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Rätselhafter Tod in Leisnig: Er stellt die Sporttasche in die Garage. Dann verschwindet er. Was bleibt, sind quälende Fragen

Im sächsischen Leisnig verschwindet ein 20-jähriger Student. Später wird seine Leiche im Fluss gefunden. Nun suchen die Eltern nach der Wahrheit: War es Suizid? Ein Unfall? Ein Verbrechen? 

Von Anette Lache

Leisnig: Christians Eltern quält die Frage, wie ihr Sohn ums Leben kam

Am 6. Februar wird Christians Leiche gefunden, Taucher und Kripobeamte machen sich in der Nähe von Leisnig auf den Weg, sie zu bergen.

Was von ihm blieb, war seine Jacke. Seine Basecap. Der Schal. Der Schlüsselbund und der Ausweis, die Gesundheitskarte und der Fahrzeugschein für den alten grünen Golf mit dem Rolling-Stones-Aufkleber über der Stoßstange. Alles lag auf der Fußgängerbrücke, darunter floss die Mulde.

Hatte er die Sachen selbst dort abgelegt? Oder sollten alle in die Irre geführt werden? Die Polizei, die Freunde, die Eltern?

"Neu Beverly Hills"

Susan und Dirk Morgenstern wissen es nicht. Ihr Sohn hat ihnen viele Rätsel hinterlassen. Das Rätsel um sein Verschwinden. Das Rätsel um seinen Tod. Ja, sogar das Rätsel um sein Leben, von dem sie dachten, es zu kennen. Bis zu jener Nacht, die alles veränderte, der Nacht von Silvester auf Neujahr.

Seither versuchen die Eltern Antworten zu finden, Licht ins Dunkel zu bringen. Für ihren Sohn tun sie das, "das sind wir ihm schuldig". Und um nicht in einer Endlosschleife aus quälenden Gedanken hängen zu bleiben. Ihre größte Sorge ist, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Akte zuklappen könnten, ohne dass geklärt wäre, was vor viereinhalb Monaten passiert ist in der sächsischen Kleinstadt Leisnig. Wie Christian starb. Und vor allem: warum.

Dezember 2018. Christian kommt schon vier Tage vor Heiligabend heim. Sein Vater ist Geschäftsführer einer Baufirma, das Haus der Familie steht auf einem Hügel, der in Leisnig "Neu Beverly Hills" genannt wird, die Eltern sind großzügig. Seit dem Herbst finanzieren sie dem 20-Jährigen eine Zweizimmerwohnung in Bernburg, wo er Landschaftsarchitektur und Umweltplanung studiert. Es macht ihm Spaß, die Kommilitonen sind so locker drauf wie er selbst.

Die Kleinstadt Leisnig, der Fluss Mulde, über dem Fluss die Fußgängerbrücke. Hier wurden am 1. Januar 2019 Jacke und Papiere des Studenten Christian Morgenstern gefunden.

Die Kleinstadt Leisnig, der Fluss Mulde, über dem Fluss die Fußgängerbrücke. Hier wurden am 1. Januar 2019 Jacke und Papiere des Studenten Christian Morgenstern gefunden.

Christian ist kaum in Leisnig angekommen, da düst er schon weiter nach Dresden zu seinem Cousin, sie besuchen ein Konzert, fahren einen Tag lang Ski am Keilberg in Tschechien. Christian schickt per Whatsapp Schnappschüsse an seine Familie. Zwei grinsende Jungs im Schnee.

Am 23. Dezember ist er zurück, schmückt mit seinen Geschwistern Sarah, 22, und Elias, 14, den Weihnachtsbaum. Er ist fröhlich, entspannt. "Mein Bruder und ich waren uns sehr nah. Nichts sprach in diesen Tagen für Depressionen oder dafür, dass er Probleme hat", sagt Sarah. "Er war nicht verändert und hat sich nicht von uns zurückgezogen. Auch nicht in den Wochen zuvor."

