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stern-Gespräch

Mutter von Columbine-Attentäter: "Morgens war ich die Mutter eines Teenagers, abends die eines Massenmörders"

Der Amoklauf an der Columbine High School in Colorado schockierte 1999 die Welt. Dylan Klebold tötete gemeinsam mit einem Freund 13 Menschen. Seine Mutter Sue sucht bis heute den Grund dafür. Ein Gespräch über Liebe und Schuld.

Sue Klebold, die Mutter des Columbine-Attentäters Dylan Klebold

Sue Klebold, 68, kehrt noch manchmal zum Denkmal für die Opfer des Amoklaufs zurück

Frau Klebold, was ist Ihre letzte Erinnerung an Ihren Sohn Dylan?

Er rief mir "Bye" zu und ging aus der Haustür. Es war noch dunkel, ich konnte ihn nicht sehen. Seine Stimme war angespannt, so wie ich ihn noch nie gehört hatte. Ich habe dann meinen Mann Tom geweckt und ihm gesagt, dass wir mit Dylan reden müssten, irgendwas bedrücke ihn. Tom stimmte mir zu, und wir wollten Dylan nach der Schule ansprechen. Das war zwei Stunden vor dem Amoklauf.

Dylan erschoss am 20. April 1999 gemeinsam mit seinem Freund Eric Harris an der Columbine High School zwölf Schüler und einen Lehrer. 21 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Ich möchte gleich zu Anfang sagen, wie leid es mir tut, was Dylan getan hat. Ich weiß, das kann die Schmerzen, die mein Sohn anderen Familien gebracht hat, niemals lindern. Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht um die Menschen, die Dylan verletzt hat, weine.

Warum sagen Sie verletzt? Er hat getötet.

Das ist wohl mein Selbstschutz. Es fällt mir immer noch schwer, auszusprechen, dass Dylan ein Mörder war. Es ist für mich unerträglich, mit dem Wissen zu leben, dass das Kind, das ich aufgezogen und geliebt habe, eiskalt getötet hat. Für mich war er nicht nur ein Killer, er war auch 17 Jahre lang mein Sohn.

Wann hörten Sie vom Amoklauf?

Ich war in meinem Büro in Denver, als mein Mann Tom anrief. Er war außer sich, sagte, dass es an Dylans Schule eine Schießerei gegeben habe. Niemand wisse, wo unser Sohn sei. Ich geriet in Panik, ich dachte, er sei in Gefahr. Ich rannte zu meinem Auto und raste nach Hause.

Dachten Sie, dass Dylan einer der Täter sein könnte?

Nein, nicht eine Sekunde.

Wie erfuhren Sie, dass er Amok lief?

Sein Freund Nate meldete sich bei uns und erzählte, die Schützen trügen Trenchcoats. So einen, wie Dylan habe. Tom konnte den Mantel zu Hause nicht finden. Er drehte schier durch vor Angst. Ich hielt mich an dem Gedanken fest, es sei ein Schulstreich und ein Fehlalarm. Aber dann rief der Staatsanwalt an und informierte uns, dass unser Sohn einer der Täter sei.

Wie reagierten Sie?

Ich wollte es nicht glauben. Dylan war in meinen Augen zu so etwas nicht fähig. Oder nur, wenn er dazu gezwungen oder unter Drogen gesetzt würde. Ich saß in der Küche und weinte in ein Handtuch.

Und Ihr Ehemann Tom?

Der wollte in die Schule fahren. Ich schrie ihn an: Bist du verrückt? Du könntest erschossen werden. Er schaute mich lange an und sagte: "Und?"

Was passierte in den Stunden nach dem Massaker?

Die Polizei führte uns aus dem Haus. Es war jetzt ein Tatort. Wir saßen im Hof und liefen stundenlang in unserer Einfahrt auf und ab. Wir bettelten die Polizisten um Informationen an, aber sie sagten uns nichts.

Wann erfuhren Sie Details?

Irgendwann am Nachmittag hörte ich im Radio, 25 Menschen seien tot.

Was taten Sie dann?

Ich betete.

Erinnern Sie sich noch, worum Sie baten?

Das werde ich niemals vergessen. Es war das schwierigste Gebet, das eine Mutter sprechen kann. Ich flehte Gott um Dylans Tod an.

Warum?

