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Gemeinde in Bremerhaven Jeans, Tattoos und Metal-Messen: Skatende Pastoren wollen Kirche neu denken

Maximilian Bode (l) und Christopher Schlicht vor dem Altar der evangelischen Emmaus-Gemeinde in Bremerhaven
Maximilian Bode (links im Bild) und Christopher Schlicht sind Pfarrer der evangelischen Emmaus-Gemeinde in Bremerhaven. Die beiden Männer teilen sich die Stelle
© Sina Schuldt / DPA
Zwei junge Pastoren mischen mit ihrer unkonventionellen Art eine Gemeinde in Bremerhaven auf, die in einem sozialen Brennpunkt liegt. Nach ihren Gottesdiensten werden schon mal spontan Kircheneintrittswünsche geäußert.

Sie sind ganz normale junge Menschen: Maximilian Bode hat lila Haare und Christopher Schlicht ein auffälliges Tattoo am linken Arm, beide tragen gern Basecap, fahren Skateboard und hören auch mal Techno und Metal. Doch mit ihrer unkonventionellen Art wollen sie nun auch mit Kirchengewohnheiten brechen – denn die beiden Freunde sind Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde in Bremerhaven. Im Sommer übernahmen sie nach Theologiestudium und Vikariat die Leitung der Emmausgemeinde in Grünhöfe.

Das Quartier gilt als sozialer Brennpunkt mit hoher Kinderarmut in der Nordsee-Stadt. Die Stelle war seit über einem Jahr unbesetzt, nun teilen sich die beiden die Arbeit. Und bringen dabei viel frischen Wind in den Kirchenalltag.

Nah dran an den Gläubigen

"Wir passen in den Stadtteil", sagt Christopher Schlicht. In den Gottesdiensten tragen die beiden Jeans statt Talar. Nur das Kollarhemd mit dem weißen Kragen weist daraufhin, dass sie Geistliche sind. Nach dem Gottesdienst lässt Schlicht sich gern die neuesten Tattoos der Besucher zeigen, Bode tauscht schon mal Tipps für Haarfärbemittel aus. Doch den beiden geht es nicht nur um Äußerlichkeiten.

Beide predigen vor dem Altar, die Kanzel haben sie noch nie betreten. "Wir wollen nicht von oben herabkommen", sagt der 29-jährige Bode. Im Gottesdienst ist selten eine Bachkantate von der Orgel, häufig aber christliche Live-Popmusik von der "Social Soulband" zu hören. Planungen für Gottesdienste mit Techno- und Metalmusik laufen bereits. "Wir wollen mit Kirchengewohnheiten brechen", so Bode, der sich Pastor Max nennt und nicht etwa Pastor Bode.

Sie kommen in ihrer Gemeinde gut an

Auch im Internet sind die beiden aktiv, übertragen ihre Gottesdienste live, chatten, laden Filmchen mit dem Titel "Frag die Captains" hoch. Darin erklären sie auf witzige Art zum Beispiel, wie man einen Schoko-Erdnuss-Brotaufstrich selber macht (Achtung Spoiler: Schokoerdnussriegel in der Sonne liegenlassen). Gerade in Coronazeiten sei es wichtig, die Kirche zu den Menschen zu bringen, dafür haben die beiden den Slogan #Zuhausekirche kreiert.

Ihre Art kommt in der 2.700 Mitglieder großen Gemeinde gut an. Die Pastoren werden beim Einkaufen angesprochen oder im Dönerladen, ihr "Dienstfahrzeug" ist das Skateboard. "Das Skateboard öffnet die Herzen und die Neugier", sagt Schlicht. In die Gottesdienste dürfen coronabedingt zurzeit nicht mehr als 40 Besucher. Weil die inzwischen locker erreicht werden, müssen Stühle in den Flur gestellt werden. Die Besucher kommen mit Jogginghose und Kappe auf dem Kopf, Kinder laufen herum. "Wenn man ein Wort nicht hören wird bei uns, dann ist es 'psst'", so der 31-Jährige. "Gottesdienste sollen gefühlvoll und lustig sein."

Zwei Neumitglieder, ein Austritt

Das Skateboard lassen die Pastoren beim Gottesdienst vor der Tür. Damit zum Altar zu fahren, wäre dann doch zu sehr eine "Max- und Chris-Show", sagen sie. Das machen sie nur fürs Foto. Stolz sind sie darauf, dass sie in ihrer kurzen Dienstzeit schon zwei Neumitglieder gewinnen konnten. Die Bilanz des letzten Monats: Ein Austritt, zwei Eintritte.

Normalerweise sehen die Zahlen in der Evangelischen und der Katholischen anders aus: 2019 traten etwa 270.000 Menschen aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu kommt, dass sich bei den Protestanten laut Religionssoziologe Detlef Pollack 70 Prozent der Mitglieder nicht oder kaum am kirchlichen Leben beteiligen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm betonte bei der Vorstellung der Zahlen im Juni: "Die Kirche will sich verändern und tut dies jetzt schon."

Pastor Max und Pastor Chris gehören zu diesem Wandel. Ihr buntes Auftreten ändere aber nichts daran, dass sie ihren Job sehr ernst nähmen. "Ich liebe es, von Gott zu erzählen", sagt Christopher Schlicht. "Die Botschaft bleibt dieselbe, nur die Form ist anders."

"Kirche ganz neu denken"

Die Freunde lernten sich im Studium kennen – ihre Idee war es, sich im dreijährigen Probedienst eine Pastorenstelle zu teilen. "Halbes Geld, aber voller Bock", sagt Pastor Max dazu. Im Team zu arbeiten, bedeute weniger Stress. "Das ist es uns wert." Schlicht wohnt im Pfarrhaus, Bode hat sich eine Wohnung in einem der Häuserblocks gemietet.

Pastor Benjamin Simon-Hinkelmann, Sprecher der Landeskirche Hannover, sagt, die beiden seien perfekt für die Gemeinde. "Die beiden wollten Kirche ganz neu denken", sagt er. Und das könnten sie. "Es gibt dort keine klassische Kirchenklientel. Man muss neue Wege gehen." Die beiden Pastoren gehen diese mit dem Skateboard.

Janet Binder / meh DPA

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