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Gendern mit y Sprache soll geschlechtergerecht sein, aber bitte nicht verunstaltet. Ein Österreicher hat eine Idee

Ein Ausschnitt aus dem Duden zum Begriff gendern und genderneutral
"Es ist zu beobachten, dass sich die Variante mit Genderstern in der Schreibpraxis immer mehr durchsetzt", analysiert der Duden
© Arnulf Hettrich / Imago Images
"Harmlose" Sonderzeichen in Wörtern scheinen die Gemüter zu spalten, zumindest, wenn es um das Thema Gendern geht. Thomas Kronschläger ist Germanist, Literaturdidaktiker und schlägt eine Genderform mit y vor: So wird aus Arzt und Ärztin der Begriff Arzty. Der stern hat mit ihm über "Genderwahn" und die Veränderung der deutschen Sprache gesprochen.

Herr Kronschläger, wieso ausgerechnet das y?
Das ist eine Form, die seit 30 Jahren von Hermes Phettberg verwendet wird, in seinen Kolumnen der Wiener Wochenzeitung "Falter". Dementsprechend habe ich mir die Form nicht ausgesucht, sondern ich habe eine Form gefunden, die es bereits gibt. Es ist da, weil ein Künstler es verwendet hat und ich habe die Regeln dahinter formalisiert.

Die Regel dahinter heißt, die neutrale Wortform plus y mit dem dazugehörigen Artikel "das"?
Genau. Wir haben es zu tun mit dem Wortstamm plus y und im Plural der Wortstamm plus ys. Beispielsweise wird Raucher zu Rauchy. Dasselbe haben Sie bei Zuschauys, Wirty, Lesys und so weiter.

Gendern Sie auch im Alltag damit?
Ja tatsächlich, seit drei Jahren. Ich erkläre das schnell, wenn ich zum Beispiel neue Menschen kennenlerne. Wenn ich ein Schreiben an eine Behörde richte, tu ich das bislang nicht. Aber im privaten Umfeld auf jeden Fall.

Und welche Reaktion bekommen Sie darauf in der Regel?
Die meisten Menschen sind interessiert und aufgeschlossen, sie versuchen, diese Form dann auch mal zu verwenden. Bei manchen bleibt es auch hängen. Viele verwenden die Form vielleicht auch nur, wenn sie mit mir sprechen (lacht). Aber es sind sehr viele begeistert von dieser Form, weil es das Sprechen einfacher macht, aber trotzdem die Geschlechter sichtbar macht. Das ist ja auch meine Intention: damit alle Menschen anzusprechen und vor allem keine Geschlechter auszuschließen.

Aber diese Form wird nur dann benutzt, wenn das Geschlecht nicht relevant oder nicht bekannt ist. Das heißt, zum Beispiel bei einem Fahndungsaufruf oder bei Personen, deren Geschlecht eine Rolle spielt, da käme diese Form nicht zum Einsatz?
Ganz genau. In vielen Punkten ist das Geschlecht ja relevant. Wenn ich zum Beispiel sage: Zur Erhöhung der Frauenquote schreibt man eine Stelle bewusst für Frauen aus. Dann wird nicht nach Phettberg entgendert. Dann sucht man gezielt zum Beispiel eine Vorstandsvorsitzende.

Gendern wird von einigen noch kritisch gesehen

Ein Portrait des Germanisten Thomas Kronschläger
Thomas Kronschläger kam in Österreich zur Welt und lehrt Germanistik und Literaturdidaktik an der Technischen Universität in Braunschweig
© Jacqueline Tümler/TU Braunschweig

Gendern spaltet: Viele sehen es als Fortschritt und sagen, es erhöhe die Sichtbarkeit und schließe mehr Menschen ein. Trotzdem gibt es genügend Menschen, die sagen: An der Gleichberechtigung ändert das nichts, gendern bringt doch gar nichts. Was sagen Sie dazu?
Wenn jemand sagt, gendern bringt nichts, ist immer die Frage: Was soll es denn tun? Ein Grund für das Gendern ist, dass es präziser ist. Es ist präziser, einem Menschen kein Geschlecht zuzuschreiben, als Menschen einfach nach irgendwelchen Kategorien einzuteilen. Wenn ich sage: "Ich brauche einen neuen Zahnarzt", schließe ich zumindest gedanklich schon alle Zahnärztinnen damit aus.
Die andere Seite der Medaille ist die der Höflichkeit. Wir alle haben natürlich im Alltag die Möglichkeit, so unhöflich und bösartig zu sein, wie wir wollen. Aber man kann durchaus auch höflich sein wollen. Und ich finde es höflicher, einer Person kein Geschlecht zuzuschreiben als das falsche Geschlecht. Zum Beispiel: Das Kellny, das mir nach dem Lockdown meinen ersten Kaffee serviert, dem werde ich sehr dankbar sein. Da ist mir total egal, ob das eine Kellnerin oder ein Kellner ist. Das Geschlecht sollte im Idealfall im Alltag keine Rolle spielen. Das Eine ist, Menschen mitzumeinen, aber das Andere ist, alle Menschen tatsächlich auch anzusprechen.
Wir Menschen denken ja gerne in Schubladen: Stellen Sie sich vor, wir würden das mit anderen sozialen Kategorien machen und Menschen müssten immer ihren aktuellen Vertragsstatus mit angeben. Ist das relevant? Hoffentlich nicht immer. Insofern ist das Geschlecht auch eine Kategorie und vor allem eine sehr persönliche.