Ich wollte, dass er gestoppt wird. Wir waren so hilflos. Später habe ich mich dafür gehasst. Wenn Dylan überlebt hätte und im Gefängnis wäre, dann könnte ich ihn wenigstens besuchen. Ich weiß, das ist egoistisch.

Überwachungsvideos aus der Cafeteria zeigen Dylan Klebold (r.) und Eric Harris während des Amoklaufs

Überwachungsvideos aus der Cafeteria zeigen Dylan Klebold (r.) und Eric Harris während des Amoklaufs

Wer informierte Sie, dass Dylan tot ist?

Ein Ermittler irgendwann abends. Ich fragte ihn: "Ist mein Sohn tot?" Und er antwortete: "Ja." Mehr nicht, dann ging er weiter.

Was fühlten Sie in dem Moment?

Erleichterung, dass Dylan niemanden mehr töten konnte. Dann unendliche Traurigkeit, einen echten körperlichen Schmerz.

Damals sagte alle Welt: Die Eltern müssen doch etwas gemerkt haben. Was antworten Sie?

Wäre mein Sohn Opfer eines Amokläufers geworden, würde ich das Gleiche sagen.

Aber er war der Täter.

Ich lebte bis dahin in der Illusion, unsere Liebe allein reiche aus, um aus ihm einen empathischen Menschen zu machen. Nach allen Maßstäben, die ich kenne, war ich eine gute Mutter. Ich glaubte, wir hätten ein fast perfektes Verhältnis zu unseren zwei Kindern. Aber man sollte auch noch eine andere Frage stellen.

Welche?

Wie gut konnte Dylan verschleiern, was wirklich in ihm vorging? Es war nicht allein meine Dummheit. Wir sind alle auf ihn hereingefallen. Seine Lebenslüge ist das Schlimmste für mich. Ich will mich aber auf keinen Fall aus der Verantwortung stehlen. Ich habe nicht bemerkt, was direkt vor meiner Nase passierte. Punkt.

Es gab Warnsignale. Dylan wurde ein Jahr vor der Tat mit seinem späteren Mittäter Eric festgenommen, weil sie ein Auto aufgebrochen hatten. Nahmen Sie das zu sehr auf die leichte Schulter?

Nein, natürlich nicht. Dylan wurde verurteilt, ein Rehabilitierungsprogramm zu machen. Damals waren wir froh, dass er nicht ins Gefängnis musste. Heute denke ich, eine solche Strafe hätte sein und das Leben vieler anderer gerettet.

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Dylan schrieb außerdem ein paar Monate vor dem Amoklauf einen brutalen Aufsatz über ein Massaker an Schülern. Warum löste das bei Ihnen keinen Alarm aus?

Die Schule informierte uns, aber man zeigte uns den Text nie. Wir wussten wirklich nicht, was drinstand. Als wir damals danach fragten, sagte der Lehrer, er werde sich kümmern und anrufen, falls es Grund zur Sorge gäbe. Er hat sich nie gemeldet.

Redeten Sie mit Dylan darüber?

Ja, natürlich. Wir sagten ihm, dass er so etwas nicht schreiben könne. Er meinte dann: Ja, okay. Glauben Sie mir, ich gehe seit 17 Jahren jeden Tag mit dem Vergrößerungsglas über unser Leben und suche nach Hinweisen, was ich damals nicht gesehen habe.

Aber Sie waren Dylans Eltern. Sie lebten mit ihm unter einem Dach. Und merkten nicht, dass er im Kinderzimmer den Mord an seinen Mitschülern plante?

Darüber erschrecke ich heute immer noch. Dylan war ein fröhlicher Junge. Wir nannten ihn unseren Sonnenschein. Außerdem war Dylan hochbegabt. Tom und ich glaubten, er werde in seinem Leben Großes leisten. Ich glaube, für alle ist es schwer zu begreifen, wie gewöhnlich unser Leben war.

Dylan, so wurde berichtet, war ein Außenseiter.

Das stimmt nicht. Wie so vieles, was über ihn geschrieben wurde.

Sondern?

Dylan hatte viele Freunde. Er war schüchtern, okay. Nur ein Beispiel: Drei Tage vor der Tat war er auf seiner Schulabschlussparty. Er feierte ausgelassen, kam um vier Uhr nachts nach Hause und sagte, es sei der beste Tag seines Lebens gewesen.