"Tschüs"

Als cool, witzig und lebensfroh beschreiben ihn seine Freunde. Auch wenn er einer der Ruhigeren unter ihnen gewesen sei. Von sich aus habe er nur gern geredet, wenn es um seine Lieblingsthemen ging, um Umwelt und Politik oder um philosophische Fragen. Hilfsbereit sei er gewesen, empathisch. Und Single. "Das lag daran, dass er sehr hohe Ansprüche hatte, was Frauen anbelangt", sagen die Freunde.

Die Zeit zwischen den Jahren. Nach der weihnachtlichen Familienfeier lässt Christian es weiter krachen. Am 28. Dezember packt er den PC-Tower aus seinem Kinderzimmer in sein Auto. Und den Bürostuhl. Er will ein paar Hundert Meter entfernt mit acht anderen Jungs eine mehrtägige LAN-Party feiern. Die Partyräume grenzen an das Haus, in dem einer der jungen Männer mit seiner Familie wohnt. "Tschüs", ruft Christian seinen Eltern zu. Es ist das letzte Mal, dass Susan und Dirk Morgenstern ihren Sohn lebend sehen.

Die nächsten drei Tage sitzen er und seine Freunde fast rund um die Uhr vor ihren Rechnern: Call of Duty, Payday, ein Mafiosi-Spiel, Strategiespiele. Die Jungs hören Hip-Hop, Indie und Funk. Sie holen sich Pizza und Döner, trinken Desperados, Wodka Banane und Coffeedrinks. Drogen? Kein Thema, sagen die Freunde.

Schlauchboote, Feuerwehr und Spürhunde wurden eingesetzt, um Christian zu finden

Schlauchboote, Feuerwehr und Spürhunde wurden eingesetzt, um Christian zu finden

Die Nacht vor Silvester machen sie durch, kurz nach acht Uhr am Morgen fahren sie zu McDonald's, dann legen sie sich noch mal auf das Matratzenlager neben den Partyräumen. Sie wollen abends weiterfeiern, mit noch mehr Leuten. Es ist 12.16 Uhr, als Dirk Morgenstern seinem Sohn eine Nachricht schreibt: "Hallo Christian, willst du in den Sommerurlaub mitkommen? Gruß Papa".

Gegen 18 Uhr bringt Christian seine Computersachen nach Hause. Er duscht und macht sich für die Silvesterparty fertig: dunkle Hose, schwarzes T-Shirt mit Aufdruck, eine Strickjacke von Lacoste, dazu eine Basecap mit der Aufschrift "What Happens On Earth", dem Schriftzug von K.Dot, dem Rapper. Über die Strickjacke zieht er eine dicke Arbeitsjacke. Er nutzt die Pause, um seinen Vater anzurufen, der mit der Mutter unterwegs ist. Es ist 18.31 Uhr.

Plötzlicher Aufbruch

Dirk Morgenstern hört den Anruf nicht, er meldet sich später zurück. Da ist Christian längst wieder beim Feiern. Er sagt: "Ich fahr mit in den Sommerurlaub." 21.03 Uhr ist es da. Sieben Stunden später wird er verschwunden sein.

Die Silvesternacht. 25 Leute sind sie nun in den Partyräumen, Christian mittendrin. Sie hören House und Techno, spielen Gesellschaftsspiele. "Werwolf" und "Mord in Palermo". Kurz nach 23.30 Uhr laufen sie zum Marktplatz. Sie haben Feuerwerkskörper und Böller dabei, um Mitternacht stoßen sie mit Rotkäppchensekt an. Christian küsst eines der Mädchen, eine alte Freundin.

Gegen zwei Uhr geht die Gruppe wieder los. Auf Höhe des Kirchplatzes stößt sie auf ein altes Ehepaar, der Mann tut sich schwer mit dem Laufen. Christian und die Freundin bieten den beiden an, sie nach Hause zu begleiten. Sie bringen sie über die Fußgängerbrücke, die über die Mulde führt. Die Frau steckt Christian fünf Euro als Dankeschön zu, und die jungen Leute laufen zurück in Richtung Party.

