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Pflegeheime: Ein verschworenes Team. Niemand schöpfte Verdacht. "Mit euch würde ich auch morden"

Angeklagt des Mordes: Danny L. und seine Kollegen galten als engagiert, als ein verschworenes Team. Niemand schöpfte Verdacht, bis ein Video auftauchte. Nun stehen die drei Pfleger vor Gericht.

Von Ingrid Eißele

Mord im Altenheim: Drei Pfleger stehen vor Gericht

Drei wegen Mordes angeklagte Pfleger waren im Seniorenhaus Lambrechter Tal tätig. Es wird von der Arbeiterwohlfahrt betrieben. Vom "Pflege-TÜV" wurde es bestens benotet. Die Aussagekraft dieser Noten ist allerdings umstritten.

Es waren die Tage zwischen den Jahren, an denen keiner gern Dienst schiebt. Danny L. hatte bereits fünf Nachtschichten hinter sich und Anspruch auf ein paar freie Tage. Doch weil Kollegen ausfielen, bat ihn seine Chefin, auch am Abend des 29. Dezember 2015 einzuspringen. Danny L. sagte zu.

Der junge Pflegehelfer, erst seit acht Monaten im Seniorenhaus im pfälzischen Städtchen Lambrecht dabei, war allein auf Station mit 46 Bewohnern. Nicht alle schliefen nachts, manche waren unruhig wie die demente Wiltrud T., geisterten durch die Flure wie Herr S., mussten medizinisch versorgt werden wie die Dialysepatientin Lydia L.

Am nächsten Morgen lag die 85-jährige Gisela T. tot in ihrem Bett. Der Arzt bescheinigte einen natürlichen Tod.

"Net dass es auffällt. Wie viel hast du nochmal nachgespritzt?"

Dass der Tod der alten Dame seit September vor dem Landgericht Frankenthal als Mord verhandelt wird, liegt vor allem an einem: an Danny L. selbst. Er habe mit der Schuld nicht mehr leben können, "die macht einen wahnsinnig", und deshalb bei der Polizei ein Geständnis abgelegt, das der 24-Jährige jetzt vor Gericht wiederholt. Ja, er habe Gisela T. in jener Nacht Insulin gespritzt, obwohl sie keine Diabetikerin war, und sie dann mit einem Sofakissen erstickt. Es habe "gefühlt eine Ewigkeit" gedauert. Er habe aus Überforderung, Verzweiflung, Panik gehandelt.

Es klingt, als müsste man Mitleid haben mit Danny L., dem jungen Pflegehelfer, der in einer Dezembernacht allein gelassen wurde mit 46 alten Menschen. Wären da nicht die Chats, die die Polizei auf seinem Handy sicherte und die sich ausgedruckt nun auf dem Richtertisch stapeln. Mehr als 20 Aktenordner voller Protokolle: Kurznachrichten an die Kollegen Celina M. und Michael K. Etliche aus der Nacht, in der Gisela T. starb. Und die erzählen eine andere Geschichte.

22.26 Uhr. Danny L.: "Sie zittert."

22.27 Uhr. Danny L.: "Ist schon im Unterzucker. Nachladen?"

22.43 Uhr. Celina M.: "Hast gemessen?"

22.45 Uhr. Danny L.: "Ich lad nach."

23.50 Uhr. Celina M.: "Net dass es auffällt. Wie viel hast du nochmal nachgespritzt?"

0.41 Uhr. Celina M.: "Bin gespannt, ob du es schaffst."

1.03 Uhr. Celina M.: "Zur Not Luft weg."

Danny L: "Was?"

1.08 Uhr. Celina M.: "Kissen aufs Gesicht. Ersticken ..."

1.19 Uhr. Danny L.: "Die lebt noch!"

6.43 Uhr. Danny L.: "Um 4.15 Uhr hab ich es beendet."

Die Richter verhandeln auch den Tod der 62-jährigen Lydia L., die zwei Monate später starb, laut Anklage ebenfalls durch Insulin. Künstliches Insulin, das den Blutzuckerspiegel senkt, kann im Extremfall tödlich sein. Es baut sich schnell im Körper ab, gilt deshalb als schwer nachweisbar – und als Klassiker für den "perfekten Mord". Nachweisen ließ sich in diesen Fällen ohnehin nichts mehr: Beide Frauen wurden kurz nach ihrem Tod eingeäschert. Es gibt nur das Geständnis von Danny L. – und die Chats.