Auch für Dylan Klebold wurde nach der Tat ein Kreuz in Columbine aufgestellt

Auch für Dylan Klebold wurde nach der Tat ein Kreuz in Columbine aufgestellt. Nach Protesten von Angehörigen der Opfer wurde es wieder entfernt.

Sie bemerkten keinerlei Veränderungen?

Er war launischer. Stiller, zog sich mehr zurück. Er sagte, er habe so viel für die Schule zu tun. Alles typische Dinge für Teenager, die sich von ihren Eltern abnabeln. Seine Stimme war gereizter, aber nichts ließ uns ahnen, dass er etwas Monströses plante. Ein paar Tage vor dem Amoklauf suchte er mit seinem Vater noch ein Zimmer im Wohnheim in Arizona aus. Dort wollte er studieren.

Wie erfuhren Sie, dass Dylan schwer depressiv war?

Erst Monate nach seinem Tod. Die Polizei gab uns seine Tagebücher. Darin hatte er zwei Jahre vor dem Amoklauf geschrieben, dass er sich umbringen wolle. Er hatte seinen Selbstmord geplant. Sogar mehrfach.

Eines der häufigsten Wörter in den Tagebüchern ist "Liebe", und er malte seitenweise Herzen. Fühlte er sich zu wenig von Ihnen geliebt?

Nein, ihm mangelte es nicht an unserer Zuneigung. Aber er sehnte sich nach einer Freundin. Als wir seine Texte lasen, brach das unser Herz. All diese schrecklichen Dinge, die er tat, und er wollte nichts mehr als eine Frau. Wie banal das heute klingt. Wir haben sein Verhalten einfach falsch gedeutet.

Was meinen Sie konkret damit?

Zum Beispiel das, was ich den 100-Meter-Blick nenne. Dylan saß oft auf dem Sofa und starrte in eine Ecke. Wie entrückt. Wenn ich ihn ansprach, sprang er auf und sagte, er sei nur müde. Ich wusste nicht, dass sein Schlafrhythmus gestört war. Wie auch? Er war 17 Jahre alt, er wollte in ein paar Wochen ausziehen. Sollte ich nachts vor seinem Bett stehen?

Er spielte stundenlang gewalttätige Computerspiele ...

Ja, wir hätten seinen Computer kontrollieren sollen. Ich wusste aber gar nicht, wie das ging.

Dylan interessierte sich außerdem für blutrünstige Filme wie "Reservoir Dogs" und "Natural Born Killers" ...

Aber nicht mehr als andere Jungs seines Alters. Wir sprachen mit ihm darüber. Als er 17 war, durfte er diese Filme auch bei uns zu Hause schauen. Wir wussten, dass er es sonst woanders tun würde.

Ihnen entging ebenso, dass er, wie Sie später von der Polizei erfuhren, ein Gewehr unter dem Mantel in sein Zimmer geschmuggelt hatte.

Wir waren Waffengegner, das wusste er. Hätten wir das Gewehr finden müssen? Dafür hätten wir sein Zimmer regelmäßig durchsuchen müssen. Hätte es unser Verhältnis zu Dylan verbessert? Nein. Er hatte ein Recht auf Privatsphäre.

Wie denken Sie heute darüber? Bei Verdacht durchsuchen?

Ja, auf jeden Fall. Egal, was das Kind dazu sagt, denn vielleicht rettet man so Leben.

Warum wurde Dylan zum Mörder, statt nur sich selbst zu töten?

Ich habe mit vielen Psychologen darüber gesprochen. Ich glaube, er war verstört. Seine Depression war furchtbar. Seine Gedanken waren nicht gesund. Vielleicht war er sogar psychisch krank. Dann traf er Eric Harris. Eric wollte töten, Dylan wollte sterben. Eine furchtbare Mischung.

Also wurde Dylan erst durch Eric Harris zum Killer?

Nein, das war Dylan schon selbst. Eric war dominant. Er hatte viel Kontrolle über Dylan. Wissen Sie, dass unser Sohn während des Amoklaufs Menschen entkommen ließ?

Ja, so steht es in den Ermittlungsakten.

Das tat er immer, wenn Eric nicht in der Nähe war.