Die Sporttasche, die ihr Sohn zu Hause abgestellt haben muss, ehe er verschwand

Die Sporttasche, die ihr Sohn zu Hause abgestellt haben muss, ehe er verschwand

Dem stern schildern die Senioren Christian als "sehr zugewandt und fröhlich in dieser Nacht, keinesfalls betrunken". Und auch die Freunde beschreiben ihn als "etwas alkoholisiert", aber "absolut zurechnungsfähig". Fünf oder sechs Flaschen Bier habe er im Laufe des Abends getrunken. Es habe keinen Streit auf der Feier gegeben, Christian sei gut drauf gewesen. Das einzig Auffällige: sein plötzlicher Aufbruch.

Gegen 3.45 Uhr steht er mit seiner Tasche im Türrahmen der Partylocation. Einer der Freunde fragt überrascht: "Schläfst du nicht hier?" Christian sagt: "Nein, ich mach jetzt nach Hause." Auf drei Mädchen, mit denen er eigentlich ein Stück des Wegs gehen wollte, wartet er nicht mehr. Er habe gewirkt, als würde er unter Zeitdruck stehen, sagt einer der Partygäste.

Die Brücke über der Mulde

Sieben bis acht Minuten Fußweg sind es von der Feier bis zu Christians Elternhaus, um kurz vor vier muss er seine Sporttasche in den Carport gestellt haben. Dann verliert sich seine Spur. Sicher ist nur: Er hat das Grundstück wieder verlassen.

Der Neujahrsmorgen. Gegen acht Uhr wird es hell, auf der Fußgängerbrücke über die Mulde liegen Böllerreste. Und – fast mittig – eine Arbeitsjacke. Gegen neun wird sie von einem Spaziergänger erstmals wahrgenommen. Gegen 11.30 Uhr hebt ein Anwohner sie auf, bemerkt, dass sie nicht sonderlich nass ist, obwohl es in der Nacht geregnet hat. Der Mann nimmt die Jacke und die Gegenstände, die er darunter findet, mit und legt sie in seinen Hausflur.

Gegen 12.30 Uhr sieht Dirk Morgenstern die schwarze Sporttasche seines Sohns mit dem neonfarbenen Besatz im Carport stehen. Genau dort, wo er sie auch immer hinstellt, wenn er vom Sport kommt. Niemand sonst kann sie in der Nacht dort platziert haben, das Grundstück ist rundum gesichert mit Mauer und Zaun, außerdem hätte Bo, der Hund, bei Fremden angeschlagen. Christian ist oben und schläft, denkt der Vater.

Susan und Dirk Morgenstern glauben nicht an einen Suizid

Susan und Dirk Morgenstern glauben nicht an einen Suizid

Gegen 12.45 Uhr klingelt das Telefon. Ein Mann sagt, er habe Christians Papiere auf der Fußgängerbrücke gefunden. Die Eltern gehen in sein Zimmer, das Bett ist unbenutzt. Sie versuchen, ihren Sohn anzurufen. Mailbox. Sie suchen ihn im Haus, im Garten, in der Laube. Nichts. Susan Morgenstern ruft die Mutter des Freundes an, bei dem die Silvesterparty stattgefunden hat: "Ist Christian bei euch?" Nein, ist er nicht.

Dirk Morgenstern fährt zu einem Freund von Christian, der woanders gefeiert hat. Fehlanzeige. Die Mutter läuft bis zu einem Aussichtspunkt, an dem ihr Sohn oft war. Nichts. Schließlich stehen die Eltern auf der Brücke über der Mulde. Der Anwohner hat ihnen genau beschrieben, wie er Christians Sachen vorgefunden hat: die Karten und Ausweise verstreut auf dem Boden, darüber ausgebreitet wie eine Decke die Jacke. Die Mappe mit den Fahrzeugpapieren und der Schlüsselbund steckten in den Außentaschen. Den Eltern fällt sofort auf: Es fehlen Christians Brieftasche, seine EC-Karte und sein schwarzes iPhone 7 mit dem roten Drachen auf der Hülle. Ist Christian überfallen worden? Oder entführt? Gab es Streit, wurde er ins Wasser gestoßen? Eine Eifersuchtsgeschichte? Noch von der Brücke aus wählen die Eltern den Notruf.