"Freude an der Machtausübung"

Celina M., 27, sitzt neben Danny L. auf der Anklagebank. Beide waren einmal befreundet, sie hatte ihm den Job im Heim verschafft. Nun würdigen sie einander keines Blickes. Danny L., in schwarzem Jackett und mit sorgfältig rasiertem Sidecut, gilt offenbar als Verräter. Wichtig gemacht habe er sich ja immer schon, behauptet Celina M. Die junge Frau, klein und kräftig, ist eine ausgebildete Pflegefachkraft, seit Jahren arbeitete sie im Seniorenhaus Lambrechter Tal, sie spricht voller Berufsstolz über ihre "Fachlichkeit". Der dritte Angeklagte ist der angelernte Pfleger Michael K., stets im karierten Hemd, groß, blass, schweigsam und mit 48 der Älteste. Er galt bei Kollegen und Bewohnern als sensibler Mensch. Anfangs wirkte er noch zögerlich. "Leute, ihr macht mir etwas Angst", schreibt er vor den Taten. Aber in der Todesnacht von Gisela T. antwortet er auf die Frage von Danny L., ob er "nachladen" solle: "Wenn es schnell wirkt, mach es." Am Tag danach, als der Arzt den Totenschein ausgestellt hat, schreibt er beflissen: "So ihr Lieben, alles erledigt, ihr wisst schon … Papiere, alles okay."

"Freude an der Machtausübung", vermuten die Staatsanwälte, sei das Motiv für die Morde gewesen. Langeweile wohl auch. Und, auch das lässt sich aus den Chats lesen: eine bizarre Form von Freundschaft. "Mit Euch würd ich auch morden", schreibt Celina M. eine Woche vor Gisela T.s Tod. "Jetzt ist Blut an unseren Händen", schreibt Danny L. am Tag nach der Tat. "Das verbindet uns mehr als vorher." Michael K. antwortet: "Auf jeden Fall." Celina M. lobt: "Gut, dass du das so konntest. Respekt!"

Knapp zwei Monate später stirbt die schwerkranke Lydia L., die als anspruchsvolle und fordernde Patientin gilt, zwei Wochen danach sollen sie Wiltrud T. attackiert haben, die nur knapp überlebt. Auch ihnen, das legen die Chats nahe, soll das Trio Insulin gespritzt haben. Michael K. jubelt danach: "Wir drei sind die Besten."

Das Schwurgericht nimmt sich viel Zeit für den Fall. Bis März soll verhandelt werden, mehr als 80 Zeugen werden vernommen, Kollegen, Vorgesetzte, Angehörige, Polizisten. Hunderte von Chats werden verlesen. Es geht für die Angeklagten um viel, um Lebenslänglich, vielleicht sogar um Sicherungsverwahrung.

Celina M. und Michael K. bestreiten die Morde. Alles sei nur "makabres Geschwätz" gewesen, ein Rollenspiel, das nie Realität wurde. Sein Verhalten, sagt Michael K., sei "völlig kindisch und unreif" gewesen.

Celina M. und Michael K. hatten bereits seit Jahren Heimbewohner beklaut, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Sie wussten, wo die Wertsachen waren. Einer lenkte die Bewohner ab, "der andere hat sich umgeschaut". Sie nannten es "Mutprobe", es war ihr hässliches kleines Geheimnis, das sie bald mit Danny L. teilten. Der zog die Sache größer, stahl EC-Karten und hob Geld von Konten der alten Menschen ab, einmal sogar 1600 Euro. Das Geld gab er unter anderem für "Pep" aus, Aufputschmittel; das habe ihm geholfen, wach zu bleiben. Auch Celina M. nahm Amphetamine und abends Schmerzmittel, um schlafen zu können.

"Wer uns nicht passt", brüstet sich M., "wird dezent entsorgt."

Celina M. steht in der Hierarchie über den beiden Männern, sie ist die Fachkraft. In den ersten Jahren habe ihr die Arbeit in Lambrecht noch Spaß gemacht, erzählt sie, bis sie sich ständig überlastet und von ihren Vorgesetzten nicht mehr genug wertgeschätzt gefühlt habe. "Mein Wutpegel", sagt sie, "war sehr hoch." Er richtet sich gegen die Schwächsten: die Bewohner. Sie nennt sie "dabbische Kuh" oder "die fette R.". Celina M. und Danny L. befeuern sich gegenseitig. Bald kursieren Namenslisten von Alten, die sie "ekelhaft" finden. "Wer uns nicht passt", brüstet sich M., "wird dezent entsorgt."

