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Alte Männer und junge Frauen: Reiz und Risiken besonderer Beziehungen

40 Jahre. Der Altersunterschied zwischen SPD-Chef Franz Müntefering, 69, und seiner Partnerin Michelle Schumann, 29, ist gewaltig. Was reizt Frauen an älteren Männern? Wie kann so eine Beziehung funktionieren? Und weshalb reagiert das Umfeld in der Regel irritiert? Im stern.de-Interview gibt Familientherapeut Gunther Schmidt Antworten.

Franz Müntefering ist mit seiner um 40 Jahre jüngeren Mitarbeiterin Michelle Schumann liiert. Können Sie verstehen, wenn man sich da wundert?

Die Frage, ob das etwas mit partnerschaftlicher Liebe zu tun hat, stellt sich sofort, wenn man von so einer ungewöhnlichen Konstellation hört. Und diese Frage, mithin die Verwunderung ist berechtigt. Doch wie definiert man Liebe? Geht es darum, ob eine solche Verbindung die Chance hat, lange zu halten? Ist das ein Kriterium? So kommt man aus meiner Sicht nicht weiter, denn Beziehungen, die vom Alter her passender erscheinen, halten oft ja auch keine fünf Jahre. Ziemlich sicher ist aus meiner Sicht: Der Beginn ist bei einem solchen Altersabstand selten eine rein emotionale hingerissene Verliebtheit.

Generell gilt: Beziehungen mit solch großem Altersunterschied sind intensiveren Herausforderungen ausgesetzt, die sich - dann nur weniger explizit und manchmal auch weniger massiv - auch in üblicheren Beziehungskonstellationen zeigen. Zum Beispiel ist es gefährlich, wenn der ältere Partner sich so verhält, als ob er grundsätzlich schon wesentlich weiter, klüger, weiser wäre als der jüngere Partner. Dann fühlt sich der jüngere schnell abgewertet und Konfliktpotenzial ist programmiert. Oder wenn die jüngere Partnerin erwartet, dass beide die gleichen Interessen haben müssten und der ältere die gleichen Sachen interessant finden müsse wie sie selbst.

Was fasziniert einen alten Mann an einer deutlich jüngeren Frau?

Die junge Frau verkörpert für ihn in der Regel Jugend, auch seine eigene Jugend. Mir fällt das Stichwort "Bluttransfusion" ein, obwohl das abwertender klingt, als ich es meine. Es geht um Vitalität, das Gefühl von neuer Lebenskraft, das die junge Frau dem Mann quasi einhaucht. Er kann sich zumindest für eine Weile der Illusion hingeben, dass das Leben nicht endlich ist - und das, obwohl das eigene Ende bei ihm in Wahrheit näher rückt. Gerade unter Männern hebt eine deutlich jüngere Frau an der Seite außerdem das Image. Männer bewundern Männer, die eine so junge Frau für sich gewinnen können. Frauen weniger; sie finden einen alten Mann mit junger Frau peinlich. Und die Kinder des Betroffenen auch, die ja oft um viele Jahre älter sind als die neue Partnerin des Vaters: Die haben oft Angst ums Erbe oder empfinden die neue Partnerin als Rivalin - als eine Frau, die ihre jüngere Schwester sein könnte und mehr Zuwendung bekommt, als sie selbst vom Vater bekamen oder bekommen.

Und was reizt eine junge Frau an einem Mann, der auf die 70 zugeht?

Je größer der Altersabstand, desto zweckorientierter könnte so eine Verbindung sein. Das fällt ja schon auf: Diese älteren Männer sind eigentlich nie Hartz IV-Empfänger, sondern sie senden das Signal aus: "Ich verspreche dir Privilegien, wenn du mit mir zusammen bist." Das macht sie attraktiv. Daraus kann aber durchaus eine tiefe Liebe werden. Junge Frauen genießen bei älteren Männern häufig diesen Aspekt: Der Mann gibt Rückendeckung, Orientierung, er ist eine Art bombensicherer Hafen. Oft haben Frauen, die sich einen so viel älteren Mann suchen, die entsprechende Vorgeschichte. In ihrer Kindheit haben ihnen Rückendeckung, eine starke Schulter, Verlässlichkeit und Sicherheit gefehlt - deshalb ist die Sehnsucht danach so groß.

Das klingt wenig erotisch, eher nach einem Vater-Tochter-Verhältnis.

Da sollte man sich nicht täuschen. Auch die Sexualität kann sehr erfüllend sein. Es kann sogar eine hohe erotische Anziehung existieren, die von Dauer ist. Eine junge Frau hat mir einmal beschrieben: Der ältere Mann ist wie ein virtuoser Klavierspieler. Jüngere, mit denen sie Beziehungen hatten, hätten vergleichsweise einfach nur auf die Tasten gehauen.

Manche Frauen, die vorher eher kontrolliert, eher wenig weiblich waren, können sich mit diesem Mann zum ersten Mal richtig als Frau entdecken und mit ihm zusammen als Frauen attraktiv fühlen. Allerdings: Für Männer kann es auf die Dauer stressig werden: Wenn die Frau Bedürfnisse hat, die sich mit ihrer altersbedingten, körperlichen Befindlichkeit nicht in Deckung bringen lassen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welches Rezept es für eine Liebe mit enormen Altersunterschied gibt.

Was irritiert das Umfeld eigentlich so sehr?

Eine Frau im gebärfähigen Alter - ein deutlich älterer Mann. Das passt unter dem Fortpflanzungsaspekt nicht zusammen. Dagegen rebelliert das limbische System: Da werden in den Köpfen quasi automatisch Widerstände wach. Das ist in allen Kulturen so. Gesellschaftlich wird so eine Konstellation eigentlich nur da toleriert, wo es, bei Scheichs etwa, einen ganzen Hofsstaat gibt, der sich um die Kinder kümmert, wenn der Mann nicht mehr leben sollte. Aus meiner Sicht sollten die Mitmenschen aber tolerant und neugierig sein - grundsätzlich, wenn es um ungewöhnliche Partnerschaften geht.

Die Skepsis, die Franz Müntefering und seiner neuen Gefährtin entgegenschlägt, ist also unangemessen?

Eine gewisse Skepsis erscheint mir grundsätzlich schon angebracht, wenn man hört: Der 70-jährige Chef und seine 40 Jahre jüngere Mitarbeiterin. Problematisch könnten da diese Aspekte sein: Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Mitarbeiterin in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis erlebt und nicht wagt, sich stärker abzugrenzen. Oder sie könnte sich in Konkurrenz zu Kolleginnen fühlen und denken, dass sie nun punkten könne und innerhalb des Systems unangreifbarer werde.

Gibt es ein Rezept, damit die Liebe trotz enormen Altersabstandes eine Chance hat?

Wenn die Partner sich erlauben, die jeweils unterschiedlichen Interessen unabhängig voneinander leben zu dürfen, das heißt, sich wechselseitig viele autonome Lebensräume gönnen und sich dann wieder da zusammen finden, wo es wechselseitig erfüllend wirkt, kann dies sogar eine optimale Voraussetzung sein für achtungsvolle, sehr bereichernde Partnerschaften. Es erfordert aber mehr bewusste Achtsamkeit darauf, sich quasi Rituale aufzubauen, die dem immer wieder neuen Wieder-Zusammenfinden dienen. Die gleichen Aspekte wirken grundsätzlich auch sehr konstruktiv in Beziehungen von Partnern in ähnlichem Lebensalter, nur werden sie dort entweder oft nicht beachtet oder eher spontaner, unbewusster gelebt.

Interview: Nina Poelchau/print

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