Vermisstenfall

Die Mutter: "Suizid schloss ich in dem Moment nahezu aus. Wer zieht seine Jacke aus und sortiert seine Karten, bevor er Selbstmord begeht? Und wählt man dafür eine Brücke, die nicht besonders hoch ist, wenn nebenan die Bahnlinie verläuft und es in nächster Nähe steile Felswände gibt?"

Der Vater: "Ich habe kurz überlegt, ob er sich eine Auszeit genommen haben könnte, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, warum. Aber dagegen sprach, dass der Personalausweis und die Gesundheitskarte auf der Brücke lagen."

Die Mutter: "Die Art und Weise der Ablage der Sachen wirkte merkwürdig auf uns, irgendwie fingiert."

Als die Beamten vom Polizeirevier Döbeln eintreffen, nehmen sie die Stelle in Augenschein, an der die Jacke gefunden wurde, die Spurensicherung rufen sie nicht. So ist unbekannt, ob es Blutspuren auf der Brücke gegeben hat, Fingerabdrücke oder Abrieb am Brückengeländer, Faserspuren. Die Polizisten behandeln das Verschwinden des jungen Mannes wie einen gewöhnlichen Vermisstenfall.

Christian und seine Schwester Sarah standen sich nah. Sie versichert, er habe vor seinem Verschwinden nicht depressiv gewirkt. Das Foto zeigt die beiden bei der Feier zu seiner Fachhochschulreife 2018.

Christian und seine Schwester Sarah standen sich nah. Sie versichert, er habe vor seinem Verschwinden nicht depressiv gewirkt. Das Foto zeigt die beiden bei der Feier zu seiner Fachhochschulreife 2018.

Sie lassen sein Handy orten, eine sogenannte Funkzellenabfrage bei den Mobilfunkanbietern veranlassen sie nicht. Mit der hätten sie die Verkehrsdaten aller Handys bekommen können, die während der fraglichen Zeit in der Gegend eingeschaltet waren. Für die Abfrage wäre ein richterlicher Beschluss notwendig gewesen, für diesen wiederum der Verdacht auf eine Straftat und die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Doch die Polizei sieht keinen konkreten Anfangsverdacht auf eine Straftat.

Die Handyortung ergibt: Der letzte Standort des Geräts lag tatsächlich in einer Funkzelle, die auch die Brücke abdeckt. Die Zeit: 4.21 Uhr. Die Polizei sucht nun das Ufer der Mulde ab, bis hin zum etwa 350 Meter entfernten Wasserwerk mit dem Wehr.

Ausnahmezustand

Die Mutter, eine gelernte Krankenschwester, erklärt den Beamten in der Zeugenvernehmung, Christian habe weder depressiv noch traurig gewirkt, nichts deute für sie auf Suizid hin. Nach einschneidenden Ereignissen in Christians Leben befragt, fällt ihr nur der ungeklärte Tod eines Freundes im vergangenen August ein, ein Unfall mit Fahrerflucht. Um 20.15 Uhr schreibt Susan Morgenstern ihrem Sohn: "Wir sind in großer Sorge um Dich. Egal, was ist, wir sind für dich da … Wir bitten und beten, dass Du lebst. In Liebe, Deine Mutter."

Anfang Januar. Die Suche geht weiter. Hubschrauber, Taucher, Schlauchboote mit Sonargerät, Feuerwehr sind im Einsatz. Spürhunde versuchen, Christians Fährte zu finden. Die Polizei sagt, nichts spricht gegen Suizid oder einen Unfall. Die Eltern und Freunde sagen: Nichts spricht für einen Suizid.

Dirk und Susan Morgenstern lassen 2000 Flyer drucken und überlegen, ob ihrem Sohn womöglich K.-o.-Tropfen verabreicht worden sind. Ob er mit Chloroform betäubt wurde und irgendwo festgehalten wird. Selbst über Organhandel denken sie nach. Kopfkino rund um die Uhr. Und eine Familie im Ausnahmezustand.