Warum unterbanden Sie die Freundschaft der beiden nicht?

Wir hatten nicht das Gefühl, dass Eric eine große Rolle in Dylans Leben spielte. Für uns war er nicht sein wichtigster Freund. Dylan sagte selbst mal: Eric ist irre. Ich vermute heute, dass Eric Psychopath war.

Wie kommen Sie zu dem Urteil?

Aus Gesprächen mit Experten, die Erics Tagebücher gelesen haben. Sie sind unerträglich dunkel, voller sadistischer Bilder und Zeichnungen, Vergewaltigungsfantasien, Massenmord und Zerstörung.

Aber auch Dylan war voller Hass. Wann akzeptierten Sie zum ersten Mal, dass Ihr Sohn ein Killer war?

Das dauerte ein Jahr, bis ich die sogenannten Kellervideos sah.

Das sind Filme, die Dylan und Eric in den Monaten vor dem Amoklauf aufnahmen.

Ja, die Polizei zeigte sie uns zum Abschluss der Ermittlungen. Es waren drei Stunden. Da begriff ich zum ersten Mal, wie Dylan wirklich war.

Wie ertrugen Sie die Videos?

Es war der pure Horror. In meinem Kopf war Dylan ein liebevoller, freundlicher und fröhlicher junger Mann. Dann sah ich ihn so bösartig, so fies, so voller Hass. Das war also der Dylan, den alle ein Monster nannten. Ich brauchte viele Therapiesitzungen, um das akzeptieren zu können.

Sie versuchten die Veröffentlichung der Videos gerichtlich zu verbieten. Warum?

Sie sollten auf keinen Fall für andere Kinder und Jugendliche ein Vorbild werden. Die Forschung zeigt ja, wenn Menschen mit Selbstmordgedanken solche Taten im Fernsehen sehen, steigt die Gefahr der Nachahmung. Deswegen müssen wir uns genau überlegen, wie wir über solche Ereignisse berichten.

Wie reagieren Sie, wenn Sie heute in den Nachrichten von Amokläufen wie in München hören?

!: Erst mal weckt es schreckliche Erinnerungen. Dann schalte ich in den Analysemodus und frage: Was trieb den Täter dazu? Das ist auch meine Lebensaufgabe geworden. Ich kann Eltern nur sagen, seid wachsam und vorsichtig. Ich war genauso wie ihr. Morgens war ich die Mutter eines Teenagers, abends die eines Massenmörders.

Eric und Dylan werden heute noch auf Seiten im Internet als Helden verehrt ...

... von jungen Männern mit kranken Ideen, die nach Inspiration suchen. Mir macht das Angst. Mir schreiben immer noch Fans meines Sohnes – und die sind vielleicht die Täter von morgen.

War das die Motivation, ein Buch* zu schreiben?

Ja, ich hoffe, ich kann durch unsere Geschichte andere für das Thema Selbstmord unter Jugendlichen sensibilisieren und so weitere Taten verhindern. Alle Einnahmen gehen übrigens in die Suizidforschung.

Wie geht es Ihrem Ehemann Tom heute?

Wir haben uns vor zwei Jahren getrennt, nach 43 Jahren Ehe. Unsere Wege der Trauer waren zu verschieden. Er wollte Privatheit. Ich wollte in die Öffentlichkeit und helfen. Das hielt unsere Beziehung nicht aus.

Nach der Tat ließen Sie die Leiche Ihres Sohnes verbrennen. Aus Furcht vor Vandalismus wurde er nicht beerdigt. Hat er inzwischen ein Grab?

Nein. Seine Asche ist bei mir. Ich will ihm nahe sein. Bevor er verbrannt wurde, stand ich am Sarg. Streichelte seine Haare und rieb seine Hände. Er war so kalt. Ich wollte mich zu ihm legen und ihn festhalten. Ich wollte lange auch sterben.

Was hielt Sie am Leben?

Zwei Jahre nach der Tat erkrankte ich an Brustkrebs. Als es damals wirklich um mein Leben ging, merkte ich, wie sehr ich daran hing. Damit kam auch meine Einsicht: Nicht ich habe all diese jungen Leute umgebracht, Dylan war der Mörder.

*Sue Klebold: "Liebe ist nicht genug", Fischer, 16,99 Euro

Übernommen aus dem aktuellen stern