Celina M. und Michael K. arbeiten seit sechs Jahren zusammen. Sie sind einander "Familie". Bis Danny L. kommt. Anfangs sieht K. den Neuling skeptisch. Danny L. gilt unter Kollegen als "Party-Typ", laut, lustig, aufgekratzt. Doch dann bemerkt Celina M., dass der schwule Michael K. für den jungen Kollegen schwärmt. Er besucht ihn nachts im Dienst, obwohl er frei hat. M. ist eifersüchtig.

Vor Gericht versucht sie zu erklären, warum die Kollegen ihr so wichtig waren. Ihre Mutter sei von Alkohol und Tabletten abhängig gewesen. Ihr Vater habe viel gearbeitet, nach der Trennung der Eltern sei sie in der Verwandtschaft herumgereicht worden, "damit nicht jeder das ganze Leid hat". Jahrelang habe sie unter ihrer aggressiven Mutter gelitten, sie gepflegt bis zu deren Tod. Die Kollegen sind alles. Familie, Freunde, Bestätigung. "Mein größtes Defizit war, dazugehören zu wollen", sagt sie.

In den Monaten nach dem Tod der beiden Frauen fangen die drei an, andere Bewohnerinnen zu verspotten und zu quälen. Einer malen sie ein Hitlerbärtchen an, eine andere garnieren sie mit Schinken- und Käsescheiben, immer wird gefilmt, die Clips schicken sie sich gegenseitig via Whatsapp. "Isse net süß?", kommentiert Michael K. Einmal geben sie acht Senioren ein Abführmittel, um die Kollegin zu "ärgern", die Dienst hat. Danny L. fordert eine Bewohnerin auf, sich mit der Toilettenbürste zu kratzen. Ein andermal gibt er ihr ein Glas Urin zu trinken. Celina M. bewirft eine hilflose alte Frau mit Pralinen und ruft: "Da, friss!" Es wirkt, als wollte einer den anderen an Niedertracht übertrumpfen.

Ob es nie Beschwerden gab von Bewohnern über die Pfleger, fragt die Oberstaatsanwältin eine Vorgesetzte. Die kann sich nicht erinnern. Nur einmal habe eine Frau über Michael K. gesagt, der wolle sie töten. Weil sie psychisch krank war, wurde ihr nicht geglaubt.

Sie schlägt vor, gemeinsam zu morden

"Herren der Finsternis" nennen sich die drei großspurig. Jeder findet seine Rolle. Danny L. ist der Mann fürs Grobe, von ihm vor allem stammt der rohe Ton. Celina M. hat die Ideen. Sie schlägt vor, gemeinsam zu morden oder eine Bewohnerin "mit Morphium zu bearbeiten". Michael K. findet offenbar alles gut. "Er war bald genauso makaber drauf wie wir", sagt Celina M.

Doch im Frühjahr 2016 driftet das Trio auseinander. Celina M., die in einer Beziehung mit einer Frau lebt, beobachtet misstrauisch die Annäherung der beiden Männer. Die gehen nun ohne sie auf Klautour. Ende August beschweren sie sich bei der Leiterin des Wohnbereichs über Celina M. Die schikaniere sie, spreche schlecht über die Chefin, stehle Opiate. Sie spielen ihr über Kollegen das Pralinenvideo zu.

Die Heimleitung erstattet Anzeige gegen Celina M., sie wird gefeuert. Darauf schickt sie ihrerseits der Polizei Handy-Clips, die zeigen, wie die beiden Kollegen Bewohner verspotten und misshandeln. Bald kämpft jeder gegen jeden.

Danny L. übergibt der Polizei sein Handy. Es sei ihm klar gewesen, dass die Ermittler bald auf die Chats stoßen würden – und auf die Verbrechen. Es ist auch eine Flucht nach vorn. Danny L. nennt Celina M. "manipulativ" und "ein unberechenbares Miststück". Irgendwann wäre die Sache ja doch herausgekommen, sagt er im Gericht. Im Dezember 2016 werden er und Celina M. festgenommen, Michael K. wenige Tage später.

Heute gibt es im Seniorenhaus keine festen Teams mehr, die sich abkapseln könnten, nach einem "Rotationsprinzip" wird ständig gewechselt. Handys müssen während des Dienstes weggeschlossen werden.

Die Ermittlungen aber sind nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft untersucht nun weitere 57 Todesfälle in dem Altenheim.

Celina M. und Michael K. beteuern ihre Unschuld. "Es ist nie irgendwas passiert", sagt M. "Es war nur ein Spiel."

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