Im Haus seiner Eltern erinnern Fotos und ein großes Porträt an Christian

Im Haus seiner Eltern erinnern Fotos und ein großes Porträt an Christian

Als Christians Computer ausgewertet wird, findet sich nichts, was die Suizidthese der Polizei bestätigen würde. Christian hat sich weder in entsprechenden Foren aufgehalten noch Suizidmethoden gegoogelt. Browserverlauf, Mails, Dokumente: alles unspektakulär.

Am 7. Januar stellen die Morgensterns Strafanzeige wegen des "Verdachts einer Straftat gegen Leben und Gesundheit von Christian Morgenstern". Sie wollen erreichen, dass endlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Chemnitz bewertet die Sachlage anders als die Eltern. Trotzdem gibt es nun "Vorermittlungen", und die Kripo in Chemnitz soll mit einbezogen werden.

Ungewissheit

Die Eltern bekommen die gefundenen Kleidungsstücke von der Polizei zurück. In einem Pappkarton. Nun haben sie die Jacke, aber immer noch nicht ihr Kind.

Mitte Januar. Die Polizei sucht weiter nach dem Vermissten, parallel dazu laufen Ermittlungen bei den Banken. Es stellt sich heraus, dass von den 10.500 Euro, über die Christian 2016 nach der Auflösung seines Ausbildungskontos verfügen konnte, nur noch 1,30 Euro vorhanden sind. Das überrascht die Eltern. Christian war sparsam, und sie überwiesen ihm jeden Monat Geld. Hat er irgendjemandem eine größere Summe geliehen? Was, wenn er diese bis Neujahr zurückhaben wollte?

Auf der Rechnung zu Christians Handy entdeckt der Vater, dass es am 1. Januar noch bis 7.32 Uhr eine Datenverbindung gegeben hat. Das heißt, das Handy hatte bis etwa um diese Uhrzeit eine funktionierende Internetverbindung über den Mobilfunkanbieter und kann nicht auf dem Grund der Mulde gelegen haben. Lebt Christian doch noch?

Elias, der kleine Bruder, schreibt in diesen Tagen eine Nachricht auf die Schreibtischunterlage des Vermissten: "Christian, ich hoffe, du bist gesund und nicht tot."

Die Polizei jedoch beharrt auf der Suizid- oder Unfalltheorie, sucht nach Hinweisen auf psychische Probleme. Susan und Dirk Morgenstern sehen keine. Sie sind erschöpft. Die Ungewissheit zermürbt.

15 Kilometer flussabwärts von Leisnig

6. Februar. Gegen 10.30 Uhr entdecken Taucher von einem Schlauchboot aus einen Körper, der bäuchlings im Wasser liegt, 15 Kilometer flussabwärts von Leisnig. Er hat sich in Ästen verhakt. Das Gesicht ist eingehüllt in Algen. Bei dem Toten finden sie ein Handy, die Schutzhülle zeigt ein Drachenmotiv. Nach einem DNA-Abgleich steht endgültig fest: Es ist Christian.

Die Eltern erfahren am nächsten Morgen im Polizeiposten Leisnig, dass Christians Uhr, seine EC-Karte und seine Geldbörse nicht gefunden wurden. Und dass es rein äußerlich keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung gibt. Der von den Rechtsmedizinern festgestellte Todeszeitraum, 1. bis 2. Januar, passe zu seinem Verschwinden. Im Polizeibericht heißt es an diesem Tag, es gebe "keine Annahme für eine Straftat, die zum Tod des jungen Mannes geführt hat. Vielmehr spricht derzeit nichts gegen ein suizidales Geschehen."

Die Eltern aber fragen sich: Hätte Christians Körper nicht bei einem Sturz von der 7,30 Meter hohen Brücke in einen 2,40 bis 2,80 Meter tiefen Fluss deutliche Verletzungen aufweisen müssen? War die Brücke wirklich der Todesort? Hätte er dann nicht schon in den ersten Tagen zwischen Brücke und Wehr gefunden werden müssen? Hochwasser, das ihn über das Wehr oder die sogenannte Fischtreppe hätte spülen können, gab es erst knapp zwei Wochen nach seinem Verschwinden.