"Sprache ist etwas zutiefst Emotionales"

Aber die Gleichberechtigung stärkt das auch nicht, oder? Im Sinne davon, dass es zum Beispiel aufs Konto einzahlt.
Das ist eine total spannende Eigenart, die dieser Diskurs hat. Das wäre, als würden Sie politische Anliegen vergleichen. Wir haben zum Beispiel den Klimawandel und wir haben Chancenungleichheit in der Bildung. Und Sie sagen: "Wir müssen jetzt alles fürs Klima tun, alles andere ist daher irrelevant." Die sprachliche Gleichstellung und die soziale Gleichstellung können sich natürlich bedingen. Aber es hat meines Wissens nach niemand jemals gesagt: Wenn wir die Sprache ändern, wird sich sofort auch alles andere ändern. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass wir die vorhandene Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen schließen. Ich kenne auch niemanden, der oder die behauptet, dass wir das allein über die Sprache schaffen können.

Ein häufiges Gegenargument ist auch, Gendern "verhunze" die deutsche Sprache. Ist das beim "Entgendern" mit y nicht auch so?
Das setzt ja voraus, dass es eine feste Sprache gibt, die "verhunzt" werden könnte. Dabei gibt es das Deutsche in sehr unterschiedlichen Formen seit ungefähr dem 8. Jahrhundert. In 1200 Jahren deutscher Sprache hat sich aber ganz viel verändert, und die Sprache wurde auch immer wieder aktiv verändert, wenn man zum Beispiel an die Übersetzung der Bibel von Martin Luther denkt, die absolut entscheidend war für die deutsche Sprache. Man kann natürlich sagen, Luther hätte nicht bewusst in die Sprache eingegriffen, er hat eben seinen Job gemacht und die Bibel wurde danach viel gelesen. Dennoch hat Luther viel darüber nachgedacht, welche Worte er wählt.
Wir sehen heute vielmehr, mittlerweile auch bestätigt durch das Bundesverfassungsgericht, dass es eben mehr als zwei Geschlechter gibt. Wenn wir das in der Sprache ausdrücken wollen, müssen wir nach Möglichkeiten suchen. Da gibt es ganz viele Menschen, die sich damit beschäftigen, auch durchaus im nicht akademischen Kontext. 

Sprache verändert sich immer

Sie haben gerade schon Martin Luther und die bewusste Entscheidung für eine veränderte Sprache angesprochen. Einige weigern sich zu gendern, weil dadurch die Sprache "künstlich" verändert würde. Trotzdem sprechen wir heute natürlich nicht mehr wie im Mittelalter. Wieso verändert sich Sprache überhaupt?
Wenn sich die Lebensumstände ändern, wenn sich die Welt ändert oder unsere Wahrnehmung auf die Welt. Wenn weniger Menschen religiös sind, wird beispielsweise nicht mehr so oft "Gott sei Dank" gesagt, oder "um Gottes willen". Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal die Phrase "Himmel hilf" verwendet haben?
Sprache hat ganz viel mit veränderten Lebensumständen zu tun – auch mit Prestige. Das ist ein Faktor, der zur Sprachveränderung antreibt. Um das 19. Jahrhundert herum war zum Beispiel Französisch eine Modesprache, inzwischen ist es mehr das Englische. Wir haben heute viele Begriffe, die aus dem Englischen kommen, weil sie Prestige haben und weil sie mit anderen Lebensumständen assoziiert werden. Ein Beispiel dafür ist das "Home Office", wofür man früher "Teleworken" oder "Arbeit von zu Hause" gesagt hätte. Aber es ist eben kürzer, klingt lässiger und passt besser zur Lebenssituation.

Kann man dann überhaupt von einer künstlichen Beeinflussung sprechen, um wieder auf das Gendern zurückzukommen?
Genau das ist die spannende Frage: Gibt es eine nicht künstliche Beeinflussung? Oder gibt es dann eine natürliche Beeinflussung? Dann wäre Sprache etwas, in das wir nicht eingreifen. Das hieße aber auch, dass Sprache etwas wäre, über das wir nicht nachdenken. Und ich glaube nicht, dass das der Fall ist.

