Einheimische, ob Engländer oder Portugiesen nehmen ihre Polizei durchaus in Schutz gegen die Vorwürfe aus England: zu langsam, zu schlampig, keine Überwachungskameras kontrolliert, zu lange gewartet mit der Suche, ungenaue Spurensicherung. Dabei seien bereits fünf Stunden nach Verschwinden erste Hunde unterwegs gewesen und Autos kontrolliert worden. Schneller würde das in England auch nicht gehen.Die Einheimischen in Praia da Luz hängen dennoch weiter die Bilder von dem blonden Mädchen, mit dem dunklen Fleck in der Iris in die Seitenscheiben ihrer Autos und Schaufenster ihrer Geschäfte. News of the World bietet auf Plakaten für Hinweise, die zu "Maddie" führen, 1,5 Millionen Pfund Belohnung, Anruf bitte an die Polizei- oder gerne auch direkt an die Nachrichtenredaktionen beiden Zeitungen. Entdecker haben sich bei Behörden weltweit schon gemeldet, natürlich auch in Deutschland, wo eine Frau zum Beispiel das Mädchen im Ruhrgebiet entdeckt haben will, in einem Supermarkt, vor dem verdächtigerweise ein Obst-Laster mit portugiesischem Kennzeichen standen. Solche Meldungen dürften die Ermittlung nicht einfacher machen.

Schmutzkampagne der Anti-McCannsianer

Die portugiesische Polizei kommentiert all das nicht. Sie schweigt. Es war schon eine Art portugiesischer Glasnost, als Polizeisprecher Olegario Sousa vergangene Woche den mäßig überraschenden Satz sagte: "Wir ermitteln nun auch verstärkt in die Richtung, dass das Kind tot ist." Unsensibel, sagen die Eltern, dass wir diese These erst aus der Presse erfahren mussten. Die McCannsianer, meist englisch, meist Boulevard, finden das natürlich auch. Die Anti-McCannsianer wiederum, meist portugiesisch, meist mit unnennbaren Quellen aus der Polizei, legen nach: Es werde ernsthaft in Betracht gezogen, dass die Eltern etwas mit dem Verschwinden ihres Kindes zu tun haben. "Schmutzkampagne", schreiben dann die McCannsianer und zitieren die Eltern, die erzählen, wie schmerzhaft diese Vorwürfe seien, gerade jetzt. Es könnte furchtbar tragisch sein, dass Gerry und Kate aus Verzweiflung eine Medienmaschine angefeuert haben, deren einer Teil sie jetzt fast zermalmt. Oder unglaublich perfide, dass sie sich eine Rückendeckung geschaffen haben, die beim kleinsten Verdacht gegen sie gewaltigen Druck auf die Polizei ausübt. Je nachdem, was tatsächlich geschah. Aber "tatsächlich" ist ein schwieriges Wort in diesen Tagen in Praia da Luz.

Er-ist-unschuldig-Pamphlete

Tatsächlich kann man eigentlich nur davon ausgehen, dass Robert Murat niemals Sex mit einer Katze hatte, obwohl dies auch schon geschrieben wurde, aber die Anatomie von Mensch wie Katze lässt es wohl eher abwegig erscheinen. Murat ist noch immer der einzig offiziell Verdächtige in diesem Fall, und offiziell heißt offiziell: Erst, wenn er ein förmliches Schreiben von der Staatsanwaltschaft bekommt, ist er vom Titel Verdächtiger befreit. Ortsansässige beschreiben ihn als einen netten, hilfsbereiten Kerl, der vielleicht manchmal etwas zu schnell losredet. Und weil er das auch gegenüber der Presse tat, während er der Polizei als Dolmetscher half, wurde er zum Verdächtigen, zudem gab es einige widersprüchliche Aussagen zu seinem Verhalten in der Tatnacht. Während die McCanns für ihre Suchkampagne ein Profiteam anheuerten und weltweit "Findet-Madeleine"-Plakate aufgehängt wurden (auch in Chinesisch klassisch und modern), druckten auch Murats Freunde in dessen englischer Heimatstadt "Er ist unschuldig"-Pamphlete und holten den ehemaligen Medienberater von OJ Simpson ins Boot. So läuft es in diesem Fall. Nachdem wochenlang Murats Name aus den Zeitungen war, wurde vergangene Woche noch mal der Garten seines Hauses umgegraben aber nichts gefunden. Murat sei froh darüber gewesen, sagt sein Freund Tuck Price mit besorgtem Blick, je mehr unternommen werde, desto schneller werde seine Unschuld bewiesen, wäre endlich Ruhe. Klarheit, das wäre die Erlösung, hier am Strand des Lichtes.