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"stern-Seelsorge": Psychotherapeutin berichtet über die Hilfsaktion des stern: "Viele fühlen sich in dieser Krise aus­geliefert"

Die Psychotherapeutin Michaela Huber bietet im Rahmen der "stern-Seelsorge" ihre Hilfe an. Sie berichtet über die Auswirkungen der Krise auf die Seele – und über die Hilfsaktion des stern.

Nina Poelchau

Die Psychotherapeutin Michaela Huber

Die Psychotherapeutin Michaela Huber nimmt an der Hilfsaktion "stern-Seelsorge" teil und steht Leserinnen und Lesern mit ihrem Rat zur Seite

Für die Aktion "stern-Seelsorge" haben sich mehr als 30 Fachleute bereit erklärt, mit Lesern persönlich über deren Ängste und Probleme zu sprechen. Zu unserem Team gehören Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Familientherapeutinnen, Seelsorger und berufliche Coaches. Rufen Sie an, oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit Ihrem Problem oder Anliegen. Wir suchen für Sie einen unserer Experten aus und stellen den Kontakt her. Es handelt sich um stützende und beratende Gespräche und keinen Ersatz für eine Psychotherapie. Alles bleibt anonym und ist kostenlos. Telefonnummer: 0172/1390173 (besetzt ­jeweils dienstags, donnerstags und sonntags zwischen 16 und 18 Uhr, auch Ostersonntag), E-Mail: seelsorge@stern.de (Mails werden täglich von 9 bis 20 Uhr bear­beitet). 

Seit einer Woche gibt es die "stern-Seelsorge". Sie gehören zu den Therapeutinnen, die in Abendstunden und am Wochenende Hilfe anbieten. Was fällt Ihnen bei den Menschen auf, die sich melden?

Es sind tapfere Menschen, die sich, bevor diese Krise kam, meist lange gut stabil gehalten haben, auch wenn sie im Leben einige Schicksalsschläge verkraften mussten. Jetzt aber sitzen sie daheim, ihre gewohnte Alltagsstruktur ist dahin, sie können Kolleginnen, Freunde und Verwandte nicht empfangen. Zudem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und das verstärkt ihr Gefühl, dass keiner da ist. Die einen verfallen dann in Starre oder ­Depression und gehen gar nicht mehr raus; die anderen tigern unruhig herum, haben ­große Angst, aber auch Wutanfälle – und fühlen sich allein damit überfordert.

Was können Sie da raten?

Erst einmal höre ich respektvoll und wertschätzend zu. Das allein erleben viele als wohltuend. Dann frage ich vorsichtig, ob das, wovor sie die größte Angst haben, ­vielleicht etwas ist, das sie schon kennen, vielleicht schon aus der Kindheit: in einer hilflosen Situation zu sein, die existenziell bedrohlich ist.

Zur Corona-Krise gehört, dass niemand wirklich die Kontrolle hat.

Das ist ein Aspekt, der große Angst macht und typisch für Situationen ist, die traumatisieren können. Viele fühlen sich ausgeliefert. Ich arbeite mit den Menschen heraus, was sie im Leben bereits alles erreicht haben. Was manchmal geholfen hat. Und was sie jetzt noch brauchen, um sich souveräner und handlungsfähig zu fühlen. Manchmal ist es gut, die persönlichen Strategien, schwierige Zeiten zu meistern, deutlich zu machen. Ich rege zum Austausch mit anderen an – der ist in solchen Situationen wichtig. Manchmal braucht es auch weitere professionelle Unterstützung. Ich vermittele gern die Kontakte.

Sie haben als Traumaexpertin Menschen nach extremen Ereignissen begleitet und dazu Untersuchungen angestellt. Glauben Sie, dass es langfristige psychische Probleme geben kann – auch wenn die Welt nach der Corona-Krise zu einer Art Normalität zurückgekehrt ist?

Die Wucht, mit der viele Menschen aus ihrem Leben herausgeschleudert wurden, ähnelt Ereignissen wie 9/11 oder Fukushima. Unmittelbar in und nach existen­ziellen Krisen sind die meisten mit dem Überleben beschäftigt und damit, ihren Alltag an die Situation anzupassen. In dieser Zeit gibt es auch eine Woge der Solidarität. ­Viele denken noch: Ich werde damit fertig. Tatsächlich lässt die Solidarität bald nach, der Verteilungskampf beginnt. Es geht dann darum, wer möglichst schnell wieder auf die Beine kommt – und vorn ist.

Die psychologische Soforthilfe reicht nicht aus?

Die Erfahrung zeigt, dass zwei bis drei Jahre später ein großer Bedarf an seelischer Aufarbeitung besteht, weil sich dann massivere Symptome wie Depressionen oder Angststörungen eingestellt haben. Deshalb müssen wir – gerade bei den Leuten mit seelischen Vorbelastungen – jetzt schon viel auffangen, um Schlimmeres zu verhüten.

Worauf kommt es an, um psychisch für die Zeit nach Corona stabil zu bleiben?

Niemanden zurücklassen – nicht nur kurzfristig, sondern über die kommenden Monate hinweg. Das ist die Chance jetzt: zu lernen, nach einander zu schauen und sich umeinander zu kümmern – nicht nur unter Familienmitgliedern oder im Freundeskreis, sondern auch in der Nachbarschaft und darüber hinaus.

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