Ich habe in sozialen Netzwerken öfter gelesen, dass diese Genderform mit y als niedlich oder auch lustig wahrgenommen wird. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Ich verwende das y schon lange, und noch viel länger, als ich es selbst verwende, habe ich es in den Kolumnen von Hermes Phettberg gelesen. Also, ich lache nicht jedes Mal, wenn ich meine Kollegys anspreche, weil ich es niedlich finde. Wenn eine Zeitlang von Mördys oder Terroristys berichtet wurde, werden wir uns daran gewöhnen – wenn wir das wollen. Und wenn das dazu führt, dass diese Gesellschaft ein bisschen niedlicher oder vielleicht netter in der Kommunikation wird, kann das auch kein großer Fehler sein, würde ich sagen.

Gendern mit y: Sprache soll geschlechtergerecht sein, aber bitte nicht verunstaltet. Ein Österreicher hat eine Idee

Typische Kampfbegriffe in dieser Debatte sind ja auch Wörter wie Genderwahn oder Gendergaga. Was halten Sie von diesen Begriffen?
Das sind wertende Begriffe, die aber auch sehr unkonkret sind. Im Bereich der Gender Studies arbeiten die Menschen extrem sorgfältig. Da von einem Wahn zu sprechen, fiele mir nicht ein. Über andere Fachrichtungen würde man niemals so sprechen. Ich habe noch nie etwas von einem Isotopen-Wahn gehört oder von einem Maschinenbau-Wahn. Man unterstellt einer Forschungsrichtung eine bestimmte Ideologie. Und das ist erstens sachlich falsch, und zweitens finde ich es schade. Ich weiß auch gar nicht, wie ich diesen Vorwurf ausräumen soll, weil ein Wort wie "Genderwahn" einfach blindlings um sich schlägt. Das ist ein Wort wie ein Molotowcocktail.
Ich würde sagen, dass die Gender Studies eine der für die Gesellschaft fruchtbarsten Forschungsrichtungen sind, die wir überhaupt in den letzten 50 Jahren hatten. Auch in anderen Fachbereichen hat sich viel getan, aber das ist eine Forschung, in der es um viel geht, weil sie reale Auswirkungen hat.

Zum Beispiel?
Wenn wir an das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes erinnern: Die Biologie weiß schon lange, dass wir es mit mehr als zwei Geschlechtern zu tun haben. Aber dass wir das als Gesellschaft auch wahrnehmen und darüber sprechen, findet noch nicht so lange statt. Der Anteil von intergeschlechtlichen Personen – also Personen, deren Körpergeschlecht nicht eindeutig einer medizinischen Norm von männlich oder weiblich entspricht – an der Weltbevölkerung ist, je nach Schätzung, so groß wie der der Rothaarigen. Stellen Sie sich jetzt einmal vor, wir würden einfach alle Rothaarigen ausschließen. Das haben wir aber mit Personen, die sich in einer ausschließenden Geschlechternorm nicht wiederfinden, jahrhundertelang getan. Haarfarbe, um bei diesem Beispiel zu bleiben, erwähnen wir nicht – Geschlecht aber fast immer, wenn wir über Personen sprechen. Insofern wäre Entgendern eine Möglichkeit, das Geschlecht dort rauszunehmen, wo es für das Thema nicht relevant ist.

"Es gibt keine Genderpolizei oder Ähnliches"

Begrifflichkeiten wie diese zeigen ja auch, wie emotional Sprache ist. Dass man zu solch harschem Vokabular greift, weil man sich vielleicht bedroht fühlt oder Angst oder schlicht keine Lust hat, sich umstellen zu müssen.
Das ist ein total wichtiger Aspekt: die Angst, dass plötzlich etwas aufgezwungen würde. Das sehe ich so nicht. Ich kenne niemanden, der oder die das tut. Es ist vielmehr eine Frage der Höflichkeit, so wie wir beide uns jetzt zum Beispiel siezen, weil das ein beruflicher Kontext ist und wir höflich miteinander umgehen. Gendern wird jetzt vielleicht auch üblicher, aber ich kenne keine Sprach- oder Genderpolizei, wie es so oft heißt. Wenn es die gäbe, hätte ich sie schon getroffen. Oder irgendein Amt – ich meine, wir sind in Deutschland, es müsste dafür ein Amt geben, das feste Regeln vorgibt (lacht). Es gibt also keinen Zwang, aber viele Menschen scheinen das so zu erleben, oder sie schreiben einfach gerne einen Zwang herbei.
Wir können mit Sprache so viele schöne Dinge tun, wir können einander so viel Schönes sagen, wenn wir wollen. Es wäre doch schön, wenn wir das als Gesellschaft öfter wahrnehmen würden, anstatt immer nur zu sagen: Himmel hilf, ich muss jetzt irgendetwas tun, das ich nicht tun möchte.


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