Auf Nachfrage des stern sagt die Staatsanwaltschaft am 25. Februar: "Es gibt derzeit keine neuen Ermittlungsansätze. Die Obduktion hat keine Anhaltspunkte für eine Straftat ergeben. Er hatte wenig Alkohol im Blut, keine Drogen." Aber die Eltern haben das Gefühl, dass es etwas gibt, das sie noch nicht wissen, noch nicht greifen können. Und es kommen neue Rätsel hinzu.

Trauergottesdienst

Über die Ersatz-SIM-Karte des Toten, die bis heute bei der Polizei liegt, werden ältere Text- und Sprachnachrichten gefunden, in denen von Betäubungsmitteln die Rede ist, von Ott und Herb, Bezeichnungen für Marihuana, von "10 Euro pro Gramm" und von "superkrassem zeug für 8er kurs", von "Cookies" und "niederländischem Brötchen", von "highspeed" und "super silver haze", aber auch von Abnehmern und Fahrten. Zwischen Oktober 2015 und März 2018 sind Drogen in unregelmäßigen Abständen Thema zwischen Christian und einer anderen Person*. Über die Drogen spricht meist die andere Person, und Christian reagiert.

Die Fragen, die sich die geschockten Eltern stellen, als sie mit der Polizei sprechen: War ihr Sohn in etwas hineingeraten, das tödlich für ihn endete? Wusste er zu viel, wollte er aussteigen? Oder war in den Messages nur die Rede von Drogen für den Eigenbedarf, allenfalls noch für ein paar Bekannte? Die geringen Mengenangaben in den Nachrichten könnten darauf hindeuten. Sarah erzählt ihren Eltern, dass Christian bis zum Beginn seines Studiums gelegentlich gekifft habe. Mehr weiß sie auch nicht. Ob es in Sachen Drogen Ermittlungen gibt? Die Eltern wissen es nicht. Die Polizei hält sich bedeckt.

Weltweite Straftaten : An diesen Orten werden die meisten Menschen ermordet

Anfang März. Fast 400 Menschen kommen zum Trauergottesdienst in die St. Matthäi-Kirche in Leisnig. Viele weinen. Die Anteilnahme tut den Eltern gut, in ihrer Danksagung schreiben sie: "Die große entgegengebrachte Wertschätzung gibt uns Mut und Kraft, weiter nach der Wahrheit zu suchen."

Die Wahrheit. Sie scheint weiter entfernt denn je, als Dirk und Susan Morgenstern über ihren Anwalt einige Wochen später endlich Einblick in die Akte nehmen können. Sie erfahren, dass am 1. Januar kurz nach zehn Uhr eine unbekannte Person versucht hat, das Passwort von Christians Apple-Account zurückzusetzen und somit Zugriff auf seine gesamte Kommunikation zu bekommen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht einmal die Familie wusste, dass er vermisst wird.

Offene Fragen

Noch unglaublicher: Offenbar bereits im Januar hat die Polizei ermittelt, dass sich Christians Handy am 2. und am 7. Januar für kurze Zeit im Empfangsbereich des familieneigenen WLANs befunden hat. Dass sich also jemand mit dem Handy des Toten, das einen Monat später mit ihm aus dem Fluss gezogen wurde, in der Nähe ihres Hauses aufgehalten hat. Wie kann das sein? Wer war das? Und wie kam das Handy dann später wieder zu der Leiche?

Dirk und Susan Morgenstern hoffen, dass Christians aus dem Wasser geborgenes Handy noch zu retten ist. Dass die Zugangsdaten durch Cybercrime-Spezialisten wiederhergestellt werden können und die Polizei dann an alle Whatsapp-Nachrichten aus der Zeit um Silvester gelangt. Ob die Eltern dann endlich Antworten bekommen?

*Aus rechtlichen Gründen dürfen Name und Geschlecht hier nicht genannt werden.

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